In einem Brief an Friedrich Nietzsche, verfaßt am 26. November 1887, bezeichnete der dänische Literaturkritiker Georg Brandes dessen Philosophie als „radicalisme aristocratique“. Nietzsche empfand diese Benennung seines Denkens als treffend und erwiderte Brandes, es sei wohl das gescheiteste Wort, das er je über sich gelesen habe. Zwei Jahre nach dieser Korrespondenz schrieb Brandes die erste ausführliche Studie über Nietzsches Philosophie und taufte sie auf den Namen „Aristokratischer Radikalismus“. Statt des gewöhnlichen politischen Begriffs im Sinne einer adligen Oberschicht ist mit diesem Wort eine hyperpolitische Auffassung von Kultur gemeint: Statt einer Hierarchie der Titel und Wappen eines verklärten monarchischen Schauspiels ist dem radikalen Aristokratismus ein höheres Ziel unterstellt – die Erhöhung des Typus „Mensch“ als fortgesetzte „Selbst-Überwindung des Menschen“.
Der Gegner dieses höheren Typus wird in der Philosophie Nietzsches klar benannt: Es ist der Bildungsphilister, der in naiver Selbstüberschätzung seine bloße Bildung für Kultur hält und daher mit religiösem Eifer eine Moral der Gleichheit verkündet. Bezeichnenderweise dachte Brandes diese Gegnerschaft in der Metaphorik des Bodens: Kultur sei die Pflege jenes Erdreichs, aus dem allein der Genius erwachsen könne; ihr Gegenteil sei nicht die Rohheit des Barbaren, sondern die organisierte Verhinderung der Zucht des Menschen zu seiner herrlichsten Gestalt durch eine banale Bildungsphilisterei, deren Vertreter sich gegen all das Große zusammenschließen, das ihr kleingeistiges Maß sprenge. Auch das Wort „radikal“ ist dem Wesen nach ein Begriff des Bodens, führt es sich doch auf das lateinische radix zurück und bedeutet dem Wortsinn nach: an die Wurzel gehend. In welchem Erdreich, so läßt sich fragen, liegt das Wurzelwerk des radikalen Aristokratismus? Schwerlich in einem Rousseauischen Zurück zur Natur, zum bon sauvage, dem edlen Wilden, bei dessen Natürlichkeit alles Große und Hohe zu einer primitiven Einfalt eingeebnet würde. Es ist ein Irrtum zu meinen der Mensch könne in den Mutterschoß zurückzukehren, aus dem er einst entsprungen ist. So darf die Rückkehr zur Natur kein Zurückgehen, sondern muß vielmehr ein „Hinaufkommen“ sein – „hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit“. Denn der Weg zur höheren Natur führt nicht hinter die Kultur zurück, sondern allein durch sie hindurch hinauf.
Das Urbild dieses Hinaufkommens ist das Goethe’sche Ideal der Kalokagathia – der „sichtbare Ausdruck“, wie Friedrich Gundolf es in Worte faßte, „des göttlich Vollkommenen im menschlichen Maß“. Anders als rationale Sittenlehren läßt sich dieses Ideal in keinen abstrakten Kodex zwängen; es will betätigt und gestaltet sein, als Kampfziel wie als Siegespreis. Der Mensch steht darin als Ich in der Mitte zwischen den Dingen und der Gottheit und kennt keinen Widerspruch zwischen dem Geschöpf der Umstände und dem Träger göttlicher Kräfte. Die Kunst des rechten Maßes ist hier der Weg, der den Menschen zu den Göttern emporsteigen läßt – doch nur dann, wenn die Kunst im Menschen selbst wieder Natur wird, wenn der Geist vermag, wieder Fleisch zu werden. Was Nietzsche als ästhetische Selbstgestaltung faßt – nämlich seinem Charakter Stil zu geben, bis das Erworbene zur zweiten Natur geworden ist –, ist nichts anderes als dieser Weg, auf das eigene Leben gewendet: Der Mensch wird sich selbst zum Bildwerk, das er mit harter Hand aus dem Rohen schlägt. Eine solche Gestaltung bleibt weder freies Spiel der Willkür noch buntes Gemisch aller Stile, denn sie vollzieht sich als Vollendung im Zwange: Das Maß wird nicht geschenkt, sondern errungen, und erst im Widerstand der eigenen Natur, im freiwillig getragenen Joch der Form, gewinnt der Mensch jene Freiheit, die kein Gesetz ihm von außen aufzuzwingen vermag. Aristokratismus ist die Zucht, welche die Natur zu ihrer herrlichsten Gestalt bringt.
Wie aus einem nachgelassenen Notat hervorgeht, war für Nietzsche das „perikleische Athen“ das Vorbild für „alle Höhen der menschlichen Entwickelung“ und somit die Stätte, wo das Ideal der Kalokagathia geschichtliche Wirklichkeit wurde. An den seligen Küsten Attikas, wo sich der silberschimmernde Ölwald entlang des Kephisos über die Akademia hinzog – dort, wo die kulturbringende Pallas Athena den ersten Ölbaum sprießen ließ –, wuchs der Mensch, von seiner Göttin geführt, zu seiner vollendeten Natur heran. Denn die Athener waren Erdgeborene, Autochthonen (αὐτόχθονες), da ihr Stammvater einst dem Boden selbst entsproß, als der göttliche Same des Hephaistos auf Gaias mütterlichen Schoß fiel und Erechtheus aus dem Boden der Erde erwuchs. In mütterlicher Strenge nahm sich Athena der Zucht des Kindes an, auf daß aus seinem Samen das Volk Athens erwachse. An dem Samenkorn nun, welches Theseus in die Herzen seines Volkes streute, indem er als Opfergabe auf die königliche Gewalt verzichtete, um ein blütenreiches Volk zu züchten, zeigt sich, daß Volksherrschaft, obgleich sie meist faule Frucht bringt, und radikaler Aristokratismus einander nicht notwendig ausschließen müssen. Solange ein Volk seiner Erde treu bleibt und das stets Größere sucht, werden aus seinem Boden die edelsten Blüten treiben, deren Früchte erdgeborene Menschen voller Herrlichkeit sind. Die Wurzel des radikalen Aristokratismus ist nicht die Natur, in die man zurückkehrt, sondern der Boden, der gepflegt sein will. Radikal ist, wer an die Wurzel geht; autochthon, wer aus ihr hervorwächst; aristokratisch aber, wer den Boden so zu pflegen weiß, daß die Krone der Erdgeborenen den Himmel erreicht.