Angesichts des Aufschreis, den Björn Höckes jüngste Worte im Weltwoche-Interview über die Amerikanisierung und Reeducation Westdeutschlands ausgelöst haben, sowie des darauf anschließenden Interviews Götz Kubitscheks, lohnt sich eine Sichtung von Lutz Dammbecks Dokumentation Overgames aus dem Jahre 2015, um ein tieferes Verständnis für die deutsche Identitätskrise zu gelangen. Der Film — in den ein Jahrzehnt aufwendige Recherchearbeit eingeflossen ist, aber kaum in Deutschland rezipiert wurde — weist mit der Langsamkeit des Archivars und der Geduld des Genealogen nach, welche Verbindungslinien zwischen Unterhaltungskultur, Psychologie, Macht und dem Konzept der modernen Welt bestehen.
Der Ausgangspunkt des Films ist geradezu eine Banalität. In einer Talkrunde bei Anne Will erzählt Joachim Fuchsberger beiläufig, daß die Spiele seiner erfolgreichen Sechziger-Jahre-Show Nur nicht nervös werden ursprünglich aus der Psychiatrie stammten: Therapiemethoden für Geisteskranke, vom Sanatorium ins Fernsehen transplantiert. Das ausbrechende Lachen im Studio ist das Lachen der Blödigkeit und der Ahnungslosigkeit. Und als gefragt wird, wie viele Patienten denn dieser Therapie zugeschaut hätten, erwidert Fuchsberger mit einer Perfidie: „eine Nation… eine psychisch gestörte Nation”. Mit diesen Worten verläßt Dammbeck die Banalität der Talkshowrunde und fragt nach dem sich nun auftuenden Eigentlichen: Von welcher Norm sind denn die Deutschen abgewichen, daß sie als geisteskranke, pathologische Nation abgetan wurden?
Von hieraus führt Dammbeck eine Spur zur Reeducation, jenem alliierten Programm der kollektiven Umerziehung der Deutschen — und zur Schlüsselfigur Richard M. Brickner, dessen Buch Is Germany Incurable? von 1943 der deutschen Nation eine hochgradige Paranoia diagnostiziert, die zwangsläufig zum Nationalsozialismus geführt haben mußte: die ganze deutsche Nation, einst der Leib des Heiligen Römischen Reiches, das Volk der Dichter und Denker, nun herabgewürdigt zu einem pathologischen, therapiebedürftigen Patienten. Und die Therapie, so die Konsequenz der amerikanischen Architekten eines neuen Deutschlands, mußte tief in die Alltagskultur eingeschrieben werden. Da jeder Revolution eine Medienrevolution vorausgeht, bot sich das Fernsehen als öffentliche Umerziehungsanstalt förmlich an.
Doch das eigentlich Herausragende des Films ist, daß Dammbeck nicht bei der Nachkriegsgeschichte stehenbleibt, sondern mit epistemischer Redlichkeit einer tieferen ideengeschichtlichen Struktur nachgeht, die er bis zur Aufklärung und Französischen Revolution zurückverfolgt — und in der er den eigentlichen Ursprung des Prinzips erkennt, das in der Moderne zur Weltnorm erhoben wurde: die permanente Revolution, jenes Prinzip der Weltrevolution, die Dammbeck nicht bloß im Sinne des Marxismus Trotzkis versteht, sondern, tiefer verwurzelt, als das verborgene Prinzip der liberalen Moderne selbst. Durch die unablässige Erschütterung des Bestehenden soll aus den Trümmern der alten Gesellschaft ein neuer Mensch geformt werden, der die Gesellschaftsform der Massen als seine natürliche annimmt. Ziel dieser permanenten Revolution ist es, die gewachsene Ordnung aufzuheben und die Erde zu einer Weltgesellschaft umzuformen, die dem eisernen Gesetz der Gleichheit unterstellt wird. Damit dies gelingen kann, muß der alte Mensch in den Schmelztiegel geworfen werden, den Melting Pot, damit er sich aus seinen gewachsenen Bindungen von Familie und Tradition herauslöst und in ein offenes, formbares Subjekt verwandelt. In den Schmelztiegel müssen alle Differenzen eingeschmolzen werden — und der fluide gewordene moderne Mensch in die Gußform der alles durchdringenden medialen Öffentlichkeit gepreßt, aus der er niemals heraustreten soll. Die Reeducation der Deutschen war — so der Schluß, den man aus Dammbecks aufbereitetem Forschungsmaterial ziehen kann — insofern kein Sonderfall: sie war die reinste Anwendung eines Prinzips, das in der Aufklärung seinen Ursprung hat aber mit dem Aufstieg Amerikas zur führenden Weltmacht durch Medien und Markt weltweit verbreitet wurde und sich zum Ziel setzt, alle Kulturen und Völker zur One World zu verschmelzen.
