Die Bibel ist postmodern
Die Bibel wurde von vierzig Autoren verfasst und vereint (historische) Erzählungen, Gesetzestexte, Poesie, Lyrik, Weisheitsliteratur, prophetische Literatur, Apokalyptik, Gleichnisse, Briefe, Liturgie, Kulttexte, Genealogien, Listen, Reden, Ansprachen, Dialoge, dramatische Szenen, Sprichwörter, Spruchsammlungen, Allegorien, Symbolik, Metaphern und die Evangelien.
Diese Heterogenität ist strukturell. Die Bibel ist postmodern im Sinne Lyotards: Jedes Metanarrativ wird in ihr fragmentiert.
Genesis 1: Licht, Himmel, Land und Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne, Fische und Vögel, Tiere des Landes, dann der Mensch.
Genesis 2: Himmel und Erde, Adam, Pflanzen, Tiere, dann Eva.
Genesis 1 und 2 werden gegenübergestellt und ihre Widersprüche exponiert. Die Bibel ist rhizomatisch – mehr 1000 Plateaus als Tausend Plateaus. Sie organisiert ihren Sinn lateral. Das Rhizom ist anti-hierarchisch und damit anti-Gott (Gott als (Fundament einer) Wertehierarchie).
Wenn die Bibel also ein pensiero debole ist und ihre Form ein Ausdruck des Falls, dann ist ihr Protagonist das erste postmoderne Subjekt: Ganz Gott und ganz Mensch, d.h. ganz (&) gebrochen. Geschlechtslos und asexuell („weder Mann noch Frau […] in Christus“) und atheistisch: (gefühlt) von Gott verlassen.
Die Postmoderne ist spirituell
Die Formen der Postmoderne sind spirituell. Spiritualität meint Askese, meint Keuschheit der Form: Jedes Ding an und für sich.
Der leere Signifikant steht an und für sich und kann deshalb auf alles verweisen d.h. transzendieren.
Die Spiritualität der Sprache liegt in der Differenz zwischen Zeichen(anzahl) und Bezeichnetem. Differenz = Transzendenz. Sie steigt durch die relative Reduktion der Zeichen(anzahl) und/oder die relative Potenzierung des Bezeichneten.
Die Klammer ist kein Ornament, sondern Bedeutungspotentiator. Wie die Differenz zwischen Genesis 1 und 2 suspendiert sie Festlegung, ohne Sinn zu zerstören.
Die Spiritualität ist anarchistisch
Der Atheismus Christi am Kreuz ist der Auftakt zum Anarchismus im Sinne Lees. Gott-Vater verlässt seinen Sohn, wird Muse, wird (Heiliger) Geist – d.h. er wird zur Liebe zwischen den Menschen. Jesus stirbt, das metaphysische Fundament bricht zusammen und der Mensch steht an und für sich. Leere Spiritualität tritt an die Stelle der traditionsreichen Religion.
Diese Spiritualität ist anarchistisch. Ein politischer Anarchismus, sofern sie privat ist. Ein ethischer Anarchismus, sofern sie Kants Imperativ erweitert: Auch jedes Ding und jede Handlung muss Zweck an und für sich sein.
Nicht der lebt spirituell, der die Evangelien für Gott übersetzt, sondern der sie für das Übersetzen übersetzt.
Jesus ist nicht für die Sünder gestorben, sondern für das Sterben (der Sünder).