„Rho mal Klammer auf partielle Ableitung von u nach t plus u mal Nabla von u, Klammer zu ist gleich minus Nabla p plus Mü Nabla-Quadrat u plus f“, murmelt ein sichtlich unterforderter Chlodwig die Formel nach, die Herr Schulte-Eichholt mit kreischender Kreide an die Tafel traktiert. In seinem Kopf aber ist Chlodwig längst bei Frau Flesch in der verborgenen Kammer ihrer Parterrewohnung und lässt sich auf dem harten Betonboden mit schmerzverzerrtem Gesicht den Hoden malträtieren, während sie ihm mit verrauchter Stimme mütterlichen Trost ins Ohr säuselt. Freitagmittag, kurz vor dem Gong – ein pawlowsches Ritual: In weniger als einer Stunde wird Frau Flesch die unter einem Perser versteckte Falltür des Dielenbodens am Ende des schmalen Flurs öffnen und ihm befehlen, in das Dunkel hinabzusteigen.
Aufgegabelt hat er sie eines Samstagabends – das Display noch heiß vom stundenlangen Doomscrollen, ernüchtert von der ausbleibenden Resonanz auf seine Tweets trotz minütlicher Aktualisierung – über eine Annonce mit dem Titel „Dünne reife Milf sucht gehorsamen Twink“ auf Markt.de. Im Wunsch nach Erregung und Schmerz wandte er sich ausgerechnet an den liberalen Markt, jenen in seiner Gedankenwelt vom internationalen Judentum erdachten und gelenkten Todeskult, der die Nation aussaugt.
In der Straßenbahn auf dem Weg, sich eine methadone Dosis Demütigung abzuholen – er umklammert fest eine Halteschlaufe aus altem, steifem Leder und die Knöchel pressen sich wie eine Gebirgskette durch die Haut – erlebt er sein alltägliches Weimar: Überfremdung und Niedergang. Zwei Haltestellen noch bis zum Anne-Frank-Platz, dann ist er endlich erlöst von dem Geruch fremder Gewürze, dem wilden Uno-Vollversammlungs-Sound, den Doppelkinderwagen, die von Kopftüchern durch die schmalen Gänge navigiert werden. Indes die Endstation auf dem Fahrgastinformationsbildschirm aufblinkt, fantasiert Chlodwig von der atomaren Verwüstung eben jenes Platzes samt seinen Erinnerungsstätten, schon durch ihren bloßen Anblick zur Weißglut getrieben. Nach fünfzehn Jahren könnten die Autochthonen, die sich bis dahin in Katakomben unter der Erde verschanzt hielten, wieder an die Oberfläche zurückkehren und den Krater zu einem arbeiter- und familienfreundlichen, ausländerfreien Badesee umbauen. Benannt nach Michael Kühnen: Ein Homo mit Aids sei der Ahnen immer noch würdiger als die Fremde, die uns mit ihrem Tagebuch auf den Sack geht, wütet Chlodwig monologisch.
In einem Wimmelbild aus arabischen Namen und Bindestrichen auf dem Klingeltableau, das direkt neben der Plakette des Denkmalschutzes prangt, sucht er nach dem Namen Flesch und drückt den Knopf. Die Tür summt prompt. Er betritt den Flur, in dem grüne und schwarze Mülltonnen wie ein Spalier aus Gatekeepern Wache stehen. Im selben Moment spürt er bereits ein angenehmes Zwicken in seinem Genital.
Im Türrahmen ihres Appartements wartet Frau Flesch, gehüllt in einen weißen Bademantel. Ungewöhnlicherweise trägt sie das rötlich schimmernde Haar verwildert offen und nicht den strengen Dutt einer Zuchtmeisterin, wie üblich. Auf dem hellen Frottee ihres Mantels haben sich schwarze Tropfen eingesaugt – eine Mischung aus Tränen und Kajal.
Einen Schweif aus Jacky-Cola und Chanel No. 5 hinter sich herziehend führt sie ihn am Loch vorbei durch einen blausamtenen Vorhang in ihr Schlafzimmer und stößt ihn auf ihr Wasserbett, in das er sogleich versinkt.
„Zieh dich aus. Ich komme gleich“, sagt Flesch, während sie auf den Absätzen verschlissener roter Pumps ins Badezimmer stöckelt.
Sein Blick wandert von den staubigen Jalousien, die nur winzige Sprenkel Tageslicht ungleichmäßig eindringen lassen, über einen alten Telefunken-Röhrenfernseher hin zu einem gerahmten Plakat des BRD-Filmklassikers „Das Spukschloss im Spessart“ mit Liselotte Pulver an der Wand, fragend, welche Folterutensilien sie wohl im Bad versteckt. Als Frau Flesch auf knisterndem Parkett wieder auf ihn zukommt, hat sie sich etwa zehn Jahre jünger geschminkt. Sie öffnet seine Hose und nimmt ihn tief in den Mund, was Chlodwig im ersten Moment gefällt – solange er Lilo Pulver fixiert.
