Ich bin Künstler; im höchsten und tiefsten Sinne dieses Wortes.
Ein ganzer Künstler lebt vor allem, um dem Leben etwas für seine Kunst abzulauschen. Das heißt: Er lebt nur nebenbei. In die verfallene Welt lässt sich der Geist nur gelegentlich herab – was des Künstlers Talent ausmacht, ist, wie die Philosophen wussten, Sinn und Gespür für die Weisen, in denen das Geistige in das Seiende hineinscheint. Das Gewöhnliche ist der Ort, wo alles nach Plan läuft, wo mithin nichts passiert. So häufig ist das Geistige darum das, was uns überrascht. Das, was hereinregnet, hineinblitzt, was stolpert, was sich verspricht. Als Musiker suchte ich die Geräusche, die in unserer Welt dazwischenreden.
Nicht um sie bloß in meine Musik hineinzukopieren, sondern sie durch das Spiel der Töne und Bewegungen in ein Höheres heraufzuverklären. In der Musik wird bekanntlich jedes Geräusch zum Ton. Und gelänge mir alles, wie es mir gelingen soll, würden mir meine fleißigen Erkundungen erlauben, und sei es bloß für ein paar Sekunden, etwas vom Wesen des Seins selbst zu belauschen; um es dann, so die Götter wollen, in einem Werk zu lieben, zu betrauern, zu hassen.
Seit einer Weile nun spitzte ich, für ein aktuelles Musikprojekt, meine Ohren für alle Geräusche des Lebendigen. Das Weinen, Lachen, Schluchzen, Stöhnen, Keuchen, Kichern, Gähnen, Verstummen. Allein mir fehlte noch ein bestimmter Klang, ein bestimmtes Klangspiel – ein Ton aus der Tiefe der Natur, ein Ton aus dem Extremen heraus. Die Kunst, aber auch die Philosophie, hat seit jeher eine Vorliebe für das Extreme – wir glauben, dass dort, wo es um Leben und Tod, um Alles oder Nichts geht, dass dort irgendein Schleier für einen Moment fällt. Und wir einen glimpse, wie die Angelsachsen sagen, in das Gesicht der Natur erhaschen können.
Ich zitterte dem Datum entgegen, für den ich mit mir selbst ausgemacht hatte, mir den einen letzten Ton selber zu holen, der mir für mein großes Kunstprojekt schon so lange fehlte. Irgendeine unliebsame Kraft, wie eine höhere Pflicht, hörte nicht auf, mich dazu zu drängen, entgegen aller meiner Neigungen. Nun war der Tag gekommen. Mit Angst im Herzen packte ich meine wohldurchdachten Utensilien zusammen, mit Angst ging ich an den menschenleeren Ort, wo ich jene streunende Katze mit Futter anlockte und dann mit einem Netz überlistete, um sie dann, verdeckt von einer schwarzen Decke, an den von mir erwählten Ort zu bringen. Ein ganz wolkenloser, reinfarbiger Himmel umwölbte das ganze Dasein, als ich mit diesem liebreizenden Geschöpf in meinem Gepäck eine Stunde lang neben Felder und Äcker entlanglief. Der Horizont war so ausgeräumt, dass man meinen musste, man könne von hier bis ans Ende der Welt blicken. Die übermächtige Sommersonne warf ein kräftiges Licht auf das ganze Dasein, sodass die Luft kochte und flirrte.
Schließlich kamen wir auf dem erwählten Platz an. Ich hing das Netz mit dem lebendigen Tier darin, das bereits seit einer Weile jammerte, an einem Baumstamm auf, sodass es frei in der Luft hing. Dieses Wesen konnte nicht mehr fliehen, es zappelte und windete sich in der Luft herum. Es war meinem Zugriffe ausgeliefert. Alles Leben kommt nur zum Sein durch eine Wunde – seinen Leib; darin wohnt es, aber zugleich gibt er ihr eine Außenseite, die sie dem fremden Eingriffe ausliefert.
Ich schaltete mein Aufnahmegerät ein, um das Crescendo der Natur aufzunehmen, vor allem aber: das Ende, in dem das Lebendige vielleicht ein Geheimnis in einem letzten Moment absoluter Ehrlichkeit preisgäbe.
Ich nahm einen langen, spitzen Ast, um dem Tier einige Stiche zu geben. Der Aufnahmeapparat nahm jede Nuance des Fauchens, Schreiens, Umsichschlagens auf. Ja, die Kreatur schrie – aber das Schreien kam offenkundig noch aus der vertrauten Welt. Man kannte es, etwa von raufenden Kindern, wenn das Spiel in Ernst umschlug. Wenn sie kreischten, weinten, schlugen. Es war dem Schreien des Tieres eine Lüge anzumerken: Halb und halb schielte es noch nach dem anderen hin, den es einschüchtern sollte, das Tier kramte seine Gewalt hervor; es litt, keine Frage, aber setzte noch auf die eigene, ihm innewohnende Macht, um die feindliche zu überwältigen. Hier war noch das Lebendige in seinem Anspruch auf Kraft und Pracht, in dem Rückgriff auf den Glauben an sich selbst. Ich stach noch im Bekannten und Vertrauten herum.
