Auf siebenundneunzig Zoll OLED schießt John Wayne einem toten Komanchen in die Augen. Das staubige Licht der Prärie fällt auf einen Mann mittleren Alters mit leicht erhöhtem BMI und Norwood Typ 3, der in das weiche Karamell eines Bison-Anilin-Ledersofas versunken döst, die rechte Hand zwischen Hugo-Boss-Trunk und Pyjamahose. Um ihn herum schleicht emsig eine Frau, um die Reste seines Mitternachtsbuffets einzusammeln – Anfang 20, knackig braun, grob geschätzt 1,48 Meter groß.
Vom Aufprall der Snackschüssel auf den Yakisugi-Couchtisch unsanft geweckt, schleudert er ihr „Verdammte Scheiße, kannst du nicht aufpassen?“ entgegen. Sie nickt devot und tippelt zum Spirituosenschrank, um die Flasche Cognac an ihren angestammten Platz zu deponieren.
„Lass den Scheiß, ja. Mach dich mit deinen winzigen Patschehändchen lieber anderweitig nützlich.“ Ein riesiges, fleischiges Glied, das mit jedem seiner Kommandos sukzessiv anzuschwellen scheint, neigt sich in ihre Richtung – die stumme Verrichtung routinierter Samstagabend-Fellatio einfordernd. Ficken lässt sie sich seit ihrem letzten Scheidenriss, an dem sie wochenlang mit diversen Salben herum laborierte, nicht mehr von ihm. Immerhin das hatte sie durchsetzen können. Noch bevor sie auf die Knie geht und sich dem Lusttropfen effundierenden Ungeheuer nähert, bindet sie sich notdürftig das Haar zusammen.
Er lernte die damals noch minderjährige Kanok – „die goldene Schönheit“ – an einem Strand in Thailand kennen. Sie wie ein legales Souvenir nach Deutschland zu importieren, kostete ihn gerade einmal 800 Euro – umgerechnet anderthalb Stunden Immobilienvermittlung – und fünfeinhalb Minuten in den besenkammerartigen vier Wänden eines besifften Passbüros in Pattaya. Acht Monate später stand sie mit einem A1-Sprachzertifikat und einer Einreiseerlaubnis zwecks Familienzusammenführung am Flughafen Düsseldorf wie ein Reh. Und bis zu ihrem Scheidenriss gab sie ihm auch keinen Anlass, dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis infrage zu stellen – das Maul hielt sie sowieso.
Während er, beide Arme auf der Lehnenkante des Sofas ausgebreitet, sie sabbern, würgen und sich mehrmals fast übergeben lässt, schweifen seine Gedanken ab: Auf edlem Fischgrätparkett steht er in frisch gewichsten Brionis und winkt die Interessenten eines Luxusbungalows zu sich – gewohnt lässig und mondän, die Lange 1 aus der Umschlagmanschette hervorblitzend. Obwohl sie keinen Widerstand leistet, nicht mal als er wieder die Frequenz der unbarmherzig tiefen Stöße erhöht, verrät eine seitlich abfließende, mikroskopische Träne ihren empfundenen Ekel, unterdrückten Schmerz oder beides.
