ὦ ταὶ λιπαραὶ καὶ ἰοστέφανοι καὶ ἀοίδιμοι,
Ἑλλάδος ἔρεισμα, κλειναὶ Ἀθᾶναι, δαιμόνιον πτολίεθρον.
Pindar
O das glänzende und veilchenbekränzte und vielbesungene,
Griechenlands Feste, hochberühmtes Athen, göttliches Städtchen.
Hölderlin
Lernte der Ägypter, gepeitscht von der Feuerglut der Wüste und den Launen des mächtigen Nils, sich vor seinen Göttern niederzuknien, bevor er zu stehen lernte, so wuchs der Athener in den Händen der Natur zum vollendeten Manne heran und fand, daß das Allumfassende und alles Durchdringende All-Eine auch ihn durchdringend umfing, und daß die göttliche Glut, die er in sich leuchtend verspürte, auch ihn selbst zur Gottheit erhob. In allem sah er die Schönheit, und die Schönheit in ihren mannigfaltigen Gestalten waren ihm seine Götter.
Die Erhabenheit der Gegenstände der heiligen Kunst des antiken Griechenlands, besonders diejenige der Polis Athen, bezeugt dies eindrucksvoll: Es ist der vollendete Mensch selbst, der seine Schönheit in sich selber fühlen möchte, der uns sinnlich idealisiert in der griechischen Kunst und Religion gegenübersteht. So zeigt das gewaltige Parthenonfries in Athen nicht etwa einen Gegenstand der griechischen Mythologie, sondern die Athener, das Volk selbst, wie sie im Festzug zu den Göttern schreiten. Dabei bleibt offen, ob die Götter auf dem heiligen Olympos thronen — oder ob sie herabgekommen sind auf den heiligen Felsen der Akropolis. Sind sie auf der Akropolis, so ist der Himmel zur Erde herabgestiegen; sind die Götter aber auf dem Olympos, so steigt die Erde zum Himmel empor. Es ist, als würde das Volk Athens in diesem heiligen Versöhnungsfest von Himmel und Erde, von Geist und Fleisch in einer feierlichen Anagoge selbst zum Götterpantheon erhoben.
Pheidias, der große Meister, der das gewaltige Werk aus dem weiß glänzenden pentelischen Marmor schlug, zeigt das Volk in seiner kultischen, agonalen und aristokratischen Würde. In einem ungeheuren Kraftakt der territorialen Raumnahme erlangten die etwa dreißigtausend freien Bürger Athens die Herrschaft über einen Großteil des Mittelmeergebietes. Die drei großen Bildthemen, die das Fries bestimmen, sind die drei Institutionen, die Perikles in seiner berühmten Leichenrede des Jahres 430 v. Chr. als das Eigentümliche und Überlegene Athens hervorhebt. Thukydides überliefert uns die Worte, mit denen Perikles den Geist seiner Stadt beschreibt: nicht Kriegsruhm will er preisen, sondern die Lebensweisen und Übungen (ἐπιτηδεύσεις), aus denen die Größe Athens erwachsen ist — jene Einrichtungen, in denen der Geist der Freiheit, des Gemeinsinns und des freiwilligen Selbstopfers für das Hehre und Schöne sich am reinsten ausdrückt. Diese sind dreifach: die Opferfeste (θυσίαι), die Wettkämpfe (ἀγῶνες) und die militärische Ertüchtigung (πολεμικὴ μελέτη), verkörpert in der athenischen Reiterei. Genau diese drei Bereiche bevölkern das Fries: die Opferprozession auf dem Ostfries, der Wettkampf der apobatai auf dem Nord- und Südfries, und die mächtige perikleische Kavallerie — tausend Mann, gegliedert in die zehn Stämme Athens — auf dem Westfries und den langen Flanken des Tempels. Das Fries ist kein Abbild eines einzelnen Festes, wie etwa der Panathenäischen Prozession, sondern das steingewordene Selbstporträt der Polis — die imperialistische Kulturideologie des Perikles: Athen als Hellas‘ Erzieherin, gemeißelt in Marmor für die Ewigkeit.
