Thema von Heideggers Philosophie ist das Sein. Sein und Zeit lautet der Titel seines Hauptwerks. Als eine Ontologie = Lehre vom Sein hat er seine Philosophie bezeichnet. Ansatzpunkt dieser Philosophie ist der Unterschied zwischen dem Sein einerseits und der Mannigfaltigkeit der seienden Dinge andererseits. Das Seiende läßt sich einfach begreifen. Es umfaßt alles, wovon wir sagen können, daß es ist. Das Sein wiederum läßt sich nicht ganz so einfach begreifen. Es macht das Seiende zu dem, was es ist. Ohne Sein kein Seiendes. Das Sein, von dem man sagt, es sei „der allgemeinste und leerste Begriff“ (SuZ, 2), ist schwer zu fassen. Um das Sein zu fassen, setzt Heidegger bei dem Seienden an, das wir Menschen selbst sind und das er „Dasein“ nennt. Wenn so etwas wie Sein zugänglich ist und verstanden werden kann, dann doch wohl in dem Seienden, das wir selbst sind.
Das Dasein zeichnet sich dadurch aus, daß ihm bereits ein rohes Seinsverständnis gegeben ist, das wir denkend aufklären können. Wir haben alle eine gewisse Vorstellung davon, weshalb es uns gibt, zu welchem Ende wir auf Erden wandeln. Das Dasein beschreibt Heidegger als dasjenige Seiende, dem es „in seinem Sein um dieses Sein selbst geht“ (SuZ, 12). Vor dem Hintergrund der Sorge, in der Heidegger das Sein des Daseins sieht, wird die Formel vom „Seienden, dem es in seinem Sein um sein Sein geht“ oft als Selbstbekümmerung übersetzt. Das Dasein ist dasjenige Seiende, das sich um sich selbst sorgt, um seine Möglichkeiten und darum, sich überhaupt im Sein zu halten. Es ist damit ebenso dasjenige Seiende, das sich darum sorgen kann, eigentlich zu sein und nicht in Modi der Uneigentlichkeit abzugleiten.
Heideggers Daseinsformel ist auch eine Umschreibung kultureller Identität. Wenn es mir in meinem Sein um mein Sein geht, dann geht es mir darum, wer ich bin, sein kann, sein soll. Heidegger spricht in Sein und Zeit selten von Identität, was aber daher rühren dürfte, daß der Begriff damals auf seinen logischen Gebrauch („Satz der Identität“) festgelegt und als Ausdruck für das Selbstverständnis des Daseins noch nicht üblich war. Im Jahr 2026 hätte Heidegger seine Philosophie mit Sicherheit als Identitätsphilosophie, identitäre Philosophie oder dergleichen bezeichnet.
Sich zu seinem eigenen Sein verhalten heißt existieren. Existieren in diesem Sinn ist kein anderes Wort für „Vorkommen“, sondern bezeichnet ein Dasein, das sich seines Seins bewußt ist. „Wer bin ich eigentlich?“ ist eine Frage, um die das menschliche Dasein lebenslang kreist. „Eigentlich“ ist dabei kein Füllwort, sondern Gegenbegriff zu „uneigentlich“. Der Mensch hat ein Seinsverständnis als Selbstverständnis und existiert, indem er sich selbst ständig auf ihm gemäße Seinsmöglichkeiten entwirft, das heißt, sich als dies und jenes versteht. Man könnte auch von Selbstbildern oder eben von Identitäten sprechen. Sich derart selbstbezüglich auf sein Sein zu beziehen, heißt nichts anderes als Identität haben. Dasjenige Seiende, dem es in seinem Sein um sein Sein geht, ist dasjenige Seiende, das Identität hat. Identität aber ist in ihrer konkreten Ausprägung von der beruflichen über die geschlechtliche bis zur nationalen Identität stets eine kulturelle Identität. Die Seinsmöglichkeiten, die das Dasein existierend ergreift, sind immer kulturell geprägte Möglichkeiten.
