Ein Rikishi, oder: The Sadness of Sumo

Der Rikishi zittert nicht, wenn sein schwerer Fuß die Erde berührt. Ihm ist weder kalt noch warm.

Mit mir, Shinran, hat es keine andere Bewandtnis, als dass ich das Wort des guten Lehrers befolge, der mich gelehrt hat, ich solle nur das Nembutsu sagen. Ob das Nembutsu wirklich die Geburt im Reinen Land verursacht oder vielmehr das Karma für den Sturz in die Hölle ist, weiß ich nicht. – Tannishō

I.

Die meisten Sumo-Ringer wissen, dass sie nicht alt werden. Wenigstens nicht älter als andere ihrer Landsmänner. Oft können sie zumindest ein Alter von fünfzig oder sechzig Jahren erreichen, was für manche Menschen sicherlich eine lange Zeit ist.

Aber gerade nach dem Ende ihrer Karrieren, sogar wenn diese erfolgreich waren, ist das Leben der Sumotori, auch Rikishi genannt, meistens von Ruhe, man möchte nicht sagen von Monotonie, geprägt. Wenn sie selbst kein Teil eines Heya, also eines „Sumo-Stalls“ werden, nicht zu dem Kreis an Oyakata, den „Ältesten“ aufsteigen können, wird es ihnen schwer fallen, sich in den Rest der Bevölkerung einzugliedern. Besonders in der Vergangenheit war das oft der Fall. Eher bleiben sie Entrückte, aber auf eine andere Art und Weise als die Mönche des Buddhas, als der Erhabene selbst.

Und wie sollte es auch nicht so sein? Schon ihre Körper stellen den größten Teil der Bevölkerung ihres Landes, im wahrsten Sinne, restlos in den Schatten. Darüber hinaus sind sie oft auch etwas wortkarg, was eigentlich nicht weiter ungewöhnlich sein sollte, aber ihre Sache doch erschwert. Als Leibwächter könnte man sich sicher verdingen, aber die Anzahl der reichen Männer, welche solche Dienste in Anspruch nehmen würden, ist immer begrenzt, meistens auch auf ein ganz bestimmtes Milieu. So bleiben sie also, selbst wenn die Edo-Zeit schon lange vorbei ist, ein Teil der Ukiyo,der „fließenden“ oder „dahintreibenden Welt“, als Bundesgenossen von Schauspielern, Trödlern, Geishas, Kleinkriminellen und anderen Bewohnern der Flussufer. Schwer abzusehen, wie lange das noch so sein wird.

Es gibt heute nur mehr eine Handvoll Stimmen, die laut werden, wenn man den Namen eines dieser vielen Rikishi ausspricht, der ungefähr von der späten Meiji- und bis in die frühe Taishō-Zeit gekämpft hat. Dieser Rikishi hat jedenfalls in vielen, aber nicht in unzähligen Turnieren gekämpft und es gab sicherlich einen Punkt, an dem sämtliche Enthusiasten und Kenner des Sumo sein Gesicht keines zweiten Blickes gewürdigt hätten, allein aus dem einfachen, alltäglichen Grund, weil es ihnen so innig vertraut war. Mehr noch, seine Anwesenheit im Ring muss jedem so selbstverständlich vorgekommen sein, wie das durch die Luft fliegende Salz, das heftige Gegeneinanderklatschen der Schultern, Arme und Bäuche, oder die Zwischenrufe des Schiedsrichters.

Man kann also vielleicht sagen, dass dieser Rikishi ein Ringer wie viele andere auch war. Die Massen haben ihn sicher vergessen. In den Erinnerungen einiger weniger aber lebt er bestimmt noch, taghell und ungebrochen, weiter und drängt sich, angespannter Muskeln, angezogenen Kopfes, durch den Ring.

II.

Der Rikishi zittert nicht, wenn sein schwerer Fuß die Erde berührt.

