Die Frau im ethnomusternen Kleid

„Komisch. Du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, und bringst mich trotzdem zum Kotzen. Du kommst übrigens aus einem wunderschönen Ort. ERKENNE DICH SELBST.“

Sie, die Frau im ethnomusternen Kleid, betrat, es muss nach 22 Uhr gewesen sein, den Nachtzug nach Wien. Der schlecht beleuchtete Bahnhof, an dem sie zustieg, umfasste zwei Gleise und ein verlassenes Zollhäuschen. Die Gegend ringsherum sah adrett aus. Man konnte, obwohl es beinahe dunkel war, in der Ferne die Spitze eines Kirchturms, eine Siedlung mit dicht an dicht stehenden Fachwerkhäusern und einen Hügel erkennen, der – so kam es mir jedenfalls vor – schützend im Hintergrund ewiger Idylle ruhte und das Panorama abschloss. An den Namen des Ortes erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich, weil es einer dieser typischen Ortsnamen war, wie sie einem auf so vielen Fahrten durch die befelderte Provinz und die unendlichen Weiten akkurat strukturierten Ackerlandes im Laufe eines Lebens begegnen.

Als ich meinen Blick wieder von dem Dorf abwandte und der Zug langsam zur Weiterfahrt anrollte, saß sie mir plötzlich rechts diagonal in einem Vierer gegenüber. Sie war bei voller Beleuchtung noch schöner. Eine echte Augenweide autochthoner Auslese oder, in den Kriterien heutiger Schönheitswettbewerbe gedacht: ausgeschieden gegen einen Schwanz, eine dicke Halbschwarze und eine Oma gegen Rechts, die man samstags, „Bella Ciao“ krächzend, in der Wuppertaler Innenstadt antrifft.

Sehr bemüht, ihre kleinbürgerliche Herkunft, in die man nur über ein Gleis hinein- und über ein zweites wieder rauskommt (so muss es sich viele Jahre für sie angefühlt haben), durch den auffälligen Bullenring in der Nase und – wie schon beiläufig erwähnt – ein sensationell sitzendes (ethnomustertes) Kleid zu verschleiern, scheiterte dieser mehr oder weniger plumpe Täuschungsversuch schon an ihrem guten Benimm: Das devote Hervorholen ihres Studententickets. Oder als sie sofort aufsprang und einer älteren Dame ihren Nebenplatz anbot. All das sprach dafür, dass sie wusste, was sich gehört. Ich war nun ziemlich sicher, meiner Zukünftigen gegenüberzusitzen. Ablegen könnte sie den lästig empfundenen, bodenständigen Mief, der trotz der äußeren Konversion zum Kosmopolitismus an ihr haftete, wohl ohnehin nur, wo der neongrelle Frevel tobt, wo lauter Bass und Suff im Dunkel die Reinheit ihrer Sprache und das Sanfte ihrer Stimme zu übertönen vermögen. Das würde ich nicht zulassen! Ich würde sie schon wieder erden und zu ihren Wurzeln zurückführen und ihr ein anständiges Leben ermöglichen und mir ihr Glück darüber in allen möglichen Stellungen bezahlen lassen.

