Ernst Kantorowicz, Sohn eines jüdischen Likörfabrikanten in Preußen, war ein großer deutscher Historiker. In seiner Jugend machte er sich an mehreren Fronten des Ersten Weltkrieges, im Berliner Spartakusaufstand und bei den Niederschlagungen der Räterepublik als Freikorpskämpfer in München verdient. Hierauf erhielt er militärische Auszeichnungen und nationale Anerkennung.
Doch das Schicksal machte ihn nicht zum Krieger. Schon während seines Dienstes im Osmanischen Reich konnte er sich für den mediterranen Zusammenfluss abendländischer und morgenländischer Kultur begeistern. In Heidelberg promovierte er im Fach der Nationalökonomie zum Wesen der muslimischen Handwerkerverbände, die sich von den mitteleuropäischen Ständen insofern unterschieden, als sie nicht als konkretes Ganzes der Gesellschaft fungieren konnten. (Dem Islam fehle die Anerkennung für die Würde der Arbeit, wie sie Kantorowicz im mittelalterlichen Abendland verortet; außerdem sei übermäßige Geschwindigkeit des Teufels Art.)
Den einzigen Unterricht im Fach der Historie, insbesondere der Alten Geschichte, erhielt Kantorowicz bei Alfred von Domaszewski, dessen Seminar über Alexander den Großen er mit seinem damaligen Hausgenossen und Freund Woldemar Graf Uxkull-Gyllenband besuchte. Dort beeindruckte der junge Nationalökonom den „besten Schüler Theodor Mommsens“ durch die Beschreibung der Vergöttlichung des hellenischen Herrschers. Von Domaszewski empfahl ihm, eine Geschichte der Juden zu schreiben, denn alle bisherigen wären entweder philo- oder antisemitisch gewesen; Kantorowicz könne Welt- und Heilsgeschichte verbinden.
Gerade in dieser Heidelberger Zeit empfing Kantorowicz sein größtes geistiges Glück. Er wurde zum Kammerdiener des neuen „Staates“ eines Dichterfürsten. Stefan George, zu dieser Zeit in reiseköniglicher Existenz durch Deutschland ziehend, erhielt in Kantorowicz’ Wohnung nahe des Heidelberger Schlosses eine seiner vorübergehenden Wohnstätten. Die beiden begegneten sich das erste Mal wirklich in einem geistvollen Gespräch in einer Heidelberger Pension am 6. November 1920 über den Vergleich von Sprachen und den Zionismus. Kantorowicz schrieb George sofort platonische Wirkungen zu: Man erlange das Gefühl, man hätte es schon längst erkannt — was des Dichters reinste und elementarste Art des Überzeugens war.
Hier entstand unter der künstlerischen und geistigen Führung Georges das wichtigste und meistgelesene Werk der Weimarer Zeit: Kaiser Friedrich der Zweite, geschrieben durch den 32-jährigen Ernst Kantorowicz, der sich damit in kürzester Zeit aus der Fachfremde ins Zentrum der historischen Forschung stellen konnte. Das Sujet erzählt nicht „wie es eigentlich gewesen“, also nicht nach der alten Art Leopold von Rankes, sondern in neuer Manier. Durch eine imagination créatrice galt es, das Thema zuerst aufzuschließen, um nicht dem Plebejismus des sich positiv wähnenden Geistes zu verfallen.
Friedrich der Zweite war „jener erste Europäer nach meinem Geschmack“, wie es Friedrich Nietzsche in § 200 von Jenseits von Gut und Böse verkündete. Er war mit Alcibiades und Caesar einer der zauberhaften Unfassbaren und Unausdenklichen, „jene zum Siege und zur Verführung vorherbestimmten Räthselmenschen“, die in der Zeitgenossenschaft eines „Auflösungs-Zeitalters, welches die Rassen durch einander wirft“, auf ihre Antipoden treffen. Dieser zweite Typus, wie der Räthselmensch, „ein Mensch der späten Culturen und der gebrochenen Lichter“, ist durchschnittlich ein schwächerer Mensch. Er hat gegensätzliche Triebe und Wertmaße im Leibe, sein gründlichstes Verlangen ist, dass der Krieg, der er ist, zu Ende geht. Das Glück des Ausruhens, der Ungestörtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, als „Sabbat der Sabbate“ erscheint ihm als das Höchste. Es fehlt diesem Typus die eigentliche Feinheit im Kriegführen mit sich, also Selbstbeherrschung und Selbst-Überlistung, die dem anderen hinzuvererbt und hinzugezüchtet wurde.