Ihm ist weder kalt noch warm. Ohne es vielleicht so formulieren zu können, weiß er, dass bereits die Umstände seiner Geburt ihn wieder an diesen Ort gebracht haben. Keine Unruhe, überhaupt keine Regung kommt in ihm hoch, wandert dabei auch nicht über die gewaltigen Schenkel und verdeckten Lenden, um sich ihm von dort auf Bauch oder Brust zu legen, als er den für ihn und seine Kontrahenten oder Kumpanen ausgelegten Kreis betrachtet.

Er kämpft jetzt schon das fünfte, eigentlich aber sechste Jahr. Das wird etwa die Hälfte seiner Karriere, vielleicht sogar ihr Höhepunkt sein. Zumindest ist ihm das gestern noch durch den Kopf gegangen. Ein Jahr lang, ganz zu Beginn, hat er hier, bei den großen Turnieren, noch nicht richtig mitkämpfen können. Er war auch einmal disqualifiziert worden, aber bloß wegen eines dummen Versehens.

Und überhaupt, er war damals einfach zu schwach, gerade einmal Sechzehn. Das hatte auch sein Lehrer behauptet. Obwohl er nie wirklich schwach war.

Der Rikishi verspürt wieder Hunger. Das sollte während der Wettkämpfe eigentlich nicht zu oft vorkommen. Weil es eine unnötige Ablenkung sei, hat sein Lehrer behauptet. Aber der Rikishi kennt dieses Gefühl schon und weiß, dass es ihm im Ring ein wenig helfen wird, wenn hinter der Konzentration noch ein Hauch verzweifelter Anspannung seine Glieder strafft.

Fast alles davon muss in die Beine gehen, um den ersten Ansturm zu unterstützen. Wenn sich die Muskeln dabei auch nur ein wenig verkrampfen und im Kopf plötzlich, selbst für einen Moment, der Abglanz eines Zweifelns oder Zögerns aufscheint, ist der Kampf verloren und man endet meistens auf den Knien oder dem Rücken.

Der Lehrer des Rikishi steht jetzt wieder neben ihm, während er sich langsam auf seinen heutigen Kampf vorbereitet. Zwölf der Fünfzehn Tage des großen Herbst-Basho sind schon vorüber und auch dieser Nachmittag verstreicht schneller als gedacht.

Er dehnt sich, über und über, hebt mal das eine Bein, dann das andere, um die Hüften weiter zu öffnen. So tief seine massive Gestalt es ihm erlaubt, geht er in die Hocke. Auch seine Knöchel lockern sich langsam, je öfter die Übung sich wie von selbst wiederholt.

„Weiter. Weiter nach unten.“

Die Stimme des Lehrers reißt ihn wohl aus seinen Gedanken, aber beeinträchtigt die fehlerlose Form der Bewegung dabei nicht.

„Alle Blindgänger sind heute raus. So leicht wirst du es jetzt nicht mehr haben, mit den anderen.“

Und der Rikishi drückt seine Knie etwas weiter nach außen, spannt die Muskeln in seinen Füßen an, spreizt sogar die Zehen ein wenig, um noch tiefer in die Hocke zu können. Erst als es fast zieht, denkt er ans Aufstehen.

„Aber vielleicht sind sie auch gar nicht mehr hier. Du wirst nach oben gehen und die Halle wird von dem ganzen Staub, den sie aufgewirbelt haben, so undurchsichtig sein, dass dir sogar das Atmen schwer fallen wird. Draußen wüten Yūrei und Shiranui auf den Straßen, dort wo die Bettler sonst waren, sie stecken unsere Häuser in Brand. Und ein großer Wind peitscht die Flammen, bis selbst sie laut aufheulen, weiter und weiter in den Himmel, jahrmillionenlang.“

Die Stimme ist immer noch die seines Lehrers. Aber der hat so etwas noch nie gesagt.  Er vernimmt die Worte, versteht sie nur halb. Sie klingen ihm eher wie irgendein Sutra, das er nicht hören sollte.

Der Rikishi steht aus der Hocke auf. Ein Hauch von Schweiß steigt ihm in die Nase und er wischt reflexhaft seinen Oberkörper ab. Eigentlich fühlt er sich nicht anders als vorher, als sonst. Dann deutet der Lehrer mit der flachen, nach oben geöffneten Hand auf ihn und man richtet noch einmal seine Frisur.