Natürlich gehörte auch dieses zum Ganzen hinzu und gehört in die Kunst; das Gewöhnliche bildet den Hintergrund, vor dem das Ungewöhnliche als Ungewöhnliches erst erscheinen kann. Ohne den Schein entgeht uns auch das, was der Schein vor uns verbarg. Allein, es wurde Zeit, in meinem Vorhaben den nächsten Schritt einzuleiten.
Ich hatte seit einer Weile schon eine große Grillzange über ein paar leicht entbrennbaren Kohlen glühend heiß erhitzen lassen, die ich nun an den Leib des Naturwesens heranführte. Schon bei den ersten, nur ganz kurzen, minimalen Berührungen zuckte, sprang, strampelte das Leben im Tier. Der Geruch verbrannten Felles lag in der Luft. Die Schreie kamen nun aus einer ganz anderen Ebene, sie waren kein Kampf mehr, vielmehr das schrille Gekreische der Qual. Es wurde rasch so laut und eindringlich, dass es buchstäblich ins Herz schnitt. Der metaphysische Sinn dieser Töne sind dem, in den sie eindringen, auf einer unmittelbaren oder instinktiven Schicht offenkundig: Es ruft alle Wesen um es herum an; das Lebende nimmt sich hier aus einer absoluten Not das Recht heraus, auf alle anderen Wesen, die hören können, überzugreifen, auf sich aufmerksam zu machen, ihnen ans Herz zu packen. Ich war nun offenkundig in irgendeine schreckliche Untiefe vorgedrungen, die auch für unser heutiges gewöhnliches Leben noch eine sakrale Grenze ist: Egal, wie sehr zwei hierzulande in Konkurrenz miteinander stehen, wie sadistisch sie sich behandeln, ob sie im Kampf und Krieg miteinander stehen, sei er noch halb im Spaß oder aus bitterem Hass, sei er noch sportlich oder schon existenziell, sei er barbarisch geführt oder kultiviert: Wo dieser Schrei auftaucht, da hört für jeden, der noch ein Mensch ist, der Spaß auf.
Ich blickte kurz um mich, der Boden, die Bäume, die Schatten – alles schien verändert, es schwingte alles anders. Ein paar Schreie hatten alles verändert. Es lag nun auch der Geruch von verbrannter Haut, verbranntem Fleisch in der Luft. Ich war bereits sehr nah an dem Punkt, zu dem ich wollte. Wie gerne hätte ich es dabei belassen, doch jetzt war ich so weit gegangen, jetzt musste ich auch den letzten Schritt gehen.
Also presste ich das glühende Eisen nun länger an den Leib des hilflosen Wesens. Das arme Wesen war nun in der absoluten Agonie. Und dann presste ich das Feuer wieder an das Tier. Und wieder. Ja, und bald stieß es einen Schrei aus, der es sein musste, ich hatte mir bislang keine Vorstellung von ihm gemacht, aber erkannte ihn, nicht mit dem Verstand, sondern an der unheimlichen Gewalt, mit der er durch alle meine Organe ging: Der letzte Schrei der unsteigerbar gequälten Kreatur, ein gleichsam überpersönlicher Schrei aus der Tiefe der Natur selbst, der im Grunde nichts mehr mit dieser spezifischen Katze zu tun hatte. Hier versagt mir die Sprache vollends. Natürlich war es diese Katze, die da so schrie; zugleich war es aber definitiv nicht mehr sie, sondern irgendein überpersönliches Naturwesen. Ich erinnere mich daran, wie jemand einmal berichtet hatte, was so nachhaltig traumatisierend bei der Geburt seiner Tochter gewesen wäre, waren die Schreie seiner Frau, denn sie waren allzu anders als alle Geräusche, die er sonst von seiner Frau kannte – und er kannte sie sehr gut und lange. Diese Schreie waren solcherart, dass sie seine Frau nie willentlich hätte absondern können; schließlich hatte er schon hunderte, tausende Variationen ihrer Stimme gehört: Glucksen, Kreischen, Jammern, Ächzen, Husten, Stöhnen, Brüllen, Krächzen… nur die Schreie an einem bestimmten Punkt der Geburt, das war etwas anderes, passte nicht in die Reihe. Das war nicht mehr seine Frau, die da mit erschreckend gewaltigen Tönen an Himmel und Hölle rüttelte.
Diese urfremde Stimme, die da plötzlich aus dem ihm doch vertrautesten Menschen schrie, verstörte und verfolgte ihn noch Monate lang.