Das Verständnis dieses unübertroffenen Kunstwerks des heroischen Realismus vertieft sich, wenn man die Metopen auf der Außenseite des Tempels der Pallas Athena in der Deutung mitberücksichtigt. In den vier Kampfeszyklen auf 92 Marmorblöcken entfaltet Pheidias ein einziges, großes Bildthema — den Sieg des Edlen über das Barbarische, des Freien über den Geknechteten und des Maßes über die Anmaßung des Widernatürlichen. Im Westen, dem sinkenden Tagesgestirn zugewandt, tobt auf dem Bildwerk die Amazonomachie: Die Reiterinnen aus dem Osten, Sinnbild der Perser, scheinen darauf beinahe zu obsiegen, ihre Rosse zertreten die gefallenen Hellenen, denn nur wer willens ist zu bluten, kann die Freiheit erringen. Wer sodann, dem Prozessionsweg folgend, an der Nordseite dem Tempel entlangschreitet, durchmißt die Geschichte des Trojanischen Krieges rückwärts, vom Fall Trojas zu dessen Anfang — ein Gang gegen die Zeit, wie es scheint, der sich aber beim Anblick der noch unversehrt belassenen Ruinen des Alten Tempels auf der Akropolis, im Gebet vor der heiligen Asche, zu einer einzigen großen Vision fügt: die Zerstörung durch die Perser und der mythische Untergang Trojas werden eins, zwei Stationen derselben uralten Feindschaft zwischen Orient und Okzident, die im Perserkrieg ihre jüngste Erfüllung fand. So zeigen jene Metopen, wie Helena bei Athenas Standbild in der brennenden Stadt Schutz findet und wie Theseus‘ Sohn Demophon, die Stimme des Volks, die verschleppte Heldenmutter Aithra befreit. Über den Türen der Cella endlich, dem Osten zugewandt, erhebt sich Helios in seinen Kampfwagen und mit ihm, nach dem errungenen Sieg der Götter in der Gigantomachie, im göttlichen Morgenroth ein neuer Tag. Doch unter den kämpfenden Olympiern befindet sich auch ein Sterblicher — Herakles —, ohne dessen Beistand die Götter im Kampf gegen die Giganten nicht obsiegt hätten, und der daher als Heroe selbst zur Gottheit erhoben wird. Der Mensch, so will das Kunstwerk lehren, ist ebenso wie die Götter ein notwendiger Mitstreiter im kosmischen Ringen zwischen Ordnung und Chaos, zwischen dem Göttlichen und den Mächten der Finsternis. Im Süden schließlich, sichtbar weit über die Stadt hinaus, wütet die Kentauromachie: Aus dem Innersten der Kultur selbst, aus dem heiligen Fest der Vermählung, bricht die rohe Gewalt hervor, und es bedarf wiederum des Kampfes, um die Heiligkeit des Bundes, um der göttlichen Glut des Herdes und der Ordnung gegen den entfesselten Trieb zu behaupten.
