Die zwei Kulturen

Bruchlinien europäischer Gesellschaften. Eine aktuelle Retrospektive.

Der englische Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow machte vor 70 Jahren als einer der ersten darauf aufmerksam, dass eine Spaltung der westlichen Gesellschaft vorliegt: auf der einen Seite in eine naturwissenschaftlich-technische Kultur und auf der anderen Seite in eine literarisch-geisteswissenschaftliche Kultur.¹

Schon in der Philosophiegeschichte scheint eine solche Spaltung angelegt zu sein. Man könnte behaupten, dass Philosophen im Wesentlichen zwei sich scheinbar ausschließende Sichtweisen der Welt hatten und jeweils auf die eine oder andere Betrachtungsart das Schwergewicht ihres Denkens legten. Bei der einen standen das Allgemeine, Gesetzmäßige, Ewige oder Notwendige im Vordergrund, bei der anderen das Individuelle, Kontingente, zeitlich Begrenzte oder historisch Einmalige.

Ein Beispiel hierfür geben bereits Platon und Aristoteles. Während Platon die Welt in allgemeinen, ewig existierenden Ideen begründet sah, waren bei Aristoteles die individuellen Einzelwesen die konstituierenden Elemente.

Ein weiteres Beispiel liefern Descartes und Vico. Vico wendet sich gegen Descartes’ rationalistisch-analytische Methode. Diese steht für ihn im Gegensatz zu künstlerischer Phantasie, Sinnlichkeit und dem gesunden Menschenverstand. Nur das kann der Mensch wirklich erkennen, was er selbst hervorgebracht hat, also in erster Linie seine Geschichte. Die Geschichtswissenschaft wird so bei Vico zur wichtigsten Wissenschaft erhoben. Die Natur kann nur der erkennen, der sie erschaffen hat – und das ist Gott.

Hierbei ist festzustellen, dass Descartes seine analytische Methode erfolgreich nur auf die res extensa und nicht auf die res cogitans angewandt hat. Den cartesischen Dualismus könnte man als eigentliche Ursache für eine Zweiheit der Kulturen ansehen. Der Gegenstandsbereich und die Methode der aufkommenden Naturwissenschaften wurden von Descartes, Francis Bacon und anderen auf ein solides Fundament gestellt. Dagegen blieben der Gegenstandsbereich und die Methode einer Wissenschaft der res cogitans problematisch und offen.

So verwundert es nicht, dass ein Weg zur Definition der Geisteswissenschaften leichter über eine negative Abgrenzung gegen den Gegenstandsbereich und die Methode der Naturwissenschaften zu beschreiten war, was tatsächlich später im 19. Jahrhundert geschah.

Wie stellt sich die Situation der Wissenschaften heute dar? Sollte es entgegen Snows These heute erfreuliche Tendenzen zu einer Einheit der Wissenschaften geben, so ist diese Einheit durch aktuelle Entwicklungen gefährdet. Es findet eine moralisch und letztlich auch ideologisch motivierte, einseitige Bevorzugung bestimmter Forschungsfelder seitens der Politik statt.

Aktuelle Beispiele wären: Kolonialgeschichte, Gender, Klima und Pandemie. Weitere Beispiele ließen sich nennen. Bei dieser Einflussnahme spielt auch die Philosophie und insbesondere die philosophische Ethik eine besondere Rolle, und zwar deshalb, weil in ihr eben diese Förderung von Forschungsfeldern und Forschungsgeldern moralisch begründet wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass diese Förderung oftmals ideologisch und politisch motiviert ist.

Die Philosophie wird häufig in zwei Hauptdisziplinen unterteilt: Erkenntnistheorie und Ethik. In der Moderne gab es viele philosophische Debatten über die Verantwortung des Menschen; man denke etwa an Hans Jonas und sein bekanntes Prinzip Verantwortung. Heute ist man offensichtlich an einem Punkt angelangt, an dem diese grundsätzliche Verantwortung nicht mehr das erste und oberste Thema ist, sondern an dem sich Menschen – insbesondere politische Entscheidungsträger – aus einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen heraus als verantwortlich betrachten. Sie glauben, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Und sie glauben, die philosophische Ethik hinter sich zu haben.

Die Erkenntnistheorie sollte jedoch gerade deshalb heute als wichtiger als die Ethik erachtet werden, weil es in der Erkenntnistheorie um die Wahrheit geht und nicht um vermeintliche moralische Überlegenheiten.

Die von dem Soziologen Niklas Luhmann Anfang der achtziger Jahre in seiner Systemtheorie konstatierte Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme zugunsten politisch neutraler Prozesse hat sich heute überraschenderweise in ihr Gegenteil verkehrt: Es ist eine fragwürdige, ideologisch und politisch motivierte Zusammenarbeit unter den Systemträgern Politik, Medien und Wissenschaft entstanden.


Literaturangabe

¹ Snow, C. P.: The Two Cultures. In: The New Statesman and Nation, 6.10.1956.
Ders.: The Two Cultures and the Scientific Revolution. Rede Lecture. Cambridge: Cambridge University Press, 1959.
Ders.: Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. Stuttgart: Klett, 1967.

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