EUROPA MUSS FALLEN – II

Jede Macht, die fähig ist, sich nach außen zu dehnen, beginnt sich zu strecken und Raum einzunehmen. Rom dehnte sich nach außen. England dehnte sich nach außen. Amerika dehnt sich nach außen — bis heute, über Technologie, über Kapital, über Militär. Was aber geschieht, wenn der Druck nicht nach außen kann? Er richtet sich nach innen.

III. Der Blick nach innen

Und dazu müssen wir sie greifbar machen.
Macht ist Druck. Physisch, messbar, konkret. Es ist das, was ich von jemandem einfordern kann, wenn ich die Mittel habe, es durchzusetzen. Und die Mittel sind immer dieselben: die Fähigkeit zu kontrollieren, ob der andere gehorcht hat. In der Universität liegt die Macht bei deinem Prof, der prüft, ob du die Aufgaben erfüllt hast. Als Kind liegt sie bei den Eltern, die kontrollieren, ob du dich an ihre Regeln hältst. Im Staat liegt sie bei der Behörde, die überprüft, ob du die Verordnung befolgst. Die Struktur ist überall dieselbe. Du ordnest dich unter, weil du machtlos bist. Und du bist machtlos, weil jemand anderes die Mittel hat, dich zur Rechenschaft zu ziehen, wenn du nicht befolgst, was er dir aufträgt.

Ein Gesetz ist der Auswuchs davon — was der Mächtige durch Gewalt durchsetzen will. Nehmt das Gesetz weg, die Gewalt bleibt. Ich erwähnte es Eingangs, nehmt die Gewalt weg, das Gesetz ist Papier. Makulatur.
Eine weitere Eigenschaft der Macht ist Freiheit, denn je weniger Druck auf dich ausgeübt wird, desto weniger musst du dich unterordnen. Je mehr Macht du hast, desto eher bleibt dir die Möglichkeit, dich jenen Regeln zu entziehen. Freiheit ist also die Abwesenheit fremder Macht über dich. Und umgekehrt: Jede Macht, die jemand über dich hat, ist ein Stück Freiheit, das du nicht hast. Einfache Arithmetik.

Der Mensch strebt natürlich danach, diese Macht auszuweiten. Weil er keine andere Wahl hat. Weil mit ihr alles andere einhergeht. Status. Sicherheit. Zugang. Sexuelle Selektion. Die Erfüllung jedes Grundbedürfnisses hängt davon ab, welchen Rang man einnimmt. Nun kann sich der Einzelne sicher in die Wälder zurückziehen und all dem entziehen, doch nur bis eine fremde Macht ihm die Prügel rausschmeißt und klar macht, dass er zukünftig den Wald zu meiden hat und sich gefälligst im Bereich des großen Auges aufzuhalten hat. Wer also diesem Instinkt nicht nachgeht, verliert — weil die anderen es tun.

Macht selbst ist keine unendliche Größe, die irgendwo im Äther schwebt und auf die man Anspruch erhebt, wenn man gerade Lust dazu hat. Sie ist gebunden an das, worüber sie ausgeübt wird. An Territorium. An Körper. An Ressourcen. Ein Raum hat Wände, ein Kontinent hat Küsten, eine Bevölkerung hat eine Zahl — und man kann nicht mehr kontrollieren, als es zu kontrollieren gibt. Man kann einen Einzelnen bis aufs Blut darum berauben — um seine Stimme, um seinen Handlungsspielraum, um seine Fähigkeit, Nein zu sagen. Und jedes Stück, das man ihm nimmt, liegt auf der anderen Seite des Tisches. Der Eigenen. Und wer nicht danach greift, dem wird genommen.

Nietzsche hat das früh erkannt und in seinem Zarathustra auf eine Formel gebracht: „Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.“
Das ist die Beschreibung dessen, was jedes lebendige System tut: Es greift aus. Es will mehr. Es muss mehr wollen, weil Stillstand für ein organisches System Zerfall bedeutet. Ein Körper, der nicht mehr wächst, beginnt zu sterben. Ein Staat, der sich nicht mehr ausdehnt, beginnt sich zu zersetzen.

