Erinnerung, Kultur und Hoffnung

Manchmal besucht man Orte in der Hoffnung, dort alte Zeiten zu finden. Doch man wird oft enttäuscht, die Orte sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sondern haben sich wie die Zeiten auch geändert.

Manchmal besucht man Orte in der Hoffnung, dort alte Zeiten zu finden. Doch man wird oft enttäuscht, die Orte sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sondern haben sich wie die Zeiten auch geändert. Eigentlich ist es schon falsch, zwischen Raum und Zeit eine Trennung vorzunehmen, dies ist nicht nur eine Erkenntnis der modernen Physik, sondern auch ein Teil unserer Lebenserfahrung. In Wahrheit sehnen wir uns nicht nur nach einer bestimmten Zeit zurück, wobei wir die räumliche Komponente ignorieren, sondern nach einer bestimmten Einheit von Zeit und Raum, wie sie zu einer bestimmten Zeit gegeben war. Da diese Einheit jedoch einmalig war, bleibt unsere Sehnsucht bloß Sehnsucht, selbst wenn wir die alten Orte aufsuchen und unserer Erinnerung damit auf die Sprünge helfen wollen. Womit wir die Erinnerung jedoch in gewisser Weise wieder als etwas Unselbständiges schwächen. 

Wäre es nicht auch denkbar, dass wir Orte aufsuchen, bei denen wir das Gefühl haben, dass dort etwas für unser Leben Wichtiges stattfinden wird? Warum diese Verengung auf die Vergangenheit, diese Bevorzugung der Erinnerung im Vergleich zur Hoffnung? Es ist uns möglich, aufgrund ihrer vermeintlichen Konstanz vergangene Orte aufzusuchen, nicht jedoch vergangene Zeiten. Die Erinnerung will diesen Makel überwinden, sie neidet dem Raum die Möglichkeit überzeitlichen Seins, sie will zu den alten Zeiten vorstoßen. Zum Erinnern müssen wir uns noch nicht einmal körperlich weg bewegen, wie bei einem Ortswechsel, wie dies beim Aufsuchen eines Ortes, der für uns eine wichtige Rolle spielte, der Fall ist. Dies zeigt, dass das Denken der Zeit und die Bewegung dem Raum verhaftet sind. Bewegung ist aber immer Bewegung in der Zeit. Für Aristoteles war die Zeit die Zahl der Bewegung. Das Zählen ist jedoch ein bewusster Akt unseres Denkens. Auch dies zeigt, dass Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden sind.

Unterschätzen wir den Vorgang des Erinnerns gewöhnlich nicht? Das Erinnern erscheint uns eher als ein verschwommenes Abbilden denn als ein aktives Sich-hineinversetzen. Doch wenn wir uns so intensiv erinnern, als wäre das Vergangene präsent, so sagt dies ja auch etwas über die Leistungsfähigkeit unseres Erinnerungsvermögens selbst aus, und nicht nur über die Inhalte, an die wir uns konkret erinnern. Wäre es nicht denkbar, dass wir durch die Erinnerung eine tatsächliche Verbindung zu den Geschehnissen als raumzeitlichen Ereignissen haben? Dies würde bedeuten, dass es ein raumzeitliches Kontinuum gibt, bei dem alle Ereignisse miteinander in Verbindung stehen. Wenn wir uns im Moment unseres Todes an unsere Geburt erinnerten, wie auch immer, so wäre damit durch die Erinnerung eine Einheit von Geburt und Tod gegeben. Ist eine Erinnerung an die Geburt überhaupt möglich? Oder gibt es sie vielleicht nur, wenn wir sterben? Wenn wir im Moment der Geburt den Moment des Todes ahnten, was noch spekulativer erscheint, wäre diese Einheit ebenfalls gegeben. Es ist wie bei einem Kreis, der sich schließt, der an einem bestimmten Punkt entstand und der bis an ein bestimmtes Ende zirkuliert und zirkuliert, wie der Zeiger einer Uhr. Wobei Anfangs- und Endpunkt der Bewegung nicht Teil unseres alltäglichen Bewusstseins sind, sie liegen jenseits von dem, was wir eine gesicherte Erkenntnis nennen würden. Bei dem einen Punkt waren wir noch nicht, bei dem Anderen sind wir nicht mehr.