Worum geht es mir denn in meinem Sein? Worum sorge ich mich? Darum, daß ich ein guter Vater und Ehemann bin, daß ich meinen Beruf, den ich gewählt habe, weil er mir entspricht, gut ausübe, etwa als Arzt bestehe. Es fragt sich, welche Rolle das Deutschtum innerhalb dieser Strukturen der Existenz einnimmt. Mit dieser Frage scheinen wir erstmals dem unfruchtbaren Definieren des Deutschtums zu entkommen. Wir verstehen das Deutschtum mit Heidegger als ein Deutschsein. Deutsch ist nicht der Oberbegriff für alle deutschen Dinge, die wir ihm als kleine Zinnfiguren subsumieren. Deutsch ist ein Sein, das wir als Deutsche zu sein haben.
Dabei gilt für das Dasein wie für das Deutschsein: Es ist uns „zwar ontisch nicht nur nahe oder gar das nächste – wir sind es sogar selbst. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ontologisch das Fernste“ (SuZ, 15). Das heißt: Eben weil wir selbst deutsch sind, fällt es uns so schwer, auf Nachfrage zu erklären, was denn deutsch sei. Aus dieser Struktur des Daseins, das uns nahe ist wie eine Brille, durch die wir alles sehen, die wir aber gerade deshalb nicht sehen, rührt die erste Verlegenheit beim Antworten auf die Frage „Was ist denn deutsch?“ Wer auf diese Frage ins Stottern gerät, liegt nicht falsch. Er ist vielmehr auf dem richtigen Weg. Falsch wäre es, deutsche Dinge, die einem gerade in den Sinn kommen, rasch zusammenzuklauben und als Antwort zu präsentieren, nur um einem böswilligen Journalisten etwas vorlegen zu können. Eine gute erste Antwort wäre: Ich. Schauen Sie her. Ich bin Deutscher! Ich bin Deutscher! – so hat Jürgen Elsässer seine Autobiographie genannt und damit auf seine Weise aufgezeigt, wie es ist, deutsch zu sein.
Das Dasein freilich existiert zumeist uneigentlich, also nicht oder nur zum Schein selbstgewählt und selbstbestimmt. Es ist dann verfallen an das Man, wie Heidegger sagt. Das Man ist eine Struktur der Öffentlichkeit, die dem Dasein die Möglichkeiten seiner Existenz abnimmt. Das Man bietet dem Dasein eine Entlastung, auf die es nicht immer verzichten kann. Es verführt das Dasein dazu, sich ohne eigentliche Wahl öffentlich approbierten Verhaltensweisen zu überlassen. So verhindert das Man, daß das Dasein ein authentisches Verhältnis zu seinem Sein aufbaut. Das Man treibt das Dasein in die vielfältigen Besorgungen der Welt und weg von der Begegnung mit sich selbst und mit dem eigenen Tod. Es sagt, „man stirbt am Ende auch einmal, aber zunächst bleibt man unbetroffen“ (SuZ, 253). Das Man verhindert ein authentisches Verhältnis zur eigenen Endlichkeit. Das Man bietet leicht zugängliche Antworten und breitet eine große Beruhigung über die drängenden Fragen der Existenz. Das Man nivelliert das Verstehen zu bloßer Neugier, die alles gesehen haben will, „nicht um das Gesehene zu verstehen, das heißt in ein Sein zu ihm zu kommen, sondern nur um zu sehen“ (SuZ, 172). Ebenso wird im Man die aufschließende Rede, die von einem Verständnis kündet und Verständnis bewirkt, zu Gerede, das im bloßen Hin und Her des Weiterredens und Nachredens einen hohlen „autoritativen Charakter“ (SuZ, 168) ohne Bezug zum Seienden erwirbt wie etwa das Gerede von Kunst&Kultur (s. o.).
Bezogen auf das Deutschsein sagt uns das Man, das Deutschsein sei wie jedes Nationalsein überhaupt nicht zu fassen, und zieht daraus den Schluß, daß das Deutschtum eine Art Einbildung sei. Das Man stellt nur zum Spott die Frage nach dem Deutschsein und verwirft jede ernsthafte Befassung damit als „Deutschtümelei“. Gleichwohl sagt es uns, daß „man als Deutscher“ kein unbefangenes Verhältnis zu seiner Nation pflegen sollte, und bietet einem im selben Atemzug an, die Sache auf sich beruhen zu lassen, solange man ein Bekenntnis zur „historischen Verantwortung“ ablegt.