Jede Macht, die fähig ist, sich nach außen zu dehnen, beginnt sich zu strecken und Raum einzunehmen. Rom dehnte sich nach außen. England dehnte sich nach außen. Amerika dehnt sich nach außen — bis heute, über Technologie, über Kapital, über Militär.
Was aber geschieht, wenn der Druck nicht nach außen kann?
Er richtet sich nach innen.

Ich will auf Jung verweisen und seine Gedanken über Persona und Schatten — jenen Teil des Selbst, den man hinter der eigenen Maske zu verdrängen sucht. Doch Verdrängung ist kein Verschwinden. Was man nicht nach außen lebt, frisst sich durch das Innen. Ein Trieb, dem man die Richtung abschneidet, sucht sich eine andere. Destruktiv, produktiv, obsessiv — nur nicht frei davon. Der Mann, der auf der Arbeit gedemütigt wird und es schluckt, dessen Wut verschwindet nicht, wenn er die Tür hinter sich schließt. Sie wandert. In den Alkohol. In die Schlaflosigkeit. In die Stille, in den Zorn auf die Frau oder schließlich in den Selbsthass.

Die staatliche Konstruktion verschärft das. Väterchen Staat moralisiert durch die Gewalt, die er monopolisiert: Halt die Hände still. Flüstert er. Schluck es herunter. Lass die Institutionen das klären. Wenn die eigene Frau abends von Belästigung berichtet, von einer Gruppe, die ihr auf dem Heimweg zu nahekam — was ist der erste Instinkt, der hochkocht? Sicher nicht, auf den Staat zu warten, der nach Monaten des Wartens beschließt, dass dies kein Fall für Gerichte sei. Der Instinkt ist älter als jedes Gesetz. Aber du sollst ihn schlucken. Dein Zorn ist unangemessen, dein Widerstand pathologisch, deine Wut ein Zeichen mangelnder Reife. Nietzsche hat diese Moral beim Namen genannt — die Moral derer, die die Unfähigkeit zu handeln zur Tugend umdeuten. Das Hinnehmen wird zum Wert. Das Erdulden wird zur Reife. Das Schlucken wird zum bürgerlichen Anstand.“ Und was passiert, wenn ein ganzes Volk diese Moral internalisiert? Die Wut verschwindet nicht. Sie richtet sich gegen das Selbst. Der Einzelne zersetzt sich, weil die Aggression kein Außen mehr hat. Weil jeder Ausbruch pathologisiert wird. Weil man gelernt hat, dass Ohnmacht der Normalzustand ist und Widerstand ein psychisches Defizit. Also husch, zum Therapeuten. Blicken wir aber zurück zum Trieb. Denn der Kampf um Rang und Territorium endet nicht am Menschen, bis ins kleinste Lebewesen reicht er.  Betrachtet man den Hummer, so reicht eine Serie verlorener Kämpfe bereits aus, um die Gehirnchemie umzuschreiben. Der Serotoninspiegel sinkt. Die Körperhaltung verändert sich. Das Tier, das gestern noch Raum beanspruchte, weicht aus, duckt sich, meidet den Konflikt. Weil es sich für schwächer hält.
Und so macht ein solcher Instinkt keinen Halt vor der Größe eines Organismus.

Wie steht es um uns, wenn wir diese Erkenntnisse auf Europa anlegen?
Ein Kontinent, der sich die Expansion selbst verbietet. Aus aufoktroyierter Moral, dass Machtausweitung zu verachten sei. Dieselbe Moralisierung, die der Staat dem Bürger aufzwingt — schluck deine Wut, halt die zitternden Hände still, selbst wenn die eigene Frau angefasst wurde, das wendet Europa auf sich selbst an. Stärke ist verdächtig. Anspruch ist anmaßend. Der Trieb ist da, aber der Weg nach außen ist moralisch versiegelt.

Also wohin damit, wenn man selbst der gedemütigte Arbeiter ist. Merkels Handy abgehört — kurze Empörung, dann Stille. Der CLOUD Act greift auf europäische Daten zu, Europa schreibt Datenschutzgesetze, die die USA mit der Portokasse bezahlt. Der BND ist an Washington angeschlossen — Amerika sieht mit, umgekehrt gilt das nicht. Europas eigener Nachrichtendienst, das IntCen, ist ein Büro ohne Agenten, ohne Satelliten. Ein Schreibtisch. Und wer seinen Geheimdienst nach innen richtet statt nach außen, der zeigt uns auch, wo seine Ziele liegen.