Diese unheimliche, überpersönliche Stimme, die hier aus dem Leben schrie, musste das gewesen sein. Jede Zelle meines Körpers war von Ehrfurcht voll im Angesicht der metaphysischen oder sakralen Tiefenzonen, in die ich eingedrungen war. Im innersten Herzen des Materiellen drängte sich die Metaphysik wieder so auf, als wäre sie nie auch nur eine Sekunde fort gewesen.
Das arme Tier begann bereits ansatzweise zu kollabieren; im strahlenden Tag seiner Lebensenergie war nun eine Spur der anbrechenden Dämmerung zu vernehmen. Das Lebendige stimmte sein Adagio an.
Aus der tiefen Güte meines Herzens – ich bin ein großer Freund der Humanität – beendete ich endlich des armen Wesens Leben; natürlich ließ ich es nicht eine einzige Sekunde länger leiden, als es nötig war. Das Tier hatte den unendlich schrecklichen, erhabenen letzten Ton alles Lebendigen entblößt und würde in einem großen Kunstwerk geehrt werden. Es hatte damit den Sinn erfüllt, den ich mir, im Auftrag eines Höheren wohlgemerkt, herausnahm, seinem Leben zu geben, und es war darin hundert Mal mehr geehrt als in jedem Stück Fleisch, das die sogenannten Zivilisierten zu ihrem eigenen Genusse verschlingen.
Ich lief schnellen Schrittes nach Hause zurück, durch dieselbe ebene Landschaft voller Äcker und Wiesen, die im Horizont in der Endlosigkeit sich zu verlieren schienen. Die Sonne hing nun etwas tiefer als auf dem Hinweg, deutete die Dämmerung zärtlich an, das heißt, ihr Licht hatte die Nüchternheit des Hinwegs verloren und tauchte nun stattdessen die Welt in ein goldenes Licht, das die Welt entrückte. Alle fünf Sekunden fasste ich an die Stelle meiner Tasche, in der das Gerät lag, auf dem die Töne der gequälten Kreatur gespeichert waren. Ich bangte darum wie um einen Lotto-Schein mit sechs Richtigen. Die Ideen überschlugen sich in meinem Kopf, allerlei Einfälle wollten mich im presto um die Wette entzücken, wie ich jenen absoluten Schrei zum Leitprinzip meiner Komposition machen könnte. Ich sollte ihn natürlich, dachte ich etwa, erst spät als tragende Grundform (»Thema«) der musikalischen Bewegung einführen, ich müsste den Schrei lange und ausführlich einleiten, genauer langsam herausarbeiten, herauspressen, ich würde das Crescendo der ersten beiden Schreie, nur musikalisch verklärt aufführen, um dann, am Gipfelpunkt, vielleicht noch nach einem Moment des Schweigens, andächtig die reine Form des absoluten Schreis vorzustellen, der aus den vorhergehenden Bewegungen schließlich herausgesprungen sei, ein Mysterium wie die Schöpfung Gottes, ich würde diese reine Form dann konkretisieren, als wäre der Kosmos aus dem absoluten Schrei Gottes hervorgegangen, so würde ich die musikalische Form des Schreis zum Schöpfungsprinzip des ganzen Zusammenklangs aller Stimmen erheben, ihn variieren, melodisieren, rhythmisieren, in diesen und dann in jenen Zusammenhang stellen, – doch ein Zweifel unterbrach mein Ideenfest wie ein Blitz, als mir noch einmal unwillkürlich die Erinnerung an den realen Schrei der Katze ins Ohr kam. Nichts von all diesen Formen wurde jenem unsagbaren Grauen gerecht. Wie konnte irgendein Musikstück, und sei es das grauenvollste, jenem realen Grauen gerecht werden? Irgendjemand soll einmal gesagt haben, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch; ja, nach jenem Schrei noch Musik machen zu wollen war ebenfalls barbarisch. Allein, so meldete sich kurz darauf eine entschlossene Künstlerkraft in mir, es musste einen Weg geben. Jener Schrei konnte, durfte nicht das Ende der Kunst bedeuten. Sie muss weitergehen, das Leben muss weitergehen. Ich besann mich. Ich würde einen Weg finden. Geduld, Fleiß und Reflexion standen nun an. Ich setzte mich auf eine Bank. Ich saß einem weiten Rapsfeld gegenüber, das Gelb leuchtete zauberhaft und versöhnlich in der Abendsonne. Ich zündete mir genüsslich eine Cannabiszigarette an, inhalierte den Rauch, ließ ihn ganz langsam, von selbst gleichsam, aus meinem Mund aufsteigen. Ich sah dem Rauch zu, wie er sich friedlich in der Luft auflöste.
Ich bin Künstler; im höchsten und tiefsten Sinne dieses Wortes.