Die vier Kampfeszyklen, die im Gebälk des Tempels gemeißelt über die Stadt wachen, eint ein und dasselbe Bekenntnis: Das Barbarische und Gottlose muß, in seinen vielfältigen Fratzen, bekämpft und niedergestreckt werden, auf daß die Heiligkeit bewahrt bleibe und, wie es das Fries im Innern des Tempels zeigt, dem Menschen selbst die Nähe des Göttlichen zuteil werde. Die Metopen deuten das Volk der Athener also nicht bloß als Erben, sondern als fortwährend Kämpfende, deren Dasein selbst, ihre εὐνομία, aus dem Kriege erst hervorgeht. So bleibt auch ihre Volksherrschaft ohne ihren Kriegsmut und ihre aristokratische Gesinnung unverständlich. Von Theseus, dem Sohne Poseidons, der von Amphitrite, der Königin der Meere, die goldene Krone empfangen hatte, glaubten die Athener eine Weisung ihres Schicksals zu erkennen: prädestiniert, über die Wellen der Ägäis zu herrschen. Und der fortlaufende Siegeszug bewies, daß sie den heroisch-königlichen Geist ihres Reichsgründers in sich trugen, und daß ihnen somit das archaische Geburtsrecht rechtmäßig zustand — Sieg um Sieg die Freiheit erringend wider die Heere der Despoten aus dem Osten, triumphierend über das mächtige Geschlecht der Achämeniden, über Xerxes und Artaxerxes. So war dem Athener seine Polis ein „herrlich blühend Weib“, seine Helena, wie Nietzsche schrieb, für die er, trunken von Kriegslust, furchtlos aufbrach zu neuen Küsten und neuen Meeren, zu neuen seligen Inseln, um sich im Kampf für das Schöne im Leben eines homerischen Helden wiederzufinden.
Der edle hellenische Geist fand seine Gestalt in den Dramen des Aischylos, der einst selbst in der Schlacht von Salamis mitgekämpft hatte — wie schon zehn Jahre zuvor bei Marathon, wo sein eigener Bruder Kynegeiros den Heldentod gefunden hatte. Und doch ist es gerade dieser im Kriege erprobte Dichter, der in seinem Stück Die Perser nicht den Triumph der Athener besingt, sondern von der Klage des Besiegten kündet. Statt hämischen, gehässigen Spotts, um den am Boden liegenden, geschlagenen Feind noch zu entwürdigen und zu erniedrigen, erheben sich aus den aischyleischen Versen ein Ton des Mitleids und ein mahnendes Wort für die siegreichen Athener:
ὕβρις γὰρ ἐξανθοῦσ‘ ἐκάρπωσε στάχυν
ἄτης, ὅθεν πάγκλαυτον ἐξαμᾷ θέρος.
„Denn Blüthen treibt der Übermuth und reift zur Frucht
Des Unheils, wo er thränenreiche Erndte mäht.“
Schreitet der Mensch im Siegesmarsch zum Tempel der Nike, so ist der Weg zur Hybris nicht mehr fern. Und befällt den Siegestrunkenen die Krankheit des Gemüts, der Übermuth, so daß er, dem titanischen Maßlosen verfallen, das heilige, göttliche Maß überschreitet, so ist es nur eine Frage der Zeit, daß er durch die Tochter der Nyx, der Nemesis, zu Boden gestreckt wird.
So lehrt uns Aischylos‘ mahnendes Wort, daß die Anagoge der Athena Areia — jene Erhöhung des kriegerischen Volkes zum Göttlichen hin, nur dort geschehen konnte, wo das heilige Maß gewahrt blieb: nicht der entfesselte, sondern der gebändigte Krieg, nicht die Hybris, sondern die σωφροσύνη, gaben dem Athener seine aristokratische Würde. Denn das Maß allein ist es, das den Menschen nicht wider, sondern mit der Natur bestehen läßt, das ihn aus dem Zwiespalt des Übermuts in jene Harmonie zurückführt, aus welcher der Grieche seine Vergöttlichung schöpfte. Nur im Einklang mit der Natur, nicht im Bruch mit ihr, verwirklicht sich die Idee der Schönheit; und nur wo sie sich verwirklicht, nähert sich der Mensch dem Göttlichen, ohne sich an ihm zu vergreifen. So ist die Anagoge Athena Areias, ist das Fries, sind die Metopen kein Zeugnis des bloßen Sieges, sondern der durch das Maß geheiligten Kraft: Die Polis, die sich im Kriege bewährt und im Maßhalten geläutert hat, wird selbst zum Gefäß, in dem die Schönheit, und mit ihr das Göttliche, sinnlich erscheint — wird, mit einem Wort, Gesamtkunstwerk.