Nur jetzt, während er sitzt, kommt er auf andere Gedanken. Auch das sollte man eigentlich nicht wirklich zulassen, vor dem Wettkampf. Sein Lehrer merkt es oft, wenn er geistesabwesend ist und rügt ihn immer dafür. Aber so sehr der Rikishi auch versucht den Fluss seiner Sinneseindrücke und der mit ihnen einhergehenden, sekundenlang vor ihm aufblitzenden Gedächtnisausschnitte zu unterdrücken, es gelingt ihm nur selten vollständig. Ohne es wirklich zu bemerken, gibt er nach.

Es ist jetzt beinahe zwei Wochen her, dass er das letzte Mal in Ruhe mit ihr zusammensitzen hat können. Zumindest länger als eine, eine halbe Stunde.

Die Frau des Rikishi ist ein zartes Geschöpf – dabei nicht ohne eine gewisse Weichheit, durch die sie ihrem Mann auf eigenartige Weise ähnlich wirkt. Auch er selbst glaubt manchmal in ihren Zügen, die ihm so bekannt und teuer sind, Teile, vielleicht Eigenschaften seines eigenen Gesichtes wiedererkennen zu können. Etwa wenn er sie von der linken, hinteren Seite, im Licht der Nachtlampe ihres Schlafzimmers oder der Morgensonne, ansieht. Sogar das schwere, ständige Training lässt sich dadurch ein wenig vergessen, beizeiten.

Wie er, kommt sie nicht ursprünglich aus der Stadt. Aber ihr Haus hier hat sie teilweise modern eingerichtet. So gut das eben ging, gemäß den doch etwas bescheidenen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Auch das Essen, welches sie für ihn zubereitet und das oft so anders ist als die Mahlzeiten im Sumo-Stall, hat er lieber.

Für einen Rikishi und seine Gattin sind sie allerdings ein recht unübliches Paar. Die meisten Frauen der Ringer waren immer ganz und gar in das Leben ihrer Ehemänner, in das schwere Reglement der Ställe, eingebunden. Alles andere wäre, auch noch vor ein paar Jahren, völlig unvorstellbar gewesen. Sicher, sie tut viel. So viel sie kann sogar, würden manche sagen und er spürt, dass das wohl stimmt. Sein Lehrer hat ihn aber immer wieder daran erinnert, dass das noch nicht genug sei.

„Einen Rikishi macht zur Hälfte sein Stall, zur Hälfte seine Frau aus. Und wenn die beiden nicht im Einklang miteinander sind? Was dann, he?“ Solche und andere Ermahnung kennt er gut und verzichtet schon länger darauf, ihr von ihnen zu erzählen. Er trainiert dafür nur umso härter.

Während der Wettkämpfe sehen sie sich noch seltener. Das ist gewissermaßen selbstverständlich. Aber auch sonst kommt sie bloß gelegentlich in den Stall, um dort mitzuhelfen. Lieber bleibt sie zuhause, wartet auf ihn. Manchmal arbeitet sie auch selbst, wenn es nötig ist.

Mehr noch als sein Lehrer, mehr als eigentlich sonst irgendjemand, hat dessen Frau, die Stall-Mutter, daran Anstoß genommen. Es ist natürlich nicht so, als würden die beiden sich anschreien, herumstreiten. Aber der Rikishi weiß, dass die Sticheleien der Stall-Mutter an seiner Frau zehren, ihr einen seltsam unauslöschlichen Keim von Schuld eingepflanzt haben.

Wenn sie dann alleine zuhause sind, ist das meistens, zum größten Teil, vergessen, bleibt höchstens als dumpfer Nachhall des Tages in ihren Hinterköpfen, der aber in den nächtlichen Umarmungen, die sie selbst nach einigen Jahren der Ehe noch miteinander teilen, endlich untergeht.

Wünscht er sich nicht ab und zu, zumindest unbewusst, dass das immer so sein könnte? Wahrscheinlich, wer hat sich das schließlich noch nie gewünscht? Sie ist schließlich, auch das spürt er, die Einzige, die ihn liebt. Aber dass er wirklich, ernstlich daran denken würde, deshalb aufzuhören, ist eher unwahrscheinlich.