Den Flyer mit der offensiv zur Selbstreflexion auffordernden Überschrift „ERKENNE DICH SELBST“, den mir ein Zeuge Jehovas am Bahnhof in die Hand gedrückt hatte, hielt ich mir wie ein dümmlicher Detektiv aus diesen alten Schwarz-Weiß-Filmen vors Gesicht, um sie nicht permanent anzustarren – und meine Faszination bzw. fleischliche Gier zu verbergen. Noch in inneren Rückblenden, die nach einer ähnlich begehrenswerten Frau fahndeten, versunken, raschelte es plötzlich gegenüber im Paradies. Sie kramte in ihrem Jutebeutel und zog einen flaschenähnlichen Gegenstand heraus. Auf ihrer Thermoskanne der Schriftzug: „There is no planet B“, was so viel heißt wie: Wenn „wir“ – also vorrangig natürlich andere – nicht sofort wie vor der Erfindung der Glühbirne leben, geht die Welt unter. Auf einmal erschien sie mir gar nicht mehr so attraktiv. Nein. Auch wie sie spielend mit ihrem klassisch moosgrünen Faber-Castell-Bleistift eine blonde, leicht rötliche Strähne zur Welle wickelte: Rita Hayworth ist das noch lange nicht. Ich stellte mir vor, wie sie mich in arrogantem Belehrungssprech à la Michel Friedman wegen der furzenden Kühe ins Gebet nehmen und ich eine Portion Kichererbsenpüree bestellen würde, um sie zumindest einmal in die Kiste zu bekommen. Würde ich das wirklich aushalten? Den Soyboy zu mimen, um mich in ihrem geilen, schneeweißen Skinnykörper entladen zu dürfen?

Hin- und hergerissen suchte ich nach weiteren Anhaltspunkten und entdeckte einen „Good night, white pride“-Patch auf ihrem Beutel. Wen sie wohl damit meint: den Ku-Klux-Klan, den Kolonialherren vom Jobcenter Bonn-Tannenbusch oder jemanden, der seine Tochter nicht in einem Asylheim übernachten lässt? Wieder sah ich Bilder aus unserem gemeinsamen Leben wie im Kino vor meinem inneren Auge ablaufen: Wir auf einem Ausflug ins Grüne. Sie, ich und unser Sohn Kasper-Hauke, dem sie abends nicht Grimms Märchen vorliest, sondern eine Liste aller inzwischen gültigen Pronomen reindrückt. Oder: Ein ewiges, bleiernes Referat über den strukturellen Nationalismus, Endstation Auschwitz, alternativ Hanau, während der Junge doch verdammt noch mal einfach nur Frisbee spielen will! Diese Frau würde einem ganz sicherlich alles vermiesen. Und selbst wenn die Nationalmannschaft zur kommenden WM im Trumpland in Regenbogentrikots aufliefe, würde sie sich auf einer Sonntagsspazierfahrt über die an den Balkonen eines Plattenbaus herunterhängenden Deutschlandfahnen – 3 von 4 bei Familie Yüksel – beklagen und aus dem einzigen freien Tag in der Woche ein Politikum machen.

Die anfängliche Anziehung war verflogen. Kurz bevor ich am Ziel war, steckte ich der schnarchenden Utopie einen Notizzettel in den halb aufgeklappten Laptop, mit dem sie sich zuvor wohl von den neuesten ultraliberalen Abartigkeiten degenerierter Streamingangebote hatte berieseln lassen. Auf diesem stand: „Komisch. Du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, und bringst mich trotzdem zum Kotzen. Du kommst übrigens aus einem wunderschönen Ort. ERKENNE DICH SELBST.“

„Na toll“, dachte ich, bevor mein Blick endgültig das Weite suchte: Ein „It’s okay to punch Nazis“-Sticker auf ihrem Laptop. Sie würde unserem Sohn also im Sommer die Spritzpistole verbieten, aber Björn Höcke gerne nachts auflauern und ihm mit einem Teleskopschläger den Schädel zertrümmern. Sondierung der Paarungsbereitschaft? Unmöglich. Ich hätte ihr wirklich gerne das Kleid hochgezogen und ihr die Fotze geleckt, aber dieser Kontrast – wildes, archaisches Ethnomuster vs. Hyperpolitisierung –, diese Selbstreduktion des Schönen auf eine mit beknackten Botschaften zugeschissene Litfaßsäule aus Menschenhaut – erwies sich leider als absoluter Lustkiller.

Noch in derselben Nacht, während ich mir ein belegtes Brötchen im menschenleeren Bahnhofsfoyer reinwürgte, kam mir ein seltsam bitterer Gedanke: Bin ich das dumme, überpolitisierte Arschloch? Ich sah die Frau im ethnomusternen Kleid nie wieder.

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