Denn Macht wirkt nicht nur in eine Richtung, darüber sprachen wir. Sie verkehrt sich und sie will erhalten bleiben, weil der Abstieg noch schlimmer ist als die Stagnation. Wessen Kopf die Decke bereits berührt, weil der gegebene Raum eingenommen ist, der kämpft nicht mehr um den Aufstieg. Er kämpft um den Erhalt. Kleine Sprünge vielleicht, ein besserer Posten, ein breiteres Netzwerk — aber das Ziel ist nicht mehr Höhe.
Das Ziel ist, nicht zu fallen.
Und das verändert alles. Denn wer den Abstieg fürchtet, denkt nicht mehr in Möglichkeiten. Er denkt in Bedrohungen. Ihr seid diese Bedrohung.

Transatlantisch vernetzt, nach oben kein Raum mehr, nach außen kein Spielraum. Was bleibt, ist der Blick nach unten. Und von unten kommt Druck — die eigenen Bürger, die sie nicht mehr wählen würden, wenn man sie ließe. Also tut diese Elite, was Verwalter tun. Sie verstärkt die Kontrollinstanz. Das Einzige, was sich noch ausdehnt, ist der Begriff der Democracy — der mittlerweile gegen alles steht, was ihre Kritiker sagen. So auch in Rumänien, dort hat ein Mann die Präsidentschaftswahl gewonnen. Parteilos, rechtskonservativ. Technisch integer. Vier Tage später annullierte dasselbe Verfassungsgericht, dass das Ergebnis bestätigt hatte, die gesamte Wahl. Ohne Kläger. Ohne neues Verfahren. Und Thierry Breton, ehemaliger EU-Kommissar, sagte öffentlich: Wir haben es in Rumänien getan. Und wir werden es, falls nötig, auch in Deutschland tun müssen. Er hat es drei Tage später zurückgenommen. Aber was bedeutet das schon.
Die Fassade blättert. Und was darunter liegt, ist der nackte Machtanspruch von Eliten, die nach unten blicken — dorthin, wo sie nicht stehen wollen. An eurer Stelle.

DEMOCRACY. In Versalien, am Berlaymont. Die Fahne weht frech weiter.

Wir sind hier einem Muster auf der Spur. Die Stasi-Akten wurden dicker in den letzten Jahren, nicht in den ersten. 1950 tausend Mitarbeiter. 1989 über neunzigtausend. Die Überwachung wächst, wenn die Kontrolle schwindet. Brüssel tut heute dasselbe. Chatkontrolle. Kameraüberwachung. VPN-Verbote. Eine annullierte Wahl. Der Apparat kontrolliert mehr, weil der Raum enger wird. Und er ist blind dafür — weil Verwalter den eigenen Verfall für einen Verwaltungsfehler halten, den man mit dem nächsten Formular beheben kann. Moral, die nach außen versiegelt. Vasallentum, das nach oben versiegelt. Bürger, die von unten drücken. Eine Fassade, die blättert. Und ein Apparat, der das Einzige tut, was er kann — härter zugreifen, weil das Objekt glitschiger wird. Derselbe Druck, der den Einzelnen zersetzt. Derselbe Druck, der den Hummer zusammendrückt. Derselbe Druck, der ein Volk nach innen richtet. Nur fließt er jetzt durch eine Maschinerie, die eine halbe Milliarde Menschen verwaltet. Aber, so wird man einwerfen. Die Amerikaner machen es doch vor — sie überwachen, sie filtern, sie lenken, seit dem Patriot Act läuft die Maschinerie —, und doch machen sie es wesentlich erfolgreicher, vermutlich weil sie das Konzept selbst erfunden haben, hier wurde es nur übergestülpt. Die EU präsentiert denselben Vorgang mit der Eleganz eines Amtsbescheids. Und damit stellt sich die Frage, die über den Teich führt: Wie sieht es aus, wenn Macht sich wirklich nach außen entfaltet — erfolgreich, strategisch, über Jahrzehnte – wenn ein Machtanspruch erfolgreich nach außen schwemmt?

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