Der perfetto legionario müsse — so der Maßstab, den D’Annunzios für seine Soldaten in Fiume setzte — über das bloße kriegerische Können hinaus auch im „nel sonare, nel ballare e nel cantare“ — im Musizieren, Tanzen und Singen — bewandert sein. In Igor Bezinovićs soeben erschienener, preisgekrönter Dokufiktion Fiume o morte! stellen heutige Bewohner Rijekas, ehedem Fiume, die sechzehnmonatige Okkupation ihrer Stadt durch Gabriele D’Annunzio im Jahre 1919 selbst nach. Was in den Reenactments wie im Archivmaterial eindrucksvoll zum Ausdruck kommt, ist die schiere Lebensfreude und mediterrane Leichtigkeit des jungen Lebens, die den Liberatoren der Forze armate fiumane ins Gesicht geschrieben stehen, so daß man meinen könnte, daß die Szenen, die einen kritischen Blick auf die Okkupation werfen, bewußt dramatisiert wurden, um zu verhindern, daß der Film einen profaschistischen Eindruck erweckt. Außerdem wird die Person Gabriele D’Annunzio als kahlköpfiger Faschist ins Lächerliche getrieben, so daß der Dichter so bizarr erscheint, daß man sich fragen könnte, warum 1919 die dreihundert Soldaten und die vielen anderen, die sich ihm anschlossen, dem alten Mann sechzehn Monate lang bis zur blutigen Weihnacht folgten. Man stelle sich vor, heute würde ein Ästhet und Intellektueller vor eine Truppe kampferprobter Soldaten treten und ihnen Befehle erteilen. Man möchte bezweifeln, daß sie sich von Wellen der Begeisterung hinwegreißen ließen.
Doch verkennt man D’Annunzio, wenn man ihn mit dem heutigen Begriff des Dichters fassen möchte, und seine Legionäre, wenn man in ihnen nur stumpfsinnige Mitläufer eines kommenden Faschismus erkennt. Gabriele D’Annunzio war im Sinne Nietzsches ein Dichter seines Lebens, voller Tatkraft und Vitalität, Liebhaber der „Divina“ Eleonora Duse und Kriegsheld, der mit seinem legendären Flug über Wien in die Geschichtsbücher einging. Gerade in dieser Verbindung von Dichtung, Lebensführung und Tat liegt jene Vorstellung des Dichters begründet, die Max Kommerell in seinem Begriff des „Dichters als Führer“ systematisch zu fassen versuchte. Bei Kommerells Dichterbegriff erscheint der Poet nicht primär als Verfasser von Werken, sondern als eine Gestalt, in der sich eine höhere Form menschlicher Existenz verkörpert. Seine Wirkung beruht weniger auf einer abstrakten Lehre als auf der Unmittelbarkeit seiner Persönlichkeit: Er führt, weil sein Geist Fleisch geworden ist und er zum Ausdruck dessen wird, was andere nur suchen.
Bezeichnend ist hierbei, daß der Begriff der Avantgarde selbst ursprünglich ein militärischer war: die vorausziehende Truppe, die dem Heer den Weg bereitet. In D’Annunzio vollzieht sich nun die merkwürdige Rückkehr dieser Metapher zu ihrem eigentlichen, buchstäblichen Sinn: Er ist nicht bloß künstlerische Avantgarde im übertragenen Sinne, sondern führt zugleich eine wirkliche militärische Vorhut an. Die Fleischwerdung des Dichters, von der bei Kommerell die Rede ist, vollzieht sich hier so vollständig, daß selbst die Metapher in ihre ursprüngliche Gestalt zurückfällt: Wort und Waffe, Geist und Truppe, verschmelzen ineinander.
Die Legionäre folgten daher D’Annunzio nicht allein aufgrund militärischer Disziplin oder Naivität, sondern aufgrund einer ästhetischen Erfahrung der Fleischwerdung der Gemeinschaft. Der Dichter, der Gestalt schafft, ist in diesem Sinne weniger Befehlshaber als Verkörperung eines Lebensprinzips. D’Annunzio verstand es, diese Einheit von Wort und Tat herzustellen: Sein Werk war nicht vom Leben getrennt, sondern entlud sich im Tatendrang.
Daher ist die Lebensfreude und Heiterkeit, die der Filmemacher Bezinović in Fiume o morte! begeisternd einzufangen vermochte, nur allzu verständlich, machten doch diese Männer die Erfahrung, sich als Gemeinschaft zu etwas Höherem hin zu entwerfen. In den Gesichtern der Laiendarsteller, die die historischen Begebenheiten als Reenactments in Szene setzten, blitzt etwas auf, das sich nicht in die Kategorie des historischen Kuriosums fassen läßt — die Sehnsucht nach Gestalt, Lebenslust und nach einem Wort, das sich verbürgt, indem es lebendiges Fleisch wird. So bezeugt der Film, in ironischer Distanz, jene Konstante, die in D’Annunzio, dem Dichter als Führer, ihre vollkommenste Gestalt fand.