Der Rikishi und seine Frau haben keine Kinder, trotz Allem. Auch darüber sprechen die beiden nur manchmal. Überhaupt besteht zwischen ihnen ein meistens wortloses Einverständnis, kommt ihm vor. Höchstens ganz selten, bloß alle paar Monate einmal, schreit sie ihn aus irgendwelchen Gründen an, meistens ohne, dass er dann weiß, was er ihr antworten soll.

Die Frisur und alles weitere ist endlich vorbereitet für seinen Teil des Wettkampfs. Man muss ihm nur noch helfen, den Mawashi um- und festzubinden. Der Rikishi steht wieder auf, die Erinnerungen fallen beinahe von ihm ab. Auch sein Lehrer ist ganz still, bleibt neben ihm, bis der lange Stoff endlich richtig sitzt, über den Hüften und Lenden.

Noch immer hat er ein wenig Hunger und wundert sich darüber selbst. Er hat doch genug gegessen. Eigentlich isst der Rikishi immer mehr als genug.

Chankonabe und immer wieder Chankonabe. Darin und dazwischen Fleisch, Huhn oder Schwein, Pilze, Gemüse, Nudeln, Fisch. Reis selbstverständlich. Aber in seinem Stall gibt es meistens Chankonabe und gebratenen Fisch. So oft, dass er den Geschmack der Brühe kaum noch von anderen Lebensmitteln unterscheiden kann und seine Frau die Speisen für ihn zuhause doppelt so stark nachwürzen muss.

Auch die anderen Ringer im Stall, mit denen er ab und an länger spricht, haben erzählt, dass es ihnen ähnlich geht. Womöglich beruhigt ihn das, ein wenig. Nur vor zwei oder drei Monaten, als sie wieder gebratenen Fisch gegessen haben, der Rikishi dagesessen ist, die Gräten schon beinahe blank und nur noch der Kopf voller Fleisch, da hat der ihn, wie schon so oft, irgendwie ungewohnt angeschaut aus dem einen glasig-trüben Auge und er musste sich übergeben, konnte gar nichts mehr essen, bis zum nächsten Tag. Sein Lehrer ist darüber selbstverständlich nicht erfreut gewesen.

Auch sein Bruder hat ihm dafür eine Standpauke gehalten, als er es ihm später erzählt hat. Aber aus anderen Gründen. Weil das längst nicht mehr zeitgemäß, auch gar nicht gesund sei, „so viel zu fressen, den ganzen Tag über“. Sein Bruder hat nämlich schon das eine oder andere Buch über Ernährung und überhaupt sehr viele Bücher gelesen. Der Rikishi selbst liest nie und deshalb kommt es ihm manchmal vor, er wisse das meiste über die Welt, vor Allem aber über die Welt „da draußen“, außerhalb ihres Landes, nur von seinem Bruder.

Die interessiert den Bruder nämlich ganz besonders und wenn er ihm gerade keine Standpauke hält, redet er oft über sie. Außerdem bringt ihm seine Arbeit in einer der vielen, neuen Kanzleien der Stadt, gutes Geld ein. Sie sind damals gemeinsam hierhergekommen, vom Dorf. Das war nicht lange vor seinem eigenen Eintritt in den Stall.

Der Rikishi vertraut seinem Bruder in den meisten Fragen des Lebens, denn schließlich ist er der Jüngere von ihnen. Aber dabei bleibt er doch unabhängig genug, um sich von ihm nicht alles einreden zu lassen. Wenn es nämlich nach seinem Bruder ginge, hätte der Rikishi seine Karriere schon längst aufgeben sollen.

„Ich sage ja nur, dass du es ja sicher schon selbst bemerkt hast. Was? Na, dass dir das alles auf die Nerven schlägt, immer mehr. Neurasthenie nennt man das, in Europa. Und von deinen Verletzungen am Kopf ganz zu schweigen… Ich bin ja nur um dich besorgt, das verstehst du, nicht?“

Das ergab schon Sinn, dachte der Rikishi sich. Aber ohne zu antworten.

