Mit ausgebreiteten Armen greift der Nihilismus immer tiefer in unsere Gesellschaft. Er ähnelt der Mutter, die ihr aus Selbstzweifel und Frust weinendes Kind trösten will und ihm beschwichtigend ins Ohr flüstert: „Du bist frei. Du kannst alles werden, was du bist. Du bist zu nichts verpflichtet und darfst als Kind tun und lassen, was du willst.“ Das weinende Kind vernimmt dieses Flüstern und rafft sich auf, weiterzuleben. Doch war diese Umarmung nur ein Trugbild.
Keine Mutter hat uns aufmunternd ins Ohr geflüstert, sondern unser träges Unterbewusstsein, das nach Freiheit hungert. Wir sind an dieser Freiheit großgeworden. Nur wir selbst sein zu müssen, ohne Rücksicht auf uns, auf unsere Zukunft, auf die Welt, in der wir leben. Erst spät erkennen wir, dass uns diese Freiheit mehr genommen als gegeben hat: jede Orientierung, jede Haltung, jedes Bewusstsein von der Welt hat sie uns ausgezogen und uns selbst nackt zurückgelassen.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die Höflichkeit zynisch mit Füßen tritt. Menschen ohne Zugehörigkeit, ohne Berufung, obdachlos im eigenen Leben, obwohl sie sich nie wirklich verloren haben – weil sie sich nie gefunden hatten. Narzisstisch im Verlangen nach immer mehr, ohne je ein Maß zu kennen. Blind gegenüber Gut und Böse, oder unfähig, beides noch zu unterscheiden. Unfähig zur Liebe. Als Fluchtpunkt vor dieser Erkenntnis – dass Geborenwerden und Sterben ebenso sinnlos ineinandergreifen wie das eigene Leben – dienen die Unterhaltungsmedien, die einen entmenschlichter zurücklassen, als sie einen vorfanden.
Was fehlt, ist ein Sinn: zu leben, sich zu entwickeln, sich eine Identität zu erschaffen in einer Welt, die sonst leer bliebe. Die Welt besteht aus Werden und Vergehen – daran lässt sich nichts ändern. Doch ist einem die Möglichkeit gegeben, daraus das Beste zu machen. Und der Forderung Nietzsches folgend: „Lebe dein Leben wie ein Kunstwerk.“
Denn das alles Vereinende in dieser Welt ist die Ästhetik. Doch auch sie wird uns von denselben zynischen Stimmen geraubt, von Menschen, die an sich selbst scheitern, aber weiterhin unerbittlich den Kindern ins Ohr flüstern, frei zu sein. Freiheit bedeutet in ihrem Verständnis: ein leeres Zimmer, in dem nichts mehr im Weg steht, über das man stolpern könnte. Aber wo, bei all dieser Kargheit, bleiben Leben und Schönheit?
Es soll niemandem freistehen, kein Bett haben zu wollen, ebenso wenig, in Jogginghose zur Arbeit zu erscheinen. Diese Freiheit, uns auferlegt vom trägen Unterbewusstsein, ist keine – sie ist Chaos: alles infrage stellen zu können, ohne dass daraus je ein Halt entstünde. Wo bleibt das Über-Ich, das dem triebhaften Es endlich wieder Grenzen setzt und Einheit gebietet, statt es nur gewähren zu lassen?
Ich plädiere für einen Menschen, der sich seines Sinns und seiner Aufgabe wieder bewusst wird: gut und ästhetisch zu leben, als eingeschränkt freies Individuum. Um im Bild des Kindes zu bleiben: Kein Kind soll mehr allein über sein Leben entscheiden und sich unerzogen in eine prekäre Erwachsenenexistenz hineintasten. Das Kind im Menschen soll seine Freiheit als kostbares Gut begreifen – nicht als Selbstverständlichkeit und Erlaubnis zu allem. Ich möchte es an die Hand nehmen, ihm zeigen, was erlaubt ist und was nicht, was böse ist und was gut. Nicht die Herdplatte soll der Lehrmeister sein, sondern das Wort. Denn es gibt Dinge im Leben, die erklärt werden müssen, um verstanden zu werden. Die Ästhetik – die Lehre von der Schönheit – würde sich als Grundlage hierfür eignen, weil sie objektiv zu gefallen vermag.
Am Ende geht es darum, wieder sinnhafter und ästhetischer zu leben, um dieser zynischen, haltlosen Gegenwart der Postmoderne einen Gegenentwurf zu bieten. Vor allem aber wird man sich der Kunst zuwenden müssen, um sie wieder ästhetischer zu gestalten – damit wir uns als Menschen überhaupt erst wieder ästhetischer betrachten können. Denn nur wer das Schöne sieht, spürt, dass das Leben ein Kunstwerk zu werden vermag. Es braucht wieder Haltung, wieder Tugenden: Liebe, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Eleganz, Seriosität. Anstatt wie träges Treibgut mit dem Strom zu ziehen, sollten wir gegen ihn schwimmen, hinauf ins klarere Wasser des Flusses. Denn das Einfachste im Leben ist selten das Richtige.