Wer sich als Deutscher aus der Verfallenheit an das Man herausreißt und zum eigentlichen Seinkönnen bringt, der zerreißt den Schleier des Geredes und eröffnet damit immer auch Möglichkeiten des Deutschseins. Die Gewinnung eines echten Seinsverhältnisses gegen die Herrschaft des Man mag vor allem eine höchstpersönliche Angelegenheit sein, die nationale Identität aber ist Teil der persönlichen Identität, und zwar auch und gerade nach Heidegger. Ein Deutscher, der zur Eigentlichkeit seiner Existenz findet, wird sich immer auch eigentlich als Deutscher verstehen. Was einen aus der Verfallenheit an das Man herausholt, sind nach Heidegger zwei Momente: die Angst in Konfrontation mit dem Tod und der Ruf des Gewissens. Angst ist keine Furcht vor einem drohenden Übel, sondern die Stimmung „vor dem Nichts der möglichen Unmöglichkeit“ (SuZ, 266) der eigenen Existenz = dem Tod. Die Vorstellung des Todes, in dem sich alle Verfallenheit löst, bringt das Dasein dazu, sich auf seine eigensten Möglichkeiten zu besinnen, damit es am Ende das gewesen sein wird, was es eigentlich sein kann.
Der Ruf des Gewissens wiederum ist keine innere Stimme, die von einer überpersönlichen Instanz gleich welcher Art ausgeht (Gott, praktische Vernunft, Über-Ich etc.). Im Ruf des Gewissens ruft das Dasein sich selbst aus der Verfallenheit an das Man zu seinem eigensten Seinkönnen auf. Der Ruf bringt nichts zur Sprache. Er ist stumm, appelliert aber stumm an das Dasein, sich aus der Verfallenheit an das Man zu befreien und seine eigentlichen Seinsmöglichkeiten zu ergreifen.
Rilke sagt in einem seiner Gedichte über den Tod: „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, / das Sterben, das aus jenem Leben geht, / darin er Liebe hatte, Sinn und Not“ (Gedichte, 293). So, wie jeder in diesem Sinn seinen eigenen Tod hat, so hat er auch sein eigenes Dasein, darin er ganz er selbst ist und das ihm entspricht. Bei jedem Deutschen aber ist das Deutschsein eine Bestimmung seines Daseins. Wie jeder seinen eigenen Tod hat, so hat jeder Deutsche sein eigenes Deutschsein, zu dem er kommt, wenn er sich, angerufen vom Ruf des Gewissens, aus der Verfallenheit an das Man herausreißt.
Viele, die sich im Jahre 2013 der AfD angeschlossen haben, beschreiben diesen Schritt als Antwort auf einen solchen Ruf, der sie dazu gebracht hat, durch den Beitritt nun Deutschland als eine ihrer eigensten Möglichkeiten zu wählen. Lehrer, Polizisten, Soldaten, Unternehmer, Studenten, Aktivisten der patriotischen Opposition, Männer und Frauen, Alte und Junge, solche, die schon in Parteien waren, und solche, die noch nie in Parteien waren, sie alle haben sich jeweils aufgerufen gesehen, für ihr Vaterland einzutreten. Es war ein Schritt, der sie aus vielerlei Verfallenheiten herausgerissen hat, ein Wagnis, das es in angstbereiter Entschlossenheit um des eigenen Deutschseins willen in diesem Augenblick zu wagen galt. Auch das war ein Schritt, der zeigen kann, wie es ist, deutsch zu sein.
Heidegger hat die soziale Dimension einer solchen Befreiung zur Eigentlichkeit in Sein und Zeit nur am Rande bedacht, es wäre aber ein Fehlschluß, wollte man annehmen, eigentliche Existenz wäre nur in der Vereinzelung erreichbar oder gar nur in irgendeiner Mystik oder Art Zen-Meditation. Heidegger macht klar, daß nur ein zu sich selbst entschlossenes eigentliches Dasein auch zu einem eigentlichen Miteinander fähig ist. „Aus dem eigentlichen Selbstsein der Entschlossenheit entspringt allererst das eigentliche Miteinander, nicht aber aus den zweideutigen und eifersüchtigen Verabredungen und den redseligen Verbrüderungen im Man und dem, was man unternehmen will“ (SuZ, 298). Die Entschlossenheit zum Selbstsein ist Bedingung der Möglichkeit eines aufrichtigen Miteinanders, während ein zum Selbstsein unentschlossenes Dasein auch in der Begegnung mit anderen unverbindlich bleibt.