„Und je länger du das noch machst, desto schlimmer wird es werden! Ja, ganz sicher sogar. Hast du dir deinen Lehrer mal angeschaut, ganz genau? Nein? Ich schon. Frisch sieht er ja nicht gerade aus, für sein Alter schon gar nicht, aber wen wunderts, wen wunderts… So füllig wie der ist, obwohl er ja längst nicht mehr selbst kämpft. Bei dir ist das ja anders, aber kein Stück besser, nur dass du jetzt noch jung genug wärst. Natürlich nicht mehr ganz jung, aber es gäbe noch Zeit, verstehst du, Zeit?“

Da hatte sein Bruder wohl wieder recht. Der Rikishi war erst vierundzwanzig.

„Nebenbei bemerkt… ich merke es bei dir doch auch schon. Ja, es fängt schon an. Was? Na, wie du eingehst. Ich würde dir ja das Buch geben, aber… schon gut, lass sein. Du hörst ja nicht, ohnehin nicht. Wirst auch nicht hören. Willst bloß bei deinem antiquierten „Sport“ bleiben, hast nichts anderes im Kopf. Schade eigentlich. Für euch alle. Aber zumindest gibt es schon genug Leute in unserem Land, die solche Meinungen teilen. Und es auch noch tun werden, ja.“

Die gab es tatsächlich, das wusste der Rikishi. Manchmal, wenn er auf den Straßen die Männer in ganz neuen, westlich geschnittenen Kleidern sah – manchmal waren es auch Frauen – bemerkte er an ihren Gesichtern einen seltsamen, ungewöhnlichen Ausdruck. Denselben, den auch sein Bruder immer mit sich trug, überallhin, schon etwa, seit sie damals hierher gezogen waren oder zumindest nicht lange danach.

„Ruinieren wirst du dich. Und uns, alle, alle. Ruinieren. Verstehst du, was das heißt? Ruin? Nein, du verstehst es nicht, ihr versteht nicht. Schaut euch doch mal um! Siehst du, wie sie immer noch in ihren Holzhütten leben, verhungern? Immer noch? Ja? Was? Nein, du siehst es nicht, nein…“

Manchmal, besonders wenn der Rikishi ihn dann nicht dazu bewegen konnte, doch aufzuhören, machte ihm diese Rage, in welche sein Bruder sich selbst redete, Sorgen. Das konnte doch auch nicht gesund für ihn sein, oder? Aber solche Gedanken hätte der Rikishi nie ausgesprochen.

„Wie solltest du es auch sehen? Ständig stößt du mit dem Kopf gegen irgendwas, irgendwen. Wofür!? Wozu? Idiotisch. Ich kenne euch… und euresgleichen. Zur Genüge, zur Genüge, sag ich, ich sag‘s dir! Aber ihr, ihr, ihr kennt’s nicht, kennt euch nicht! Ich sag‘s dir…“

Es dauerte dann immer noch eine Weile, bis sein Bruder sich wieder halbwegs beruhigt hatte. Natürlich wusste er selbst wenig gegen diese Worte einzuwenden. Nicht einmal nachträglich, ihre „Gespräche“ in seinem eigenen Kopf nochmal durchgehend, wäre ihm wohl eine Antwort auf das Alles eingefallen. Und vielleicht wollte er auch, zumindest zum Teil, dass sein Bruder recht behielt damit, mit Allem.

Dem Rikishi kann man seine Gedanken nur selten an den Augen ablesen. Zumindest wurde ihm das einmal gesagt. Es ist gar nicht so, als ob er nicht wirklich „verstehen“ würde, denkt er. Aber – „Darüber sollte man vor einem Wettkampf nicht nachdenken“ – schießt es ihm dann schon durch den Kopf, in der Stimme des Lehrers.

Letztendlich fällt ihm das Nachdenken manchmal wohl deshalb so schwer, weil er es nicht gerne tut. Sein Mawashi ist längst fertig gebunden und der Rikishi betritt, gemeinsam mit dem Lehrer, die Wettkampfhalle. Erst jetzt, gegen Abend, ist sie wirklich voll und das Publikum wieder so laut wie immer.