„Der Bungalow bietet Ihnen freien Blick ins Grün, zweihundertfünfzig Meter vom Rheinufer entfernt. Ist das ein Panorama? Traumhaft. Auf schnelle Anbindungen an die Öffis, wie die jungen Leute zu sagen pflegen, scheinen Sie ja nicht angewiesen zu sein. Ist das ein Aston Martin, den Sie da fahren? Ich präferiere Porsche – im Autobauen sind wir Deutschen ja Weltmeister, wie im Kriege verlieren. Kleiner Scherz. Es gibt eine ausgezeichnete Privatschule, ganz in der Nähe. Sofern Sie Ihren künftigen Erben vor den Härten der staatlichen Schulen bewahren wollen. Sie wissen schon: Regen durchs Dach. Pisastudien. Klappmesser im Tornister. Psychisch angeknackste Lehrer. Meine eigenen Kinder sind hier auch zur Schule gegangen. Meine Tochter heiratet demnächst und wird sich wohl auch in der Gegend hier umschauen. Sagen Sie, gute Frau. Tragen Sie Frédéric Malle Dawn? Meine Frau Anne schätzt dieses Parfüm sehr.“
Mit dem breiten Lächeln des großen Dealmakers – der soeben 100 K Provision eingesackt hat – und einem akkurat in goldenes Geschenkpapier gehüllten Flakon Frédéric Malles auf dem lederbezogenen Beifahrersitz rollt Marc-Rüdiger den Arm galant über die Karosserie seines Porsche Cabrios gelehnt in das sich per Spracheingabe mit dem Code „John Wayne“ öffnende Sektionaltor der Garage.
Noch bevor er den Schlüssel umdreht, bemerkt er durch das gläserne Element der Haustür ein ungewohnt chaotisches Bild auf dem Terrazzo des Flurs. Kanoks Kleidung liegt verstreut auf dem blank polierten Boden. Das Taschengeld in Höhe von 500 Euro für Kosmetik, das sorgfältig aufgeschichtet auf der Kommode thront, scheint unberührt. Aus den hinteren Räumen des EGs schallen diffuse Geräusche, ähnlich denen des Affendistrikts im Kölner Zoo, durch das ganze Haus: Klatschen, Keuchen, Knarzen. Fragmentierter Dirty Talk – je näher er an die archaischen Laute heranrückt. Im Wohnzimmer blickt er in den Wintergarten. Kanok liegt mit den Beinen über Kopf auf der Hollywoodschaukel und lässt sich ficken. Es ist Marc-Rüdigers unehelicher Sohn – wahrscheinlich vorbeigekommen, um seinen Erzeuger anzupumpen -, der hier in das zarte, squirtende Steakrosa eindringt: in fremdes Eigentum. Marc-Rüdiger lässt einen Schrei ab. Das Präsent für Kanok gleitet ihm aus dem gelatoweich gewordenen Griff und knallt aufs Parkett. Brutal aus dem Rausch gerissen, fliehen die beiden in den Garten. Während sie panisch umherirren und nach einem Versteck für ihre nackten Leiber suchen, spritzt Marc-Rüdiger die eigene Kotze auf die Brionis – eine Mischung aus hellblau gefärbtem Krabbencocktail und den Brocken einer halbverdauten Viagrapille, die er kurz zuvor aus dem Handschuhfach seines Wagens, hinter der Servolenkflüssigkeit aus einer Erdnussverpackung, hervorgeholt und eingeworfen hat, um sich den Triumph des Tages von Kanoks kühlen Lippen akkreditieren zu lassen.
Die Verwandlung
Tag 1
Kanok ist abgehauen. Meine Frau. Ich holte sie eigenhändig aus den Sümpfen heraus, gab ihr ein Refugium, ließ sie an meinem Stand teilhaben. Zum Dank fickt sie diesen Versager von einem Hurensohn, den ich nie wollte. Ich sitze hier und warte. Geduldig. Warten, bis das räudige Missstück wieder angekrochen kommt. Was soll sie schon ohne mich anfangen? Der kleine Wichser kann ja nicht mal seine Miete zahlen. Habe die Arbeit heute liegen lassen und angefangen, Atlas Shrugged zu lesen.
Tag 14
Roundabout eine Million in ETFs und Krypto, 800.000 bar in meinem Schließfach, dazu 3 Kilogramm Gold, das Aktienportfolio, das Ferienhaus in Travemünde. Ich habe ausgesorgt. John Galt hat mich nach 52 Jahren Sklaverei, Entmenschlichung und „kollektiver Verantwortung“ für die permanenten Ausreden wertloser Ballastexistenzen kuriert: Nie wieder lasse ich mich von einem Drecksstaat und einer Thainutte ausweiden und zum Geldautomaten machen. Nada. ICH KÜNDIGE! Fickt eure gesellschaftlichen Verträge. Viva la libertad, carajo!