Trotz der Einheit von Zeit und Raum scheint uns doch der Raum als etwas Unveränderlicheres als die Zeit. Alte Orte, etwa uralte Häuser mit dicken Mauern, scheinen die Zeit zu ignorieren, sie bestehen über Jahrhunderte und Jahrtausende, scheinbar ewig. Unser Zeitempfinden prallt an ihnen ab, als ob es ihnen egal ist, was uns in der Zeit als wichtig erscheint. Als ob es ihnen einerlei ist, welche wichtigen Lebensereignisse wir gerade mit ihnen verbinden. Sie haben ein Eigenleben, das ihrer Entstehungszeit treu ist. Eine alte Kirche gibt irgendwo die Atmosphäre ihrer Entstehungs- und Bauzeit wieder, spätere Geschehnisse werden kaum abgebildet, vornehmlich in unserem Bewusstsein. Letztlich sind wir es selbst, in gewisser Weise durch unsere Lebenserinnerungen oder auch durch historische Aufzeichnungen, die alten Bauwerken ein Leben einhauchen.

Manchmal erscheinen uns der Raum und die Zeit auch austauschbar, als ob es seltsame Verbindungen zwischen verschiedenen Ereignissen gibt, die wir eigentlich als unabhängig voneinander betrachten. Wir bewegen uns an einen Ort und denken plötzlich an eine andere Zeit, die mit dem Ort scheinbar gar nichts zu tun hat. Oder wir erinnern uns an eine bestimmte Zeit und denken ebenso plötzlich an einen völlig anderen Ort. Und in unserem Denken und Fühlen scheint trotz dieser Widersprüche dennoch alles vereint. Und das Geheimnis der Einheit von Raum und Zeit hängt untrennbar mit dem Mysterium unseres Lebens, einschließlich unserer Geburt und unseres Todes, zusammen.

Wenn man diese individuelle Perspektive nun verlässt und zu einer kulturellen Dimension übergeht, was bedeutet dann das Erinnern, was bedeutet dann Hoffnung? Erinnerung ist auch Reflexion, Reflexion ist immer auch Philosophie, Philosophie ist im weitesten Sinne immer auch ein Element der Kultur. Gleichzeitig ist die Philosophie aber per se natürlich auch eine Reflexion über das, was individuelle Menschen im Allgemeinen tun, zum Beispiel aus einer kulturellen Tradition heraus. Dann wäre die Philosophie das selbstreflexive Moment der Kultur. Das reine Ausüben von Kultur findet in der Regel nicht reflexiv statt, zum Beispiel die alltägliche Pflege einer bestimmten religiösen Tradition. Denn Reflexion bedeutet immer irgendwo auch ein Infragestellen, religiöse Riten werden von denen, die sie ausüben, aber nicht infrage gestellt, ansonsten wären sie keine Riten.

Unter der Prämisse eines umfassenden Kulturbegriffes scheint der moderne und häufig verwendete, inzwischen überstrapazierte Begriff der Multikulturalität diesen dann wichtigen Aspekt von Kultur zu übersehen und nicht zur Geltung zu bringen. Wenn man den Begriff Multikulturalität in seiner gewöhnlichen Verwendungsweise hört, meint man, es gelte, doch die verschiedenen Kulturen der Welt, und vor allen Dingen die unterschiedlichen Religionen, als wesentliches oder wesentlichstes Element der Kultur eines Landes, zu respektieren. Man kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass es hier auch um Philosophie gehen könnte.

Zwar gibt es überall auf der Welt Philosophien, im weiteren Sinne, aber ich denke, dass die Philosophie im engeren Sinne ein Produkt des antiken Griechenlands ist und dort die Wiege und Wurzel von dem liegt, was wir heute den Westen, die westliche Zivilisation oder die westliche Kultur nennen.