Als er endlich am Ring steht, senkt er den Kopf, verbeugt sich, setzt sich in seine Ecke. Der Gegner ist noch nicht hier. Über die letzten Tage hinweg haben sie beide sich gut geschlagen. Dem Rikishi fehlt aber jeder Stolz auf seine eigene Leistung.  

Elf Siege zu zwei Niederlagen. Damit ist er einer der besten Ringer in diesem Basho. In der letzten Saison waren es zwölf zu drei. Nur sein Gegner, der, mit dem er sich heute wird messen müssen, hatte besser abgeschnitten.

Sie kennen einander kaum persönlich. Für die meisten Rikishi macht es auch wenig Sinn, sich untereinander besser zu kennen, außer sie sind Teil desselben Stalls.

Was sollte er von diesem Mann auch sonst wissen wollen, außer wie er ihn am besten zu Fall bringen, aus dem Ring drängen kann? Unweigerlich erinnert sich der Rikishi an die Kämpfe der letzten Tage, geht im Kopf noch einmal die Techniken durch, mit denen er die anderen Ringer besiegt hat, selbst besiegt wurde: Uwatenage, Yorikiri, Tsukiotoshi… Und er erinnert sich an das riesige, unheimlich schwere Bein von dem einen, seinem letzten Kontrahenten, das selbst nach dem Kampf noch so fürchterlich gezittert hat, dass der humpeln musste. Die Haare am Nacken stellen sich ihm ein wenig auf.

In der Halle wird es noch lauter. Sein Gegner ist endlich angekommen. Er ist einer der Lieblinge des Publikums. Aber der Rikishi sieht ihn nur kurz an, bevor er sich für die Shiko bereit macht, langsam aufsteht.

Jetzt, unmittelbar vor dem Kampf zumindest, gibt sein Kopf ihm doch immer Ruhe. Mehr erwartet er sich gar nicht. Der Schiedsrichter ruft nacheinander seinen Namen, dann den des Gegners und sie beginnen mit den letzten Lockerungen, lassen ihre Füße hart auf die Erde stampfen, nachdem sie die Beine so hoch gehoben haben, wie es geht. Dem Rikishi hat dieser Klang, der dabei entsteht, schon immer gefallen, sogar als er selbst nur ein Zuseher war.

Sie graben ihre Hände tief in das grobkörnige Salz, lassen es fliegen, wieder und wieder. Und sie bekommen das gereinigte Wasser, mit dem sie sich die Münder auswaschen. Wie viele, unzählige Male haben sie dieses Salz schon auf ihrer Haut, dieses Wasser zwischen ihren Lippen gespürt, über die Jahre? Und reinigt das Wasser sie wirklich, reinigt das Salz auch den Ring?

Selbstverständlich denken sie jetzt nicht daran und werden nach ihrem Kampf vielleicht genauso wenig daran denken. Der Rikishi starrt den Gegner an, beide sind in der Hocke, der Gegner starrt auf ihn zurück. Der Gegner überragt ihn noch um einen halben Kopf. Und dieser Unterschied kommt dem Rikishi jetzt schrecklich groß vor.

Über und über stehen sie aus der Hocke auf, gehen wieder nach unten, klatschen die Hände dabei so laut und fest zusammen, dass der Rest der Halle still wird. Der Gegner zittert nicht, sein schwerer Fuß bleibt auf dem Boden. Aus seinem Blick peitscht etwas zu dem Rikishi hin, fast als könne er ihn schon jetzt umstoßen, nur dadurch.

Dann bleiben sie endlich in der Hocke, werden wie reglos, während die Anspannung der letzten Tage, des ganzen Wettkampfs, doch in ihren Gliedern schreien müsste. Beinahe berühren ihre Hände schon den Boden.

Der Rikishi erinnert sich nicht mehr an die Erde unter ihm, als er nach vorne prescht. Auch nicht an die zwei, drei Schritte hin zu dem Gegner. Er bemerkt nur, dass er falsch eingeatmet hat. Der Aufprall ist immer ernüchternd. Dann drückt schon Gewicht an Gewicht und um sie ist nichts als der Kreis.