Kaiser Friedrich II. ist gekommen, um diese Auflösung zu beenden und als Gründer eine neue Archē zu setzen. Seine Gegensätze, als schwäbischer Staufer und normannischer Hauteville, wirkten ihm als Lebensreiz. Bei Kantorowicz erscheint er als erster moderner Herrscher, der seine eigenen Gesetze erließ und eigene Universitäten für seine imperiale Verwaltung stiftete. In Sizilien mit der höchsten Fülle an Gewalt ausgestattet, ging er ans Werk, um das Material, das ihm gegeben wurde, zu ordnen. Einen höheren Dienst gab es nicht. Die Einheit von Gott und Herrscher wurde noch nicht gebrochen, und der König waltete als unmittelbarer Stellvertreter Gottes. Friedrichs Frömmigkeit bestand in seinen bewaffneten Pilgerfahrten. Im Kreuzzug begründete er das deutsch-römische Anrecht auf Jerusalem, als er sich blutlos vom Sultan die Hoheit über dieses Land geben ließ. In der Grabeskirche krönte sich Friedrich II. selbst zum König Jerusalems.
Wie Kantorowicz zuerst im Osten für sich sehen konnte, floss schon viel früher und mächtiger das altsüdliche Erbe auf die Länder des Nordens. Diesen Prozess der kulturellen Verschmelzung und Übernahme, dessen eigentliches Fulcrum Rom war, beschreibt Kantorowicz für die Herrscherzeit Friedrichs. Philosophie, Recht und deren Ausfluss als Lebensweise konnte die Antike neu aufschließen. Friedrich war als Person und in den Resultaten der longue durée seiner Taten eine Wiedergeburt der Antike.
Als Renaissancemensch war er vielbegabt und tatkräftig. Von enormer Sprachbegabung bis zu einem wissenschaftlichen Werk über Falken (De arte venandi cum avibus), von Gesprächen mit dem Hofphilosophen Michael Scotus und einem engen Briefwechsel mit dem Mathematiker Leonardo Fibonacci konnte sich Friedrich außerhalb seines Auftrages als König der Deutschen, römischer Kaiser und Führer der Christenheit in seiner Universalität blicken lassen. Er förderte die Wissenschaft in einem so ungehörigen Ausmaß, dass sogar allerlei Gelehrte direkten Zugang zu seinem kaiserlichen Hof bekamen. Judah ben Salomon ha-Cohen erstellte dort die erste hebräische Enzyklopädie für die Weisheit dieser Welt, die die aristotelische Philosophie, Teile des Alten Testaments und die Mathematik beinhaltet. Weitere Leistungen, wie die lateinischen Übertragungen des großen arabisch-andalusischen Kulturträgers, Aristoteles-Kommentators und eigenständigen Philosophen Averroës, durfte man verantworten. Kantorowicz erwähnt im Kontext dieser Übertragungen aus dem Arabischen, dass sich die Araber zwar der griechischen Philosophie und Wissenschaft ermächtigten — aber als Geschichtsschreiber oder Dichter nicht wirksam wurden. Dieser Vers Homers wurde jedoch geschätzt:
„εἷς κοίρανος ἔστω, εἷς βασιλεύς“
(„Einer sei Herrscher, einer König“ — Ilias, 2. Gesang, Vers 204).
Die Machtausdehnung Friedrichs war singulär, als Stupor Mundi war er allumfassend. Mehrere Päpste machten ihm schon als Kind, als Puer Apuliae, das väterliche Erbe auf niederträchtigste Art streitbar. Der spätere Pantokrator geriet in die Fangnetze kirchlicher Propaganda und Prophezeiungen der Endzeit, in deren Diffamie er der Nachwelt als Antichrist und Bestie aus dem Meer erschien. Für die Dynastie Hohenstaufen kam es nach seinem natürlichen Tod zur Katastrophe. Der Enkel Friedrichs, Konradin, und dessen Halbbruder Manfred konnten noch große Teile Reichsitaliens halten; als der 13-jährige Konradin an der Spitze eines siegreichen Heeres seiner ergebensten Ritter in voller Rüstung südwärts nach Rom marschierte, wurde die Prozession in ganzer Blüte gefeiert. Der leere Thron erwartete sein Kommen. Die kaiserlichen Banner wurden gehisst — Konradin ritt als Weltherrscher ein. Das Volk Romas lag ihm zu Füßen und die Stadt begrüßte ihren Befreier.
