You are the wind: you raise the tempest. I am the lion: I must remain in place.
– John Milius
Als die amerikanische Nationalmannschaft im Achtelfinale gegen Belgien verliert, hat das so schlichte
Gründe, wie dass der Gegner die besseren Spieler besitzt. Die größere Geschichte war freilich, dass
Stürmer Folarin Balogun seine vollkommen standardmäßige Sperre von einem Spiel, nach einer roter
Karte gegen Bosnien-Herzegowina, doch nicht ableisten musste. Ein ominöser Telefonanruf von Donald
Trump an FIFA-Präsident Gianni Infantino war der Sache vorausgegangen.
An politischer Einflussnahme zweifelt niemand. Präsident zu Präsident, Personalismus über
Prozedur, Eigennutz vermarkten statt Altruismus vortäuschen – nach jeder Hinsicht war es ein klassischer
Donald. Unrecht Gut gedeiht nicht – so mag es in diesem Fall stimmen, doch die Trump-Familie als ganze
blüht durch den Betrug seit Generationen. Der Mann selbst wird sich nicht viel daraus machen, und das
gehört zu seinen Qualitäten. Auf derselben Grundlage war der Iran beim Turnier dabei, gegen den noch
aktiv Krieg geführt wurde, als man über die Sache entschied. If Gianni says it’s ok.
Doch worum handelt es sich bei dieser Qualität eigentlich? Falls es nicht Großmut und Weisheit
sind. Man schreibt Trump leichtfertig Rachsucht zu, doch sie verschwindet rasch in allen Fällen, wo sie
ihm nichts mehr nützt, wo sie sich zu anstrengend anfühlt, wo anderes sich in den Vordergrund schiebt.
Trumps Politik gilt als irrational, soweit der neoliberal-technokratische Duktus seine
Vernunftsimulation erfolgreich projiziert. Auf der nächsten Stufe der Analyse gibt es – jenseits des
Ökonomismus leidlich anerkannte – alternative Rationalitäten wie die Geostrategie und der
selbstbereichernde Clanismus (Neo-Royalism), oder auch Neoimperialismus (so hat er etwa das
venezolanische Öl hochgespielt). All seine Handlungen weisen Anteile davon auf, doch nichts davon
verfängt endgültig bei näherer Betrachtung.
Es gibt Persönlichkeitstypen, die der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung hingegeben sind, von
der Geschlechtslust bis zur Gefallsucht, je nach Situation. Dass Trump, wie es oft heißt, dem Ratschlag
dessen folgt, mit dem er zuletzt gesprochen hat, passt in dieses Bild – nicht weniger als das häufige
Schwanken um Waffenstillstände mit dem Iran. Unter dem Leidensdruck der Ölpreise stimmt er
Verhandlungen zu; die gestellten Bedingungen jedoch alarmieren sein zionistisches Umfeld, angeführt
vom Schwiegersohn: und als die Verhandlungen beginnen werden aus zehn iranischen Punkten mit
politischer Substanz vielleicht fünfzehn, vielleicht achtzehn amerikanische Punkte ohne eine solche. In
der Tat war ziemlich das erste, was Trump nach seinem Angriff auf den Iran getan hat, die zionistische
Influencerin Laura Loomer anzurufen: ohne Zweifel, um sich Lob abzuholen. Ein einfaches Bedürfnis
und eine direkte Befriedigung.
Trump ist ein Naturphänomen, und die amerikanische Politik erklärt sich aus den Versuchen
verschiedener Akteure und Tendenzen „die Welle zu reiten“. Neocons und America First versuchen es,
ökonomischer Immigrationismus und Nationalismus versuchen es, Zionismus und free speech versuchen
es, Industrialismus und Finanzialismus und Öl und AI versuchen es, Russen, Ukrainer, Europäer
versuchen es.
Ein Naturphänomen entbehrt jeden ethischen Halt, und wo man es nur als solches versteht, da wird
seine ästhetische Faszination, das Erhabene, sofort deutlich. Solange man in Trump einen Menschen sieht,
wird man an seinen moralischen Fehlern und der Entlarvung seiner „Lügen“ hängenbleiben.
Diese Fehler und Lügen sind ihm selbst manifest gleichgültig, er geht über sie hinweg, vergisst sie
in der Sekunde und holt jederzeit etwas Neues aus dem Köcher, ein unablässiger, unermüdlicher,
unversieglicher Quell von Themen, Sprüchen, Aktionen, ein Leben im Moment, ein urtümlich kraftvoller
Sprudel von Momenten, dessen Intensität jeden rasch erschöpfen müsste, der ihn tatsächlich ernst nimmt.
Die Abneigung gegen das Imperium, das die Reichen reicher und alle andern ärmer macht, das Gut
und Blut im Dienste eines anderen Staates vergeudet, das seit 1917 Verfassung und Demokratie aushöhlt
und Amerikas moralischen und spirituellen Ruin bedeutet, schien in Donald Trump einen
unvollkommenen, aber doch authentischen Kandidaten gefunden zu haben. Es war ein Irrtum – auch
meinerseits – eine geistige Substanz, einen Sinn, zu vermuten, wo urtümliche Mächte walten, wo die
Titanen ihrem tiefen Kerker entronnen sind. Auf dem Thron des Zeus, der sie bannen sollte, sitzt nun einer
von ihnen. Doch alle Stürme des Meeres sind ein Traum der Erde.