Bezogen auf die nationale Identität hat der Ruf des Gewissens die Konsequenz, daß das Dasein sich nicht mehr dem a(nti)nationalen Man, allerdings auch nicht einem nationalfolkloristischen Man überläßt. Es ruft sich zu sich selbst, zu seinem je eigenen Deutschsein auf. Das Hand-aufs-Herz-Legen beim Absingen der Hymne, die leichthin eingenommenen großen Posen und das beherzte Dreschen nationaler Phrasen, all das mag besser sein als die Einstellungen, die ein antideutsch pervertiertes Man dem Dasein zu bieten hat, jedoch nur wenig besser, bleibt doch auch das Dasein, das dem nationalen Man verfällt, in der Uneigentlichkeit. Worauf es ankommt, ist, sich je für das eigene Deutschsein zu entschließen, das den anderen und uns alle authentisch deutsch sein läßt.
Eine solche Entschlossenheit für sich und uns selbst findet sich nicht mit uneigentlichen Möglichkeiten ab und duldet keine Fremdbestimmung. Die Entschlossenheit zeigt sich in Selbstbestimmung und Selbstbehauptung. Wir selbst – auf irisch wäre das Sinn Féin, der Name der irischen Freiheitspartei. Selbstbehauptung zielt auf die Abwehr von Fremdbestimmung. Wir behaupten unser Wesen, indem wir uns gegen die wehren, die uns ein fremdes Sein aufzwingen wollen. Antworten auf die Frage nach der kollektiven Identität haben eine Tendenz, auf Situationen der Verteidigung abzustellen, weil sich in der Anfechtung, in der Störung unser Deutschsein bewähren muß und in dieser Bewährung oft erst so recht zeigt. Es wird herausgefordert und kommt dann heraus aus der Selbstverständlichkeit, in der wir es ansonsten sind und in der wir ansonsten auch an es verfallen sind.
Aber was zeigt sich in solcher Anfechtung? Worauf soll die Selbstbehauptung zurückgreifen? Die Rede vom Zurückgreifen weist schon den Weg: Wir können nur aus der Vergangenheit, aus unserer Geschichte, das nehmen, was wir im Hier und Heute behaupten.
Zwar vermeidet Heidegger jede Empfehlung dazu, wozu sich das Dasein entschließen sollte, welche Möglichkeit es wählen sollte, weil es notwendigerweise an dem Dasein selbst ist, seine Möglichkeiten zu wählen, und diese Möglichkeiten keine eigentlichen mehr wären, würde es sich einem Lebensberater Heidegger überlassen. „Wozu sich das Dasein je faktisch entschließt, vermag die existenziale Analyse grundsätzlich nicht zu erörtern“ (SuZ, 383). „Trotzdem“, so wendet er einen Satz später selbst ein, „muß gefragt werden, woher überhaupt die Möglichkeiten geschöpft werden können, auf die sich das Dasein faktisch entwirft“.
Sie werden aus der Geschichte geschöpft. Geschichtlichkeit ist ein Begriff für die Zeitlichkeit des eigentlichen, zu sich selbst entschlossenen Daseins. Heideggers Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Sein besagt, daß der Sinn von Sein in der Zeit liegt. Das Dasein wird in allen seinen Verhaltungen auf die Zeit zurückgeführt. Und genauso wie es sich in der Sphäre der uneigentlichen oder in der Sphäre der eigentlichen Existenz bewegen kann, gibt es eine eigentliche und uneigentliche Zeit. Die Zeit des uneigentlichen, unentschlossen dahinlebenden Daseins bezeichnet Heidegger als Innerzeitigkeit, die Zeit des eigentlichen, zum Selbstsein entschlossenen Daseins dagegen als Geschichtlichkeit.
