EXKULPATION | GOTTLOS

Schon eure zahl ist frevel. Über den Gott, der keiner ist.

Der Liberalismus war die ökonomische Verfasstheit des demokratischen Zeitalters. Seine historische Bedeutung lag darin, Mechanismen der Mobilität, der Konkurrenz und der Innovation von einer sozialen „Raumordnung“ in die individuelle „Initiative“ zu überführen. Er entband alle Produktion aus den Fesseln ständischer Ordnungszusammenhänge und verlieh dem Politischen eine Form, in der sich wirtschaftliche Dynamik und parlamentarische Legitimation gegenseitig stabilisierten. Gerade darin lag auch seine Begrenztheit: Das Marktprinzip und die Idee der Legitimität waren an die Zählbarkeit von Mehrheiten innerhalb territorial begrenzter Nationalstaaten gebunden. Das als Freiheit bezeichnete Derivat dieses politisch-ökonomischen Gefüges war – historisch-materialistisch betrachtet – die Spielregel des Droit bourgeois und als solches nur innerhalb des bürgerlichen Zeitalters von Relevanz.

Das nun und neu anbrechende Zeitalter negiert in seinen Konstellationen nicht die grundsätzliche Gesetzmäßigkeit der dargestellten Wirtschaftsordnung; sie verhält sich jedoch wie die klassische Mechanik zur allgemeinen Relativitätstheorie. Die Ökonomie erscheint darin noch als Summe nationaler Märkte im Wettstreit miteinander, sie wirkt jetzt aber immer mehr als verdichtete Architektur von Netzen, Infrastrukturen, Rechenkapazitäten, Kapitalströmen und artifizieller Produktion. Gerade in Europa ist zu beobachten, dass technologische Souveränität, grenzüberschreitende Kapitalmarktintegration und der Ausbau gemeinsamer Sicherheits- und Industriepolitiken nicht mehr bloß als Verwaltungsthemen behandelt werden, sondern in eine grundsätzlich neu gestaltete Machtordnung streben. Der daraus resultierende Reflex, sich in die Optimierung staatlicher Sinnzusammenhänge zurückzuwünschen, und jeder dahingehende Restaurationswille (Identitätspolitik, Protektionismus, Interventionismus etc.) werden, ganz ungeachtet aller ex nihilo geschaffenen Sondervermögen, nur ein letztes Aufflackern dieser alten Welt sein.

In diesem Horizont genügt die klassische demokratische Selbstbeschreibung im hyperetatistischen Gewand nicht mehr. So viel Geld, um den Untergang dieser alten Welt aufzuhalten, gibt es nicht. Ihre Skalierfähigkeit ist an die Wirkprinzipien staatlicher Akte gebunden, an Gesetze und Verfahren auf der einen, d. i. der sog. Rechtsstaat, sowie an Selbstbestimmung und Souveränität auf der anderen Seite, d. i. Identität. Die eigentliche Frage lautet aber nicht mehr, wer regiert – entsprechend auch nicht mehr, wie viele Mittel vonnöten sind, um eine bestimmte Fehlallokation zu reparieren –, sondern in welcher Form politische Ordnung überhaupt noch Dynamik entwickelt, wenn Macht ihre institutionalisierte Form (klassische Mechanik) übersteigt und in Dimensionen von Bewegung und Geschwindigkeit verhandelt wird: in Plattformen, Lieferketten, Datenräumen, militärischen Systemen, Finanzarchitekturen. Die Demokratie verwaltet dann nur noch die Oberflächen; sie zerfällt in das dauernde „als ob“ des postmodernen Live Action Role-Playing (LARP) und das Reale spielt auf ganz anderer Bühne.

Sofern man die klassische politische Ökonomie als Theorie des Mangels, der Kalkulation und der zweckrationalen Allokation versteht, ist es innerhalb der neu entstehenden Ordnung nicht mehr der Mangel, stattdessen der Überschuss, der zum Treiber dieser neuen Realität wird; nicht die Knappheit, sondern die Notwendigkeit, einen unvermeidlichen Mehrbestand an Energie, Reichtum und Produktivität zu verausgaben. Das ist im Kern die Einsicht, dass jede Ordnung, sobald sie ein bestimmtes Maß an Verdichtung erreicht hat, nicht mehr allein durch Produktion und Akkumulation bestimmt sein kann, sondern durch die Form, in der sie ihren Überschuss vernichtet, verzehrt, verschenkt, monumentalisiert oder opfert.

Übertragen auf die Gegenwart heißt das: Die Frage der Souveränität entscheidet sich nicht mehr primär am Verfahrensrecht oder an der juridischen Kompetenz des Staates, seiner Fähigkeit die Ausnahme zu beherrschen, als vielmehr an der Fähigkeit, Überschuss in Form zu bringen. Eine Ordnungsmacht ist dann souverän, wenn sie den unvermeidlichen Exzess ihrer materiellen und symbolischen Potenz nicht bloß verwaltet, sondern in eine höhere Gestalt überführt. Verschwendung ist dabei die neue Signatur dieser Macht. Monumentale Infrastruktur, strategische Großprojekte, techno-industrielle Prestigezonen, raumgreifende militärische Aggression, selbst die ostentative Verausgabung von Kapital in Bereichen, deren Ertrag zunächst nicht im ökonomischen Sinn messbar ist, rücken unter diesem Blick nicht an den Rand, sondern ins Zentrum politischer Rationalität. Denn Souveränität zeigt sich in dem was kommen wird dort, wo eine Ordnung beweist, dass sie fähig ist, sich über die bloße Logik der Nützlichkeit zu erheben. Kein Zufall: in diesem vertikalen Streben werden dann gewaltige Wolkenkratzer sichtbar, aus Wüstensand emporgebaut. Entstand der alte Kapitalismus im weber‘schen Sinne aus dem Geiste einer chrislich-protestantischen Ethik, wird die neue Ordnung transgressiv-muselmanisch sein.

Damit verschiebt sich auch der Begriff der Legitimität. Im demokratisch-liberalen Zeitalter war Legitimation im Kern die Einholung von Zustimmung innerhalb eines normierten Verfahrens; sie beruhte auf Repräsentation, Ausgleich und der symbolischen Gleichheit politischer Stimmen. Im nun anbrechenden postdemokratischen Zeitalter jedoch, in dem sich Macht in Beschleunigungen und suprastaatlichen Dispositiven konzentriert, wird diese Form zu schmal. An ihre Stelle tritt eine andere Rechtfertigungsfigur: legitim ist dann nicht mehr primär, was Mehrheiten zählt, sondern was den Überschuss einer Zivilisation so bindet, dass er nicht in sozialer Zerfaserung, nihilistischer Konsumtion oder eruptiver Gewalt zerfällt. Die Demokratie kannte vor allem die distributive Geste; die neue Ordnung verlangt die dispositive. Sie muss nicht bloß Güter verteilen, sondern Energien binden, Horizonte setzen und dem Exzess Führung geben.

Die kommende Ordnung legitimiert sich nicht zuletzt dadurch, dass sie über die arithmetische Moral des Vorteils und die überkommene Idee des Volkswillens hinausweist, um den aufkommenden KI-generierten Überschuss in Rang, Stil und geschichtliche Form zu verwandeln. Können dann ihre Agenten aber überhaupt noch menschlich sein?

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