EUROPA MUSS FALLEN – I

Am siebten Juli wird in jedem neu zugelassenen Auto eine Kamera Pflicht. Sie sitzt dir gegenüber. Sie schaut dir in die Augen. Offiziell prüft sie, ob du müde bist — Advanced Driver Distraction Warning. Ein staatlich vorgeschriebenes Auge, das – einmal verbaut – bleibt. Außer Frodo wirft den Ring in den Vulkan, und bis dahin, Freunde: Kein Ficken auf der Rückbank ohne den Beamten im Rückspiegel.

 Ich will mich heute Europa widmen. Unserem Platz in der Welt — oder dem, was davon übrig ist. Viele wählen Parlamente in der Hoffnung auf Veränderung. Doch ist es an der Zeit zu verstehen, wie Macht wirkt, bevor man über die Verteilung nachdenkt. Der Übergang Europas in eine Postdemokratie ist unvermeidlich. Ein Kontinent, der das Wort Freiheit nur noch als ein verstaubtes Etikett an einer Betonfassade bezeichnet. Europa du Chimäre, nichts hältst du und doch willst du dir per Gesetz noch deine Relevanz erzwingen. EUROPA MUSS FALLEN!

I. Democracy

DEMOCRACY.

Drei Kilometer vom Schreibtisch jener EU-Bürohengste entfernt, die fleißig Papiere abstempeln, um noch tiefer in deinen Alltag eindringen zu können, steht ein Gebäude. Berlaymont. Brutalistischer Klotz aus Glas und Beton, vier Schenkel um einen Innenhof — der erste Eindruck eines Gebäudes, das die siebziger Jahre für eine Idee von Zukunft hielten. Im November 2025, zur Vorstellung eines Maßnahmenpakets namens European Democracy Shield, hat man dort ein Banner an die Fassade gehängt. Ein einziges Wort, in Versalien, von oben bis unten.

DEMOCRACY.

Wenn man die Augen halb zukneift, sieht das Bild aus, als hätte ein Set-Designer aus einer Verfilmung von 1984 vergessen, die Requisite wieder abzubauen. Ein Wahrheitsministerium mit anderem Logo. Der Witz ist, dass man sich darüber bisher nicht lustig gemacht hat. Das Gebäude, in dem keine demokratische Wahl irgendetwas entscheidet, hängt sich das Wort, das ihm fehlt, wie ein Etikett über die Tür. Und denen, die es aufgehängt haben, fällt das nicht einmal selbst auf.

DEMOCRACY™.

Sie benannten das Gebäude nach einem belgischen Adligen aus dem dreizehnten Jahrhundert. Und den Kontinent, auf dem es steht, nach einer Königstochter, die das Meer einst verschluckte, bis sie heute von grauen Bürokraten wieder ausgespuckt wird.
Irgendwo in Brüssel sitzt ein Mann in einem Büro und unterschreibt ein Papier, das dafür sorgt, dass du weniger Privatsphäre hast. Er kennt dich nicht. Du kennst ihn nicht. Ihr werdet euch nie begegnen. Aber er hat die Befugnis, und du hast keine. Und eben dort liegt euer Unterschied. Befugnis. Die Fähigkeit, etwas durchzusetzen, was der andere hinnehmen muss.
Wenn man diesen Zustand beschreiben will, dann herrscht zwischen euch ein Ungleichgewicht an Macht. Weil dieses Abstempeln mehr entscheidet, als du es in deinem Alltag vermagst.
Und wir spüren das jeden Tag, aber abstrakter ist es jenen, die abstempeln. Das Abzustempelnde war einst Entwurf und schließlich Gesetz. Und wer wiederum Gesetze erlässt, der muss das nicht aus Überzeugung tun. Er tut es, weil er es kann. Weil hinter dem Gesetz eine Gewalt steht, die es trägt. Nehmt das Gesetz weg — die Gewalt bleibt. Nehmt die Gewalt weg — das Gesetz ist Papier. Makulatur. Ein solcher Machtanspruch hat einen natürlichen Drang nach Ausdehnung, er will nicht in Makulatur enden, er will wachsen. Diese These stelle ich zunächst einmal unbegründet in den Raum.
Und nun zur Frage, die uns durch diesen Text begleiten wird: Was macht diese Gewalt, wenn sie auf Probleme stößt, sich auszudehnen? Wenn kein Markt, kein Territorium, keine Technologie da ist, die eine Ausdehnung möglich macht, wenn die eigenen Massen beginnen laut zu werden, wie kanalisiert sich dieses Bedürfnis dann?
Nun, aber weil im Limbus Gesetzestexte den Naturgesetzen in nichts nachstehen, lohnt es sich zunächst einmal anzusehen, was die hohe Democracy in den letzten Monaten beschlossen hat.

II. Die Frist

Man stelle sich einen Raum vor. Einen geschlossenen Kontrollraum für eine halbe Milliarde Menschen. In diesem Raum ist die Identität jedes Bürgers eine Datei, die der Staat verwaltet. Sein Geld ist programmierbar — abschaltbar, zweckgebunden, überprüfbar. Seine Kommunikation wird gelesen, bevor er sie abschickt. Seine Bewegung wird erfasst, sein Blick gemessen, sein Ausweichen unter Strafe gestellt. Die Plattformen, auf denen er spricht, gehören dem Staat, und die, die dem Staat nicht gehören, sind abgeschaltet. Es gibt kein Außerhalb. Kein Bargeld, das keinen Absender hat. Kein VPN, das einen Ausgang bietet. Keine Verschlüsselung, die schützt.
Das klingt nach einer Dystopie, wie ein Sci-Fi Abenteuer, Neo-Punk.
Wenn man einen solchen Raum bauen will, dann braucht man Bausteine. Eine digitale Identität.  Augen in den Maschinen. Man braucht Zugriff auf die Kommunikation, bevor sie stattfindet. Vielleicht noch eine eigene Plattform und den Untergang der Fremden, für die volle Kontrolle über das Narrativ. Kontrolle über Liquidität der Bürger, vielleicht programmierbares Geld — und dafür muss man zuerst das Bargeld verdächtig machen. Und womöglich Datenströme. Alle. In Echtzeit.