Ein Dasein, das eine Möglichkeit eigentlichen Existierens ergreift, macht Geschichte und gewinnt ein neues Verhältnis zur eigenen Tradition. An dieser Stelle führt Heidegger den Begriff des Erbes ein. Er sagt: „Die Entschlossenheit, in der das Dasein auf sich selbst zurückkommt, erschließt die jeweiligen faktischen Möglichkeiten eigentlichen Existierens aus dem Erbe, das sie als geworfene übernimmt“ (SuZ, 383).
Das Dasein ist bestimmt durch Geworfenheit, was soviel heißt, wie daß es die Bedingungen, unter denen es steht, als da sind Geburtsort, Geburtsdatum, Geschlecht, Muttersprache etc., weder gewählt hat noch darüber disponieren kann. Ebenso sind wir auch in eine Nation geworfen, mag uns das nun behagen oder nicht. Geworfenheit bedeutet, daß das Dasein „je schon als meines und dieses in einer bestimmten Welt und bei einem bestimmten Umkreis von innerweltlichem Seienden ist“ (SuZ, 221). Das Dasein ist eben kein Allerweltsdasein, sondern ist auf eine bestimmte Welt, d. h. eine bestimmte Kultur, festgelegt. Deutsches Dasein ist auf eine deutsche Welt festgelegt.
Jede Art der Selbstbestimmung ist nur sinnvoll, wenn sie sich an das hält und an dem abarbeitet, was dem Dasein mitgegeben ist. Das Zurückkommen auf sich selbst und die Erschließung eigentlicher Existenzmöglichkeiten aus dem Erbe ist nun aber gerade keine nostalgisch-museale Wurzelschau, kein Sich-Behängen mit unverstandenen Beständen aus der eigenen Nationalkultur, sondern eine authentische Angelegenheit des Lebensvollzugs und etwas, was wir im allgemeinen Sprachgebrauch als aktualisierende Aneignung bezeichnen würden. Heidegger spricht von „Wiederholung“.
Wiederholung ist ein Begriff für „ausdrückliche“, das heißt verstandene und selbstdurchsichtige, die Eigentlichkeit des Daseins freilegende „Überlieferung“. Die Wiederholung geht „in die Möglichkeiten des gewesenen Daseins“ zurück, aber nicht, „um es abermals zu verwirklichen“ (SuZ, 385), wie es etwa der Aufbau des Berliner Stadtschlosses als historische 1:1-Rekonstruktion versucht hat. Das Vergangene soll nicht einfach wiedergebracht werden. Ziel ist nicht, in der Vergangenheit zu leben und die Vergangenheit wie ein Theaterstück genau so noch einmal zu inszenieren, wie sie sich abgespielt hat. Mit Heidegger: „Die Wiederholung läßt sich, einem entschlossenen Sichentwerfen entspringend, nicht vom Vergangenen überreden, um es als das vormals Wirkliche nur wiederkehren zu lassen“ (SuZ, 386).
Heidegger bringt die vom Entschluß zum Selbstsein getragene aktualisierende Aneignung, die in der Wiederholung geschieht, noch genauer auf den Begriff der Erwiderung. „Die Wiederholung erwidert vielmehr die Möglichkeit der dagewesenen Existenz. Die Erwiderung der Möglichkeit im Entschluß ist aber zugleich als augenblickliche der Widerruf dessen, was im Heute sich als ‚Vergangenheit‘ auswirkt“ (SuZ, 386). Jede Entscheidung setzt neue Bedingungen und verneint insofern schon das Vergangene. Hier ruht die existentielle Schuldigkeit, wie Heidegger sie versteht. Wir sind immer schon schuld, weil wir nicht allen in uns liegenden Möglichkeiten gerecht werden können, weil wir im Handeln Möglichkeiten ergreifen und andere Möglichkeiten ablegen müssen, denen wir also nicht gerecht werden. Die existentielle Schuld bei Heidegger ist keine Übernahme der Schuld der Vorfahren, sondern Schuld als zwangsläufige Ungerechtigkeit des Daseins gegenüber dem Erbe.
Aus dieser gegenüber dem Erbe schuldigen Selektivität rührt die stete Veränderung der Tradition her, die ihr aber erst Authentizität und Aktualität sichert. Wie in einem jeden Gespräch immer auch die Möglichkeit der Widerlegung besteht und mitschwingt, so im Gespräch mit der Tradition. Wenn die Möglichkeit der Widerlegung besteht, dann aber auch die Möglichkeit der Erkenntnis.
