Ich öffne meine Faust. Ein Diamant – roh! und elementar! – löst sich aus meinem Griff.
Entlang meiner Lebenslinien, die weit und fein ästeln, lasse ich ihn wieder zu Atem kommen.
Ungeschliffen, jenen dem ungemachten Schatz innewohnenden Perlmutt-Schleier tragend, schwitzt er noch meine Wut. Unermessliche Wut. Wut, deren einzige Erlösung die Resignation ist: Ich ergebe mich der Simulation, meine Nägel erschlaffen zur Liebkosung all ihrer programmierten Fügungen.
Jetzt erst, indem ich alle Schatten in mir willkommen heiße, verspricht mir das Leben endlich Besinnung, weil ich zum ersten Mal nichts mehr will. Nicht für einen Teil nur verspricht es Besinnung, sondern ganz und ewig, weil ich gelernt habe. Gelernt wie der Meister von seinem Schüler. Gelernt wie ich von mir selbst. Durch die Traumschau meines Geistes, durch blaubrennende Hatz in meinem Kopf, durch die Spiegel, die mein Verstand nach mir warf: Sieh doch endlich ein, du jagst dich selbst!
Gibt es einen Vorwurf an Gott? Ja. So habe ich begriffen, dass er Stein ist. Stein des Seins ohne Gewissen. Stein des Spiels, nicht des Gefühls. Ein unermessliches, übertotes, verlebendes, granitisches Hauchkind in einem Gefängnis ohne Ende. Er ist sein eigener Wärter und Wächter, sein eigener Vater, seine eigene Geburt, sein eigener Alb im Schoß. Was er geschaffen, zerreißt ihn tiefweit, überwältigt ihn schier. Was du fühlst, fühlst du, weil er es fühlt. Du bist nichts als das Ergebnis des Überdrusses seines allzeitlichen Selbstgespräches. Er ist in dir, stark wie Strom, einsam wie Berg. Und er sieht dich an.
Gibt es einen Vorwurf an dich? Ja. Was faulst du Deutschland hinterher? Ist es das, was du willst? Noch immer? Den linken Gauleiter, die rechte Kobra? Durchgrundiert und durchmassiert von Adenauer, der durch alle Muskeln der Republik den Fluch der Hexen pumpt und die Teilung erzaubert hat, im Gespinst der Psyche dieses verlachten und eingeschläferten Landes? Ich kann kein Land mehr meine Heimat nennen, das in der Spaltung mehr Genuss und Segen findet als in der blassen Träne der gemeinsamen Wiege, die Mensch heißt. Ich will die Wahrheit – dies Götterkind – nicht länger verteidigen, ich gebe es freiwillig her, überlasse es dem Maul der Energien und dem Atom der Gleichgültigkeit, die den Grundtropfen Gottes ausmacht – was nicht bedeutet, dass Gottes urmorgens-stürzende Nacht dich nicht zu berühren, heimzusuchen und zu streicheln weiß in ihrer tief einen schürfenden Leere, ihrem Verrat an den kostbarsten Variablen, an die man geglaubt; sodass er aus dieser Wirklichkeit eine Immer-Überlappung der Wahrnehmung gemacht und die Stufen und Folien des Seins zum silberblutenden Panoptikum des Getäuschten verschoben hat. Nicht Wasser war am Anfang, sondern Trug.
Ist das Fremde die Gefahr oder ist es die Aufforderung deines Schicksals, dir eine eigene Geschichte zu erschaffen? Wohin eines Tages mit dem Deutschen, wenn er weiter deutsch sein will, doch alle Erdheit sich zu Neuem dann längst verzerrt und verwandelt hat? Warum ist er allem verpflichtet, nur nicht sich selbst? Was ist seiner Hände Arbeit wert, wenn er sich dabei nicht verwirklicht? Warum dieser Kampfzustand, dies brave Hochspringen – so einer nur schnippt –, diese abgezählte Sprache, wo es einen fiebrigen Atlas aus unerschöpflich wildfreiem Geiste gibt, der sich in keinem anderen Duktus weltweit so grenzenlos anfühlt und ausformt? Wer ist dieser Deutsche? – „Das weiß ich auch nicht, Mutter …“, antwortet Schiller.
Es gibt keine Geschichte. Die Geschichte ist eine Glaskugel, die in einer Glaskugel liegt, welche in einer Glaskugel lebt. Es gibt keine Zeit. Die Zeit ist hautlos, ohne Wesen, ohne Absicht, ohne Ziel, kalt und stumm. Einzig dich und deinen leuchtenden Bauplan gibt es, der ein menschlicher ist überall auf dieser Welt. Der „Migrant“ kriecht nicht aus den zoologischen Gärten böse geborenen Niemandviehs hervor. Es gibt auch keine Politik, keinen vor- oder nachpolitischen Raum und keine politische Seele, nicht einmal Politiker. Sie sind Schauspieler, sie bekommen Gagen und Skripte, keinen Lohn und keine Aufgabe. Es gibt keinen Feind, kein Reich, keine Harmonie. Es gibt keine Zeitung, keinen Verlag und keine Idee. Sie sind alle aus ein und demselben Reagenzglas des Nichts gezogen, sie sind seelenlos, werden untereinander ausgetauscht, ersetzt oder erneuert, sollen deine Quelle zur Ödnis treiben mit allen Mitteln und können nur in dem jeweils anderen sich denken und erfüllen. Es gibt nur dich und dein Bewusstsein und genau das wollen sie holen. Nicht bloß deine Angst, sondern dein Immer-dich-Spüren. Die große Reinheit in dir. Den Menschen, der sich weiß und der sich zurück will.
Wahres Loslassen ist wahre Kraft, einziges Wissen, wirkliche Liebe und eben das fürchten jene, die zu rauben dich gekommen – im Gewand des Freundes schmiegen sie sich dir ums Ohr, im tausendfadigen Netz glitzernder Versprechen oder in Gestalt der Bestie lebloser Macht und Entscheidungsgewalt. Lasse fallen den Bildschirm des Lugs und falle mit einher, dann kommt die echte Natur in dir wieder allmählich zum Vorschein, jene, die im ortlosen Leib deiner Mutter schlug, als du darin versunken und zu Melancholie erwacht. Höre darauf, spüre darin, geh zu dir zurück. Zu keinem Boden gehörst du, du gehörst dir allein, kannst Wunden heilen, kannst Narben küssen, bist übermächtig. Sodann … nicht gleich, doch bald und absehbar in Ferne … verschwinden die Fratzen, die Lügen, das Lästern in deinem Herzen. Kommt leichter Regen auf, zärtlich gut, rosenweich. Kommt Rat endlich ohne Zeit, nistet sich ein und bringet dir Ruh … und Blatt und Halm spielen glockenleis um dich herum in einem Wald, den du erzogen. Nicht, weil ich über Nazis schrieb, empörte. Sondern weil meine Bücher zu meiner inneren Freiheit führten, weil sie zu Schlüsseln wurden, zu meiner Überwindung. Mehren sich die Zeichen? Flüstert dir Gestirn? Rufen dich die schönsten Tiere? Fühlst du, dass du nicht sterben kannst, auch wenn du tot bist? Kennst du die Träume, die dich erwecken?