Wir stellen fest, für einen solchen Raum braucht man so einiges. Einiges. Und ebenfalls einiges steht im Gesetzgebungskalender der Europäischen Union für 2025 und 2026.
Schlagen wir doch ein paar Seiten auf.
Am siebten Juli wird in jedem neu zugelassenen Auto eine Kamera Pflicht. Sie sitzt dir gegenüber. Sie schaut dir in die Augen. Offiziell prüft sie, ob du müde bist — Advanced Driver Distraction Warning. Ein staatlich vorgeschriebenes Auge, das – einmal verbaut – bleibt. Außer Frodo wirft den Ring in den Vulkan, und bis dahin, Freunde: Kein Ficken auf der Rückbank ohne den Beamten im Rückspiegel.
Im Herbst kommt die EUDI-Wallet. Personalausweis, Führerschein, Krankenversicherung, Bankzugang — eine App sie alle zu knechten. Deine gesamte Identität in einer Datei, man muss nur noch einen Ort hacken für alle Daten. Was bereits geschehen ist. Ich habe letztes Mal ausführlich darüber gesprochen.
Im Trilog läuft Chatkontrolle 2.0. Die Technik heißt Client-Side-Scanning. Deine Nachricht wird nicht in der Übertragung gelesen. Sie wird gelesen, bevor du sie abschickst. Auf deinem Gerät.
Daneben die Bargeldobergrenze — zehntausend Euro. Man redet von Geldwäsche. Aber die Obergrenze steht am Anfang einer Kette, deren Ende der digitale Euro ist. Erst machst du Bargeld verdächtig. Dann setzt du die Grenze. Dann führst du die Alternative ein, die du direkt kontrollierst.
Dann Eurosky. VPN-Verbote. ProtectEU, eine wiederbelebte Vorratsdatenspeicherung. JRC-Studien, die X namentlich als Propagandaplattform bezeichnen. Ein Verfahren gegen Musk, als Übergang, um die eigene Plattform zu erzwingen. Die eigene Plattform braucht den Untergang der fremden. Und weil man schon dabei ist, besitzt man auch schon die passende Behörde. Die EU-Beobachtungsstelle gegen Desinformation trägt den Kurznamen SOMA. Soma — die Droge, mit der in Huxleys Schöner neuer Welt die Bevölkerung ruhiggestellt wird. Trockener Humor, wenn ihr mich fragt.
Und schließlich zum Letzten dieser langweiligen grauen Paragrafen.
Dem Digital Markets Act, den gibts auch noch. Google muss seine Suchdaten an Dritte weitergeben. Anonymisiert sagt man — aber anonymisiert heißt hier: dass die EU die Suchanfragen von uns allen auswerten kann. Wer eine halbe Milliarde Suchanfragen in Echtzeit auswertet, braucht keine Namen. Er braucht Trends. Ängste. Stimmungen. Und die Dritten, die diese Daten empfangen? Das sind amerikanische KI-Anbieter, deren Systeme bereits in europäischen Verwaltungen sitzen, in Konzernen, in Redaktionen. Die EU schafft keinen Wettbewerb. Sie beschleunigt die Durchdringung europäischer Strukturen mit amerikanischer Infrastruktur. Sie macht die Abhängigkeit effizienter. Das ist die europäische Souveränität, von der gesprochen wird — die Befugnis zu entscheiden, welcher amerikanischen Firma man die eigenen Bürger als Datensatz übergibt.
Jeder dieser Steine trägt den nächsten — der sanfte Despotismus in seiner modernen Form. Wer Warnhinweise auf den Kaffeebecher erzwingt, der erzwingt auch die Überprüfung dessen, ob die Bürger sich daran halten. Einschränkung des Vetorechts. Und dahinter ein gewaltiger Zentralstaat.
Kein einziges dieser Gesetze greift nach außen. Das lässt sich doch bemerken. Kein einziges stärkt eine europäische Industrie, baut eine Plattform, schafft etwas, das irgendwer auf dieser Welt freiwillig benutzen würde. Jedes einzelne richtet sich nach innen. Gegen uns. Gegen unsere Privatsphäre. Gegen unseren Alltag.
Sich nun aber hinzusetzen und über diese Gesetze aufzuregen, ist Sache des Proletariats. Wer einen Moment nachdenkt, sieht, dass ein Apparat dieser Größenordnung längst die Mittel hätte, all das auch ohne Formular durchzusetzen. Bürokraten machen nunmal Bürokraten-Sachen. Regelwerk für Paragrafenreiter. Schein.
Was soll man also dagegen tun? Dagegen klagen? Vor wessen Gericht? Demonstrieren? Auf wessen Straße? Es online anprangern? Auf wessen Plattform? Wählen? Wen denn — den nächsten Verwalter, der dieselben Formulare unterschreibt? Wer die Mittel des Verwalters gegen den Verwalter richten will, hat bereits verloren. Weil die Mittel nicht die eigenen sind. 
Wir stehen auf weiter Flur und halten nichts. Und doch steht es nicht gut um unser aller EU, davon bin ich überzeugt.
Und gerade deshalb lohnt es sich, einmal über die Gesetze hinauszuschauen. Sie sind Juristereien, die sich nur mit Eigentlicher Macht umsetzen lassen. Doch dazu müssen wir zunächst verstehen, wie diese Macht eigentlich wirkt.

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