Auf dem schwankenden Wasserbett erzwingt sie den einseitigen Orgasmus auf seinem Halbsteifen, während Chlodwig wie versteinert das vergilbte Plakat anglotzt. Als sie endlich fertig ist, robbt sie mit ihrem Skelett und faltigen Fell auf seine Brust. „Ich liebe dich“, flüstert sie ihm ins Ohr, bevor ihr wieder die Tränen ins Gesicht schießen. Sie könne nicht bei ihm bleiben. Sie werde morgen das Land verlassen, um Kevin Costner zu heiraten.
Katatonisch liegt Chlodwig in den Eingeweiden des Bettes, desillusioniert von dem, was er gerade über sich hat ergehen lassen. Derweil hat sich Frau Flesch bereits angezogen, ihre überdimensionale Lady-Gaga-Sonnenbrille aufgesetzt und verabschiedet sich für ein paar „Stündchen“. Sie müsse Besorgungen machen, quiekt sie mit wiederentdeckter Virilität in den Raum. Chlodwig versucht sich aufzurichten, verharrt aber immer noch in der Beklemmung: Die Bilder des bedürftigen Tiers hängen wie ihre Sekrete an seinen Synapsen.
Als er es endlich schafft, sich aus dem sumpfigen Satin zu befreien, flüchtet er aus dem Zimmer. Augenblicklich muss er sich das klebrige Kontaminat der Intimität vom Leib schrubben, ihre Säfte, bevor sie anfangen einzutrocknen. Orientierungslos stolpert er gen Badezimmer und stößt dabei schmerzhaft mit dem Fuß gegen eine antike Holztruhe. Sein Blick verfängt sich in dem geöffneten Spalt, aus dem ein Brief hervorragt.
Ein Schreiben an Johanna Flesch, geb. Fleischmann adressiert. Absender: Jüdische Gemeinde. Ein Schock von existenzieller Tragweite – wie man ihn vielleicht spürt, kurz bevor man in eine Leitplanke donnert – erfasst seinen strauchelnden Körper wie die Lokfront eines Güterzugs, als er links oben auf dem Kuvert den Stempel einer tiefblauen Menora und auf der Sondermarke das Porträt Anne Franks identifiziert. Eine Reinwaschung unter dem harten Strahl der Dusche war nun obsolet geworden – um sich wirklich freizumachen, gab es nur den Ausweg der Auslöschung. Niemals käme er damit klar, sich über den liberalen Markt den Ususfructus einer Jüdin eingefangen zu haben.
In roboterartigen Schritten hastet er auf der Suche nach Zutaten durch die Wohnung, nachdem er alle Fenster und Fluchtwege verrammelt hat. Im Bad kippt er eine Rezeptur zischender Haushaltsäuren aus bunten Behältern in die Wanne. Sofort beginnt der hochkonzentrierte Punsch giftig zu fauchen und zu brodeln. Ein stechender, gelbgrüner Schleier steigt aus der stählernen Emaille empor. Chlodwig weicht zurück. Er lässt die Badezimmertür weit offen, geht geradewegs ins Wohnzimmer und sackt in einem der postwagengelben Ohrensessel zusammen. Noch einmal atmet er den stickigen Mief der Wohnung, bevor der schlängelnde Dunst langsam aus dem Flur ins Zimmer kriecht und ihm die Sinne verätzt.
Chlodwig starrt, die Hände um die Armlehnen des Sessels gekrallt, aus dem großen Altbaufenster auf den hyperaktiven Moloch der Großstadt, den er verachtet. Doch ihre Gebäude sind surreal deformiert, wie ein scharfkantiges Memphis-Muster aus Linealen und Messschiebern. Ihre Fenster sind zu schwarzen Löchern geworden, wie von Schnäbeln ausgehackte Augenhöhlen.
Mitten durch dieses erstarrte, expressionistische Gemälde rollt in einer sich entsättigenden Wirklichkeit ein pechschwarzer Leichenwagen in Zeitlupe vorbei. Am Steuer sitzt Herr Schulte-Eichholt, das Gesicht dehumanisiert und verzerrt, ein schwarzer Seidenstrumpf knalleng über den Schädel gezogen. Er blickt direkt in Chlodwigs sinkende Augen, hebt die Hand, deutet mit dem Zeigefinger auf ihn und lacht. Der Strumpf reißt unter der Spannung des Kiefers. Seine Zunge schnellt hervor, vibriert wie beim Cunnilingus zwischen den Lippen, während das Maul noch weiter aufreißt und er noch enthemmter lacht. Es ist ein grausames Lachen, eingeschlossen hinter getöntem Glas. Plötzlich steht Frau Flesch in Zebrakleidung und Holzschuhen vor ihm – oder ist es im abgedämpften Zwielicht die wütende Fratze seiner Mutter, die hinter groteskem Make-up lauert? Sie murmelt mathematische Formeln, rückwärts, in kindlichem Singsang, während ihr Rohmilch aus dem Mund trieft.