So arbeitet die Übernahme des Erbes gegen die verdeckende Tradition, die im Fortschleppen undurchdrungener Bestände besteht und von der Heidegger ganz am Anfang von Sein und Zeit, in § 6 im Zusammenhang mit der Kritik an der traditionellen Seinsgeschichte, sagt: „Die hierbei zur Herrschaft kommende Tradition macht zunächst und zumeist das, was sie ‚übergibt‘, so wenig zugänglich, daß sie es vielmehr verdeckt. Sie überantwortet das Überkommene der Selbstverständlichkeit und verlegt den Zugang zu den ursprünglichen ‚Quellen‘, daraus die überlieferten Kategorien und Begriffe z. T. in echter Weise geschöpft wurden“ (SuZ, 21).
Das zu sich selbst entschlossene Dasein, das die ihm im Erbe gegebenen Möglichkeiten wiederholt, indem es sie erwidert, entdeckt das, was die Tradition ihm zu sagen hat (und was nicht), indem es daraus seine Seinsmöglichkeiten schöpft. Wir sind deutsch, indem wir das tradierte Deutschsein, das, was uns als deutsch aus der Vergangenheit her bekannt ist, neu inszenieren, d. h. eine seiner wiederholbaren, d. h. aktualisierbaren Möglichkeiten im Hier und Heute an den Tag legen. Ein selbstdurchsichtiges Deutschsein verhält sich zur deutschen Tradition wie ein Künstler, der ein Musikstück auf seine Weise neu interpretiert. Er mag Akzente setzen, er mag mit Konventionen brechen, die diejenigen gesetzt haben, die vor ihm interpretiert haben, aber es ist doch das eine Stück, das er interpretiert. Unser Stück, das wir immer wieder neu interpretierend fortzuschreiben haben, heißt Deutschland.
Darin liegt der entscheidende Bezug zur Volksganzheit, denn das Dasein gewinnt seine Eigentlichkeit gerade nicht nur aus sich selbst. Wiederholendes Sichüberliefern und Erwiderung setzen eine Tradition voraus, die von anderen mitgeschaffen wurde. Dem Dasein eröffnet sich so eine eigentliche Modalität des Miteinanderseins im Gegensatz zum Man, die Heidegger als „Volk“ bezeichnet. Dazu Hans-Helmuth Gander: „Die Zugehörigkeit zum als Volk gedachten Geschick bestimmt sich so, daß aus ihm ‚die Schicksale im vorhinein schon geleitet‘ sind, sofern sie aufgrund der im Mitsein ursprünglich gestifteten Seinsmöglichkeit des Miteinander ihr mithaftes In-der-Welt-sein als Möglichkeitsraum des überlieferten Erbes teilen. So übernimmt der Einzelne seine geschickhafte Zugehörigkeit zum Volk i. S. eines darin faktischen geschichtlichen Erbes als die ihm vorgegebene Bedingtheit seiner Geworfenheit.“ (Existentialontologie, 230)
Wie Gander herausstellt, hat dieser Volksbegriff „nichts mit der rassistisch-völkischen Weltanschauung der Nationalsozialisten gemein“ (Existentialontologie, 231). Ernest Renan scheint diesen von Heidegger ontologisch durchdrungenen Zusammenhang von Herkunft und Zukunft zu ahnen, wenn er in seinem Aufsatz Qu’est-ce qu’une nation? alle vergegenständlichenden Definitionen durch Rasse, Sprache, Gebiet etc. zurückweist und dann das Fazit zieht:
„Une nation est une âme, un principe spirituel. Deux choses qui, à vrai dire, n’en font qu’une, constituent cette âme, ce principe spirituel. L’une est dans le passé, l’autre dans le présent. L’une est la possession en commun d’un riche legs de souvenirs; l’autre est le consentement actuel, le désir de vivre ensemble, la volonté de continuer à faire valoir l’héritage qu’on a reçu indivis. L’homme ne s’improvise pas. La nation, comme l’individu, est l’aboutissant d’un long passé d’efforts, de sacrifices et de dévouements. Le culte des ancêtres est de tous le plus légitime; les ancêtres nous ont faits ce que nous sommes.” (Nation, 26)
„Seele“ und „geistiges Prinzip“ mögen als Begrifflichkeit unbeholfen wirken, aber die Einsicht, daß die Nation im Kern daraus besteht, die Herausforderungen der Gegenwart im Rückgriff auf ein Erbe zu meistern und so die Tradition in aktualisierender Anwendung in stetem Wandel fortzuschreiben, dieser Nexus von Vergangenheit (le passé) und Gegenwart (le présent) ist nahe an dem, was Heidegger denkt. Nationale Identität ist die aus der Herkunft gewonnene Zukunft. Nationale Identität haben heißt, als Angehöriger eines Volkes mit ihm durch die Geschichte zu gehen.