Die deutsche Kultur stand im 20. Jahrhundert als einzige europäische Kultur diesem Einschmelzungsprozeß noch stählern entgegen. Wilhelm II. faßte daher den 1. Weltkrieg als Kampf zwischen zwei Weltanschauungen, der germanisch-deutschen, die für Sitte, Recht, Treu und Glauben stehe, gegen die angelsächsische, die Mammonsdienst und Geldmacht verkörpere. Im 2. Weltkrieg war den USA daher schon vor Kriegsende bewußt, daß Deutschland nicht nur militärisch, sondern vor allem kulturell vernichtet werden mußte. Finanziert durch das Geld privater Stiftungen — der Rosenwalds, Guggenheims und Rockefellers — sollte dieser politische Auftrag Washingtons ausgeführt werden. Das Dokument des amerikanischen Außenministeriums, welches Dammbeck ans Licht bringt, ist von erschreckender Präzision darüber, wie Deutschland nach dem Krieg der permanenten Revolution gefügig gemacht werden soll. Das Wort Reeducation wirkt demgegenüber eigentlich zu lau für das, was mit der deutschen Nation geschehen sollte. Vielmehr war diese Entwurzelung eines Volkes der Mord an dessen Altvätern. Denn Ziel war es, die genealogische Kontinuität des deutschen Volkes konsequent auszulöschen. Die transzendente Idee des Reichsgedankens, der die Deutschen bis tief ins Mittelalter — und eigentlich darüber hinaus — genealogisch verband, sollte ihnen ausgetrieben und mit der Banalität der Weltkultur ersetzt werden.
Nimmt man nun Dammbecks tiefsichtige Perspektive zum Ausgangspunkt, erscheinen Höckes und Kubitscheks Worte zu sehr am Symptom haftend, als daß sie das eigentliche Problem erkennen könnten. Der Identitätsverlust der Deutschen reicht tiefer als jede politische Gegenbewegung greifen kann — tiefer auch als eine bloße Rückabwicklung der Reeducation, denn der transzendente Wurzelstock, der das heterogene Gebilde von Fürstentümern zu einem Volk in einem Reich zusammenwachsen ließ, wurde aus seinem Boden gerissen. Insofern Höcke und Kubitschek die Finis Germaniae rein auf die demographische Entwicklung reduzieren, offenbart sich ihr Denken des Weiteren als ein materialistisches — und erweist sich so, zugespitzt, eigentlich als antideutsches Denken. Denn es setzt voraus, daß der Geist stirbt, wenn auch der biologische Träger abstirbt. Doch damit nicht genug: Wenn insbesondere Höcke, im biologisch-materialistischen Denken verhaftet, das imperiale Denken als undeutsch verwirft, vollstreckt er — wider Willen — eigentlich das Programm der permanenten Revolution selbst. Denn der Reichsgedanke, die transzendente Idee, die über Jahrhunderte dem deutschen Volk immer wieder seine inhärente Form gab und die Deutschen genealogisch zusammenwachsen ließ, ist in seinem Kern kein biologisch-nationales, sondern ein geistiges Prinzip, welches sich mit dem Begriff der Meta-Raumnahme faßen läßt: der göttliche Wille, dem Sein eine Form zu geben, die über das bloß Vorhandene und Materielle hinausgreift — eine eschatologische Ordnungssetzung, die das Volk auf ein Ziel hin versammelt, das größer ist als es selbst. Johann Gottlieb Fichte, der in Napoleon, „dem bodenlosen Schlund”, bereits einen Vorboten der permanenten Weltrevolution erkannte, wies auf diese geistige und höhere Bestimmung der Deutschen hin. Weil diese Meta-Raumnahme dem Fleisch vorausgeht und nicht aus ihm folgt, vermag auch die Vertreibung aus dem materiellen Vaterland sie nicht endgültig zu vernichten.
Das Dichterschicksal Karl Wolfskehls, der aufgrund seiner jüdischen Vorfahren seine deutsche Heimat verlor, ist hierfür bezeichnend. Denn als dieser bis nach Neuseeland ins Exil getrieben wurde, schrieb er am Ende der Welt: „Wo ich mich Altvätern eine, / Harrnd, daß Hagadol erscheine… / Wo du bist, ist Deutscher Geist.” Der Verlust der materiellen Heimat wird mit jenen Worten durch die unzerstörbare geistige Heimat überwunden. Der Exul Poeta — wie es auf seiner Grabinschrift in Auckland heißt — ist damit nicht Ausdruck des Endes, sondern Figur der Aufbewahrung. Denn der deutsche Geist ist nicht gestorben — er harrt der Inkarnation im Einzelnen und strebt jenen Volkskörper zu, der als soma pneumatikon, als geistiger Leib, die zerstreuten Glieder zu einem lebendigen Ganzen zusammenschließt.
Dem Einschmelzungsprozeß der permanenten Revolution — jenem Leitprinzip der modernen Welt, das Dammbeck in Overgames mit erschreckender Präzision freilegt — läßt sich nur entgegenwirken, indem man dessen anthropologische Voraussetzung durchbricht. Der Mensch, der sich zum Höheren hin berufen weiß, ist keine fluide Masse, das der Schmelztiegel gefügig macht: er ist das Wesen, in dem das Göttliche Fleisch werden kann — das Wesen, das sich zum immer Größeren hin entwirft und eben darin Gottes Bild als unveräußerliche Form trägt.