Wie wild reißt er an dem Mawashi des Gegners, der Gegner an seinem. Einige Sekunden hält der Gegner ihn fester als er ihn. Aber ihre Füße verlassen den Boden nicht, selbst unter dem ganzen Druck. Und die Hüften des Rikishi bleiben locker, beweglich.

Sie lassen los. Ihre Hände fliegen schnell und schwer durch die Luft. Der Rikishi springt, mit der Schulter nach vorne, gegen den Torso des Gegners, greift wieder fest an seinen Mawashi.     

Ein Stoß hat ihn halb am Kopf getroffen, ihm sausen die Ohren. Er legt die obere Lippe über die untere, so dass sie seine vom Schweiß feuchte Haut berührt und beißt zu. Der Schmerz macht ihm den Kopf frei.

Sein Gegner zittert. Der Rikishi möchte lächeln. Dann umgreift eine Hand seinen Arm, drückt, bis die ganze, absurde Kraft dieses anderen Körpers so eng an seinem liegt, dass etwas nachgibt.

Er ist, in den Händen, an dem Körper des Gegners, das „Etwas“ das nachgibt, das „Etwas“ ist, ist immer wieder und stolpert traurig durch den Ring, bis es schwerelos ist, sekundenbruchteilelang.

Es ist Nacht. In dem kleinen Haus, wo der Rikishi wohnt, brennt noch Licht. Aber er ist nicht zuhause. Überhaupt ist er nicht aufzufinden. Auch seine Frau nicht.

Bloß im Schlafzimmer, auf der Tatami-Matte, neben dem Futon, liegt ein abgeschnittener Zopf dichten, schwarzen Haars.

III.

Gemessen an der Meiji-Zeit, die vor ihr kam, und der Shōwa-Zeit, welche auf sie folgte, war die Taishō-Zeit (1913 – 1929) recht kurz. Auch verglichen an Neuerungen, ob industrieller, kultureller oder welcher Natur auch immer, blieb sie sicher die ärmste der drei. Während der Taishō-Zeit ereignete sich aber immerhin der gesamte erste Weltkrieg, an dem auch Japan nicht ganz unbeteiligt geblieben ist.

Sie markiert darüber hinaus den Anfang der Demokratie in Japan, wie auch der westlich geprägten Urbanität, welche dieses Land heute so sehr bestimmt und trug wohl schon den imperial-militaristischen Keim der ersten Hälfte der Shōwa-Zeit mit sich. Während der Taishō-Zeit scheinen auch die unterschiedlichen Strömungen des Sozialismus zum ersten Mal in Japan Fuß gefasst zu haben.

Das modan garu, also „modern girl“, welches Tanizaki so eindrücklich beschrieben hat (1921), fand in dieser Zeit seine Geburtsstunde. Das große Erdbeben von Kanto ereignete sich 1919. 1915 eröffnete man den in schönen, roten Ziegeln gebauten Tokioer Bahnhof.

Während der Taishō-Zeit soll auch die Produktion von Karakuri-Puppen stark angestiegen sein. Das sind kleine, mechanische Automata, welche durch ein System komplizierter Nocken und Zahnrädchen etwa einen Bogen abfeuern, Tee servieren, oder Briefe schreiben können. Besonders charakteristisch und wesenszentral für die Karakuri ist, dass ihre Künstlichkeit, ihre Puppenhaftigkeit, so wenig wie möglich zu Tage treten soll.

Dass der Rikishi eine solche Puppe besessen, dass seine Frau ihm womöglich einmal eine zum Geschenk gemacht hat, bleibt anzuzweifeln. Rikishi interessieren sich bekanntlich selten für solche Spielereien. Auch ob er nach seiner Niederlage Tokio tatsächlich verlassen hat und in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist, wird mittlerweile wohl oder übel niemand mehr wissen. Sicher ist es anderen aber genauso oder so ähnlich ergangen und es ergeht ihnen auch heute noch zuhauf so, während das Dharmachakra und das Bhavachakra sich weiter drehen, vermutlich.

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