Frühling 1950
Orange-rotes Licht. Gerade neun Uhr. Wieder auf dem Ginza. Oder wäre Shinjuku besser gewesen? Rauch unter Dunst. Keine großen Tanzcafés mehr, seit den Bekenntnissen. Nicht, weil man ihn erkennen würde. Aber er ist keine Figur aus seinem Roman.
Nein, es ist hier besser als in Shinjuku. Ginza bedeutet Leben, Infektion. Billige Seide, Baumwolle über nackter Haut. Weiße Hemden und warme Luft. Ihm ist übel. Aber nicht wegen des Alkohols. „Warum sind alle so verschwitzt?“ – Weil lebendig sein eine Krankheit ist.
Um ihn herum schlägt die Realität wieder in seinen Kopf ein. Irgendeine Frau spricht Englisch mit japanischem Akzent. Er weiß nicht genau, wo, versteht auch kein Wort. Und der Raum ist gut. Modern, europäisch eingerichtet, man hat’s zumindest versucht. Auch nicht zu hell. Vielleicht war der Besitzer mal in Frankreich, oder bildet sich ein, dass er noch hin müsste. Diese „Künstler-Typen“ sind schon immer von Paris besessen gewesen. Zumindest sind hier keine G.I.s, Hunde.
Man muss früh zu trinken anfangen, wegen der Ausgangssperren. Deshalb ist er auch jetzt schon benebelt, fängt sich aber. Und Brunswick wäre heute zu viel. Normalerweise geht er gar nicht alleine auf den Ginza. Eine Frauenstimme – es ist nicht die, die Englisch gesprochen hat – dringt an sein Ohr, von zwei Tischen weiter.
Weil man allein hier ist, spürt er, ist es weniger auffällig, wenn man sich etwas umsieht. „Man wird an solchen Orten ja ohnehin nicht mehr beachtet, außer man…“, er denkt nicht weiter. Sein rauschzerfressenes Hirn erlaubt es ihm nicht. Endlich hat er sich weit genug umgedreht, um sie richtig zu sehen. Dünn, sogar ziemlich. Hals; lang. Gesicht; rund. Nur wirkt sie ein bisschen groß. Vielleicht größer als er?
Die ist ihm vorher schon aufgefallen, beim Reinkommen. Zu langes Starren wäre unangebracht, sogar hier. Auch am Ginza wahrt man noch die Contenance. Er hat vergessen, wo seine Zigaretten sind und das Glas vor ihm ist leer. „Hinfällig.“ Augen endlich geschlossen. Aufzustehen ist sinnlos. Langsam sinkt er in sich zusammen.
Ineinandergeschlungene Glieder liegen da. Irgendein Wirbel aus Fleisch und Membran darüber. Sind bloß Teile zu etwas. Schlagartiger Blutanstieg und Auflösung. Aber da ist kein Alptraum. Hinter ihm knallt es.
Am anderen Tisch hat man eine Flasche Sekt entkorkt. „Den ekelsüßen Kōshū trinken sie jetzt immer, wenn sie Theater spielen wollen.“ Wieder etwas auf Englisch.
Gute Ausrede, um hinzuschauen. Vier Frauen, halb-westlich gekleidet, darunter die eine, die ihm aufgefallen ist. Sie schenken sich ein, nur ist da mehr Schaum als sonst was in ihren Gläsern. „Eigentlich wie das Meer. Schaum löst sich erst, wenn die Brandung langsam am Ufer bricht.“
Als die eine ihr Glas zum Mund führt, bemerkt er erst wirklich die blasse, strahlweiße Haut. Auch kaum Puder. Yukio fühlt sich schlagartig nüchtern. Es ist lange her, dass eine Frau ihn so aufgeregt hat. Und überhaupt, dass er eine Frau hatte. Sie werden etwa gleichalt sein.
Er steht auf, bestellt an der Bar, bleibt dort. Gegen das warme Holz gelehnt findet er seine Zigaretten in der Anzugtasche. „Langsam rauchen und erstmal nur einen kleinen Schluck“, sagt er sich. Der Alkohol lässt wirklich nach. Nur seine Sinne ernüchtern nicht.
Es ist gut, dass er alleine gekommen ist. Seine Begleitung, wer auch immer das hätte sein können, wäre sicher etwas verblüfft, oder schlimmer, belustigt davon gewesen, wie oft er jetzt an diesen Tisch schaut. Auch ihn selbst fasst die Peinlichkeit an. Irgendjemand hier wird ihn sicher schon bemerkt haben, das ist ihm klar. Aber sie sitzt immer noch da, nichtsahnend, weiße Rose, von drei kitschig-bunten Tulpen umstellt.
„Du weißt wenig von deinem Weiß, Mädchen. Lächelst zu oft mit den Augen. Weißt du, dass der starke, zu stark gesüßte Tee, wenn man ihn nicht bald ausgießt, seine Flecken auf dem Porzellan hinterlassen kann? Auch auf dem teuersten? Deine Mutter, vielleicht deine älteren Schwestern, haben dir das nie erklärt. Weißt du, dass die Gischt das Ufer am allermeisten liebt? Nein, du weißt davon nichts. Kann sein, manchmal ahnst du es irgendwie, wenn du eine Frucht auf dem hellen Tischtuch zerdrückst oder sie dir, über deine farblose Baumwollbluse kullernd, in den Schoß fällt.“
Er bemerkt selbst, wie widerlich er ist. Seinen Speichel spült er mit dem nächsten Schluck Schnaps hinunter. Es brennt nach.
„Schuljungendünn, wenn du dich streckst. Aber dümmer, nein, unwissender als jeder Schuljunge. Denkst du dir etwas, wenn du blutest? Weißer als der Mond, den die Sonne jagt. Dein Sommerwind kommt aber sicher aus Indonesien, wo die Männer braungebrannt sind, vom Licht geschundene, geküsste Körper haben. Du weißt nicht, du denkst nicht daran – es ist dir einfach nie eingefallen – was das Rot dem Weiß schenkt, am Abend: Die Mitgift einer anderen, älteren Hochzeit. Einer Hochzeit ohne Ehe. Das Rot liebt das Weiß und die Hitze liebt die Kühle der Nacht. Aber nichts, nichts liebt so sehr wie der Schnee die Sonne liebt und der Schnee liebt niemanden so sehr wie die Sonne. Niemand ist so weiß wie du, so wie ich war, so krankhaft bleich, weiß.“
Fabian Stummer – Mishima mon Amour – Edition Acephale 2026