Man könnte auch an Hegel denken, der den Einzelmenschen verpflichtet sieht, sich die großen Allgemeinheiten, als da sind Familie, Beruf, Staat etc., anzueignen, weil er erst dadurch ein substanzhaftes Verhältnis gewinnt, also erst dadurch eigentlich zum Menschen wird. Dem Einzelnen ist aufgegeben, sich die ihn übersteigenden Mächte, in die er hineingestellt ist, anzueignen, an sie Anschluß zu gewinnen, sie durch seinen Beitrag mitzugestalten und damit sich selbst und die ihn übersteigenden Mächte zugleich zu bestätigen.
Das, was Renan und Hegel jeweils in ihren Begriffen erfassen, ist letztlich in der Geschichtlichkeit, wie Heidegger sie denkt, fundiert. Deutschsein heißt nicht, einen vergangenen Bestand an deutschen Dingen konservierend mit sich fortzuschleppen, sondern heißt, fest entschlossen zu sein, in dem, was auch kommen mag, in jeder künftigen Situation und Lage das eigene Deutschsein zu behaupten. Deutsch ist also die Entschlossenheit zum Selbstsein als Deutscher auf dem Boden der deutschen Geschichte. Letztlich besteht das zukunftsoffene Deutschsein darin, souverän zu sein. An diesen Willen zum Deutschsein kann jeder Fremdstämmige Anschluß finden, wenn er bereit ist, sich in die deutsche Tradition zu stellen und an ihrer steten Aktualisierung mitzuwirken, weil er die deutsche Sache zu seiner eigenen Sache macht, d. h. sich als deutsch versteht, d. h. zu den Deutschen gehören und deutsch sein will. Auch ihm kann sich in solcher Entschlossenheit mit der Zeit eine deutsche Welt erschließen.
Jede sich selbst als deutsch verstehende politische Willensbildung des als deutscher Kulturgemeinschaft verstandenen Volkes schreibt die deutsche Geschichte fort. Deutschsein bedeutet, als Deutsche souverän zu sein. Ohne Souveränität keine Identität und umgekehrt. In der 1908 von Anton Günther verfaßten Hymne des Erzgebirges ist diese Einsicht ausgesprochen in dem Vers „Deutsch und frei woll mer sei“. Deutschsein und Freisein erscheinen als zwei Seiten desselben Seins. Wer nicht frei ist, kann sich nicht selbst behaupten. Und um mich selbst behaupten zu können, d. h. um frei sein zu können, muß ich wissen, wer ich bin. Unter Bedingungen der Fremdbestimmung ist keine Souveränität und damit keine Identität zu haben. Ebenso aber gilt es, wach zu sein für die Möglichkeiten der Entfremdung, die darin liegen, daß man blind der Tradition folgt. Die Verfallenheit an die Tradition macht aus der Tradition eine unverstandene Kitschfassade. Die Fremdbestimmung von außen und die Verfallenheit an die Tradition von innen sind zwei Möglichkeiten der Entfremdung, die es beide abzuwehren gilt. Deutsch zu sein heißt, dafür zu sorgen, daß es eine deutsche Zukunft gibt. Eine deutsche Zukunft aber gibt es nur, wenn wir im Willen, das Deutschsein im Hier und Heute zu behaupten, uns vom deutschen Kitsch auf der einen Seite und der Fremdbestimmung auf der anderen Seite fernhalten. Aus dem Augenblick solcher Entschlossenheit gilt es Politik zu machen. Darüber zu wachen, ist die Aufgabe der Kulturpolitik.