Tag 28
10 Kilo runter. Die asiatische Filzlaus hat ihre Koffer abgeholt. Oder besser gesagt: Das verlogene Stück Scheiße hat sie abholen lassen. Von dem Bastard in meinem Mercedes. In meinem Mercedes. Nehmen, sich laben, wie das scheiß Finanzamt, ohne je etwas dafür zu tun: Untermenschen. Parasiten der Güteklasse B. Es gibt nur eine gültige Wahrheit: Der Starke, an dem sich der Abschaum mästet, ist das dümmste Schwein, das Gott unter der Sonne hat. Und verfahren lässt sich nur auf eine Art und Weise mit dieser Sorte Menschenmüll: Gulag oder Guillotine. Ihr wollt was von mir? Von mir? Okay: Ihr dürft wählen zwischen null Euro und einem Kopfschuss, ihr Kakerlaken.
Monate sind vergangen, in denen er kaum noch Tageslicht sah, eingebunkert mit Rand in den Abgründen seines YouTube-Exils. Marc-Rüdiger sitzt, die Perücke schief auf dem Kopf, in eine schwarze Bluse mit düsteren Ornamenten und einen knielangen Rock gehüllt vor dem Spiegel und spricht mit gekünsteltem Organ wie Ayn Rand: „Moralisch ist, was mir einen Nutzen bringt…“. Er blickt auf die hervortretenden Wangenknochen, die seine einst rosigen Fettpolster verdrängt haben, und in die tief schwarz umrandeten Augen seines Spiegelbilds. Wieder setzt er an, den Blick starr auf das Glas gerichtet, nimmt einen Zug von seiner elegant abgewinkelten Zigarettenspitze – und bricht ab, um sich zu räuspern.
Plötzlich hämmert es an der Tür. Draußen steht ein älterer Herr mit Brille und einer Aktentasche unter dem Arm, begleitet von einem Schrank mit Walujew-Physiognomie. Ein Typ, der Leute nur aus Spaß aus dem Fenster wirft. Wie von einer Tarantel gestochen reißt er die Schublade des Schminktischs auf und holt eine Makarov heraus, die er sich zwischen Rock und Steiß klemmt. Das muss einer dieser dreisten Bürokraten sein. „Ein Vollstrecker des Kollektivs“, faselt er sich vor sich hin. Schließlich habe er monatelang die Post nicht geöffnet.
„Herr Stahl! Machen Sie auf, ich weiß, dass Sie da drin sind! Hier spricht Obergerichtsvollzieher Kaiser vom Amtsgericht. Es geht um den vollstreckbaren Titel auf Unterhaltsleistungen plus Zinsen und Gebühren! Wenn Sie jetzt nicht öffnen, werde ich die Tür aufbrechen lassen. Aufmachen, sofort!“, dröhnt es herein.
Ein Spalt öffnet sich. Marc-Rüdiger begrüßt die Gäste mit einladendem Gestus, so reizend und servil wie eine alte Empfangsdame, und bittet sie herein. Nur Sekundenbruchteile später zückt er die Makarov. Bäm, bäm. Eiskalt. Zweimal in den Kopf. Der Kaventsmann bricht sofort weg. Kaiser zappelt auf dem Rücken.
„Ihr habt euch die Falsche ausgesucht. Hier ist ein Individuum, das sich wehrt, Banditen. Schmarotzer. Elender Etatistenschmutz“, ätzt er von oben auf seine Opfer herab, während sich rote Grütze auf dem Boden ausbreitet. Dem Gerichtsvollzieher verpasst er noch zwei Kugeln. Direkt in die Augen.