Was ist der Kern dieser Philosophie, dieser Tradition, und unter obiger Voraussetzung dann auch dieser Kultur? Reicht es, wenn wir ihn generalisierend unter dem Begriff Kultur im landläufigen Sinne subsumieren? Ich denke, dieser Kern ist der reflexive Dialog, in dem unterschiedliche Meinungen gehört werden, in dem miteinander diskutiert wird. Zwar gibt es ihn beispielsweise auch im Buddhismus, vor allem im Zen-Buddhismus, man denke an den Koan. Aber hier bewegen sich die Beteiligten auf unterschiedlichen Ebenen, auf denen von Meister und Schüler. Der griechische philosophische Dialog ist dagegen reflexiver und offener, zwar weiß man als Beobachter hier auch, dass Sokrates über seinen Schülern steht, aber das Charakteristische seiner Philosophie und insbesondere seiner Mäeutik ist es ja gerade, dass er sich gänzlich auf die Ebene der Schüler begeben muss.    Ich denke, wir schätzen diese Tradition heute zu wenig, selbst oder gerade im Westen. Wenn wir von Multikulturalität sprechen, nehmen wir bewusst keine Gewichtung vor: Alle Kulturen und Traditionen seien gleich wichtig. Was sicherlich irgendwo richtig ist. Aber wir sollten uns gerade über die Qualität der westlichen Philosophie im Gefolge der griechischen Philosophie im Klaren sein: Das Wesen dieser Philosophie ist der offene Austausch und die Argumentation, nicht die religiöse Verehrung, nicht der Ritus. Dies ist auch eine Hoffnung, die aus der Erinnerung folgt: Wir müssen dazu bereit sein, diese Tradition, die ein wichtiger Baustein unserer Freiheit als frei denkender Menschen ist, zu verteidigen. Dies sind wir auch der europäischen Aufklärung schuldig, einer historischen Bewegung, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht und die nach der Renaissance, die ihrerseits eine Epoche war, die sich bewusst der Erinnerung und Rückbesinnung auf das griechische Erbe stellte und von einer philosophischen Kritik einseitiger Religiosität aus den Erfahrungen des Mittelalters begleitet war. Im Gefolge dieser Traditionen sind überhaupt erst die modernen Naturwissenschaften entstanden. Wir sollten unsere westliche Philosophie schätzen und nicht einem multikulturellen Relativismus opfern. Das hat sie nicht verdient und das haben ihre aufklärerischen religionskritischen Vorkämpfer nicht verdient.

Weitere Beiträge

Über Geschlechterdynamiken.
Der Rikishi zittert nicht, wenn sein schwerer Fuß die Erde berührt. Ihm ist weder kalt noch warm.
Der tiefste Einwand gegen Thiel liegt indes nicht in seiner Politik, sondern in seiner Anthropologie.
„Komisch. Du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, und bringst mich trotzdem zum Kotzen. Du kommst übrigens aus einem wunderschönen Ort. ERKENNE DICH SELBST.“
Monotheos wider den All-Einen.
Sechs Gramm sind mehr, als man so denkt; sechs Gramm sind wenig bald
Die Kunst einer gesunden Erziehung besteht darin, die vitale Energie junger Menschen nicht zu brechen, zu sanktionieren oder zu pathologisieren, sondern sie zu kultivieren.
Sagt ein Masochist zu einem Sadisten: „Bitte folter mich.” Sagt der Sadist: „Nein”, und so weiter …

Beiträge anderer Kategorien

Über die Darstellung D'Annunzios und seiner Legionäre in Bezinovićs Dokudrama "Fiume o morte!".
Dieter Wellershoff und die Selbstbehauptung des Realismus gegen Moral und Politik.
Nach dem Scheitern bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat: Deutschland hält den Kurs.
WATER WOMB WORLD GAME REVIEW
Eine App, die du nicht ablehnen kannst.
Ein Sieg für Systeme und Struktur. Arsenal London ist englischer Fußballmeister.
Ein Überblick über die Symbole, denen sich die Künstler bei Darstellungen der Reinkarnation bedienen.
Ein verlassenes Haus ist nicht weniger ergreifend als ein verlassener Mensch. Ich kenne das Foto seit dreißig Jahren, seit es mit Richards Nachlass zu mir kam. „Der Ort Arleux liegt in der Picardie“, sagte mir der Berater beim ADAC. Er zeigte mir die Gegend auf dem Bildschirm und druckte mir