In meinem Pamphlet zum Orgien Mysterien Theater (Rave) habe ich auf Hermann Nitschs Versäumnis verwiesen, die Droge (jenseits des Alkohols) in sein Theater zu integrieren. Andere Performancekünstler erweiterten das Spektrum der Droge: Für Rhythm 2 konsumierte Marina Abramović Medikamente gegen Katatonie und Depression, und Nitschs Freund und Kollege Arnulf Rainer malte informelle Bilder auf Acid.
Trotzdem wurde die Droge als Material bislang kaum isoliert und an sich für die Kunst fruchtbar gemacht. Kunst lässt sich deskriptivistisch als künstlich geschaffene Entität definieren, deren Hauptzweck in der Ermöglichung ästhetischer Erfahrungen besteht. Die ästhetische Erfahrung lässt sich als ein Feld beschreiben, das eine gegen Unendlich tendierende Menge von Gedanken und Gefühlen ermöglicht.
Architektur, Bildhauerei, Musik, Malerei, Poesie, Tanz und Theater gelten klassischerweise als die sieben Künste. Auf die Unvollständigkeit dieser Liste hinzuweisen, erscheint allein schon angesichts des Kinos als redundant. Fundamentaler ist die Unterscheidung zwischen künstlich geschaffenen Entitäten, die als Medien fungieren (als Reflektoren von Licht, Erzeuger von Schwingungen und Regulatoren ihrer Wellenlängen) und solchen, die den Körper des Rezipienten unmittelbar penetrieren.
Diese zweite Kategorie wurde bislang fast vollständig aus dem gängigen Kunstbegriff verdrängt. Gemeint ist zunächst dreierlei: Parfüm, Speise und Droge. Von diesen dringt die Droge am brachialsten in die Biologie des Rezipienten ein. Sie dürfte die weitesten, tiefsten und höchsten Felder möglicher Gedanken und Gefühle eröffnen. Auf sie soll sich die folgende Betrachtung beschränken. Was für die Droge gilt, kann jedoch, mutatis mutandis, auch für das Parfüm und die Speise gelten.
Die Droge als achte Kunst ist zunächst Material. Der Drogenkünstler schlägt aus ihr sein Werk, während der Drogendesigner eine Substanz als Konsumgut entwirft. Im Übrigen gelten für die Kunstdroge selbstredend dieselben Kriterien wie für jedes andere Kunstwerk.
Innerhalb der Drogenkunst lassen sich verschiedene Strömungen unterscheiden. Fundamental ist die Differenz zwischen einer konzeptionell-psychologischen und einer formalistischen Bewegung:
- Konzeptionell-psychologische Drogenkunst: Konzeptkunst und Psychologie fallen hier weitgehend zusammen, da das Konzept einer Droge sich kaum anders als in einem psychischen Zustand des Rezipienten manifestieren kann.
- Formalistische Drogenkunst: Sie richtet ihren Blick auf die Form der Substanz und/oder ihre chemische Darstellung. Dabei ist zwischen der mit bloßem Auge wahrnehmbaren Form und der molekularen Struktur zu unterscheiden, die sich zu wesentlichen Teilen auf Kandinsky beziehen lässt:
„Zu dieser Komposition steht ihr [der Drogenkunst] [ein] Mittel zur Verfügung: Form. Die Form allein, als Darstellung des Gegenstandes (realen oder nicht realen) oder als rein abstrakte Abgrenzung eines Raumes, einer Fläche, kann selbständig existieren. […] Dieses unvermeidliche Verhältnis zwischen [Rausch] und Form bringt uns zu Beobachtungen der Wirkungen, welche die Form […] ausübt. Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat ihren innern Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind. Ein Dreieck (ohne die nähere Bezeichnung, ob es spitz, flach, gleichseitig ist) ist ein derartiges Wesen mit dem ihm allein eigenen geistigen Parfüm. In Verbindung mit anderen Formen differenziert sich dieses Parfüm, bekommt beiklingende Nuancen, bleibt aber im Grunde unveränderlich […]. Ebenso Kreis, Quadrat und alle anderen möglichen Formen […]“
— Vassily Kandinsky
Taxonomie der Drogenkonsumenten
- Der Psychonaut: Vermag von der Rauscherfahrung auf die Form der Substanz sowie ihre chemische Darstellung zu schließen und sie zugleich in ihren jeweiligen Kontexten zu lesen. Seine Expertise ist häufig akademisch erworben.
- Der gute Drogenkonsument: Besitzt ein hohes intuitives Verständnis der Droge, ohne ihre chemisch-kompositorischen Zusammenhänge intellektuell zu durchdringen.
- Der Drogenkulturkonsument: Verwendet die Droge als Prestigeobjekt, Statussymbol oder Bildungsgut. Sein Gegenstand ist nicht die Erfahrung, sondern die Zugehörigkeit zur Kultur der Erfahrung.
- Der emotionale Drogenkonsument: Sucht in der Droge eine Technik zur Gefühlsregulierung. Zu seiner Praxis kann sowohl die Selbstmedikamentierung als auch der rein hedonistische Selbstbeschuss durchs Stahlbad Fun gehören.
Unnötig zu erwähnen, dass zwischen diesen Taxen der Drogenkonsumenten weiche Übergänge, fließende und fliehende Linien, Überschneidungen und Überlappungen vorherrschend sind. Auf die psychische und physische Gefahr der Drogenkunst muss eher verwiesen werden, auch wenn diese kaum offensichtlicher ist als jene der Filmkunst (von Riefenstahl und Konsorten). Der Vorzug dieser Offensichtlichkeit ist die Ernsthaftigkeit.
Ich sehe mich aufgeputscht und aus der Nase blutend durch die neuen Galerien der inneren Bilder laufen, die Kleinstmengen irgendwelcher Pulver auf Marmorsockeln ausstellen/anbieten und jeden Aufseher mit Naloxonspritzen ausstatten. Ich sehe mich mit asymmetrischem Lidschatten Milch trinken und Ludwig funs 9. hören und mit Marina auf einem nasenblut- und pulvergetränkten Schüttbildboden vögeln. Ich stecke ihr meinen künstlich gehärteten Cock rein, den sie aus meiner Pseudofilmkunst kennt, meine Telleraugen auf den Stroboskopcursor gerichtet, zum Krüppel gekrümmt wie Hunter S. Thompson über der Schreibmaschine assoziierend, automatisierend… in Fiume veröffentlichend.