Doch durch eine Verschwörung der neiderfüllten Prälatur und Karls I. von Anjou, in List verraten, folgten Niederlagen im Süden. In einem skandalösen Urteil wurde ein rechtlicher Vorwand gefunden, um den jungen Universalherrscher Konradin und seinen Freund unter das Blutgerüst zu stecken. Er bettelte nie um sein Leben. Die Exekution war so ungerecht und absurd, dass dadurch jeglicher päpstliche Legalismus in Misskredit gebracht wurde. Die Rückkehr der Jugend in ihrem natürlichen Charisma stand ihnen nun entgegen. Trotz des natürlichen Endes einer Dynastie war die Erinnerung an einen jungen Kaiser siegreich. Es wurde erzählt, so Kantorowicz, dass, als das Haupt des letzten Stauferkönigs am Boden rollte, ein Adler in eiligem Fluge vom Himmel herabstieß und seine rechte Schwinge durch das Blut Konradins zog: „So befleckt vom Blute der Divi schwang er wieder hinauf in den Äther.“
Das Friedrichsbuch von Kantorowicz erschien zunächst bei Bondi in Berlin, in der wissenschaftlichen Reihe der vom Meister betreuten und verantworteten Werke. Es erhielt umfassenden Applaus und Anerkennung. Natürlich erhob man schon bald aus fachwissenschaftlichen Kreisen das Wort: Die Geschichte enthalte zu viel Narration, die nicht als positives Datum und Faktum festgestellt werden könne. So musste sich Ernst Kantorowicz als eloquenter, schick gekleideter Mann fast ohne historiographische Formalbildung der gesammelten Geschichtswissenschaft stellen.
So kämpfte er gegen einen „farblosen und neutralen Typus“, der dieselbe Art der Geschichtsschreibung praktiziere, wie sie der internationale „Halbbildungspöbel“ genießt. Um Geschichte erzählen zu können, bräuchte man aber Perspektive — am besten die esoterische, also diejenige, die von oben herab sprechen kann und sich nicht der Gleichheit aller Betrachter beugt (§ 30, Jenseits von Gut und Böse). Die Biographien im Gefolge der Dichtung Georges sind keine Allerweltsbücher, sondern von einer imagination créatrice geführt, mit Blick auf das „Neue Reich“ geschaffen.
Ernst Kantorowicz konnte sich mit diesem methodischen Ansatz im Weimarer Fachhistorismus zwar nicht auf breiter Front durchsetzen, aber die neue Sitte der geschichtswissenschaftlichen Mythenschau erhielt in Teilen der Wissenschaft ihren festen Platz. In seinen späteren Werken wie über die Laudes Regiae und über The King’s Two Bodies wurden viele Themen des Friedrichbuches fortgeführt. Die Krönungsriten und insbesondere die Aufschließung der akklamatorischen Trias „Christus vincit. Christus regnat. Christus imperat.“ stellte er ins Zentrum seines nun stilleren Schaffens. Die politischen Theologien, die Kantorowicz in der Verflechtung von patristischen Formulierungen christologischer Herrschaft mit den Machtansprüchen dieser Welt sah, waren sein zweites Hauptgebiet.
Nachdem er sich nach einer letzten, inspirierenden öffentlichen Rede an der Frankfurter Universität über Das Geheime Deutschland ins Exil und dann in die dauerhafte Emigration begeben hatte, fand er zuerst in Kalifornien und dann in Princeton seine Wohnstätten. Dort verschaffte er sich als Wissenschaftler Weltruhm und durfte sich zu den besten Mediävisten des 20. Jahrhunderts zählen lassen.
Sein Körper ist nicht erhalten und erwartet keine Rückkehr — seine Asche wurde aufgrund eines „Anti-Ewigkeitskomplexes“ in der Karibik verstreut.