„Was der Alten Gesang von Kindern Gottes geweissagt,
Siehe! wir sind es, wir; Frucht von Hesperien ists!“
Hölderlin
Zeigt der Parthenonfries das kriegstüchtige Volk der Athener, wie es in feierlichem Zuge zum heiligen Felsen der Akropolis emporschreitet, so ist doch der Mittelpunkt, um den sich die Erhebung des Sterblichen in die Gegenwart der Götter ordnet, auf einem fast unscheinbar anmutenden Bildstück über der Cella zu suchen, genauer: an der Ostseite, der aufsteigenden Sonne zugewandt, unmittelbar oberhalb ihres Portals. Dort erscheinen, anders, als man es angesichts der martialen Kampfszenen auf den Metopen erwarten würde, vor der Priesterin zwei Mädchen an der Schwelle zur Frau, noch Kinder und doch der Reife nah, und bringen ihr die Sitze dar, die ihr und dem Archon Basileus, dem obersten Hüter des Kultes, bestimmt sind. Wer sich auf ihnen niederließ, nahm die Haltung der Götter an, die zu beiden Seiten der Szene thronen.
Dieser dem Unverständigen fast banal erscheinende Akt ist dennoch das Herzstück des gewaltigen Werkes aus der Künstlerhand des Pheidias, denn an diese Mädchen knüpft sich ein Ritus, der das Geheimnis der Erhebung des Menschen zum Göttlichen birgt. Was sie hier als Sitz tragen, trugen sie einst als das, was man weder sehen noch nennen durfte, und nach diesem Unsagbaren (ἄρρητον) nannte man sie die Arrhephoren. Die kaum elf Jahre alten Mädchen, einem adligen Geschlecht entsprungen, stiegen nach einem Jahr der Abgeschiedenheit in der Mittsommernacht, weiß gekleidet und mit einem verschlossenen Korb auf dem Haupt, hinab in das Dunkel, in den Spalt des Felsens der Akropolis. Der Schacht öffnete sich in eine Höhle und führte sie hinunter bis zum Fuß der Burg, zu den Gärten, die der Göttin der Fruchtbarkeit geweiht waren, der Aphrodite. Dort setzten die Arrhephoren ihre Körbe ab, nahmen einen anderen, dem ersten gleich, und stiegen durch den dunklen Spalt zurück ans Licht, hinauf zum Heiligtum der Athena, wo die Priesterin sie erwartete.
Mit diesem Kult feierten die Arrhephoren, und mit ihnen die ganze Stadt Athen, die göttliche Zeugung und die Wiedergeburt als Erdgeborene, in der sie ihre mythische Heimat und göttliche Bestimmung sahen. Denn der Mythos, dem der Ritus galt, erzählt, wie der göttliche Same des Hephaistos, der in Lust zur schönen jungfräulichen Athena entbrannt war, zur Erde fiel und wie nun aus der befruchteten Gaia, aus einer schoßförmigen Spalte der Akropolis, ein Kind geboren wurde: Erechtheus, der Erdgeborene. Athena barg den Zeugling in einem Korb und vertraute ihn den Töchtern des Kekrops an, mit dem Gebot, seinen Inhalt zu wahren und ihn nicht zu öffnen. Im Gedächtnis dieser Geburt trugen die Arrhephoren alljährlich ihre Körbe und wahrten das unaussprechliche Geheimnis der göttlichen Zeugung.
Die Ähnlichkeit dieses Kultes mit den heiligen Demetermysterien von Eleusis, zu denen die Athener jedes Jahr in feierlicher Prozession schritten, ist bemerkenswert. Auch dort sinkt ein Mädchen, Kore, in den Schoß der Erde und kehrt als Persephone, wiedergeboren mit dem Lenz, ans Licht zurück. Daß in diesen Weihen mehr verborgen liegt als ein Gleichnis des Frühlings, hat Nietzsche im zehnten Abschnitt der „Geburt der Tragödie“ ausgesprochen, indem er die Deutung Schellings übernahm. Die Hoffnung der Geweihten von Eleusis, der Epopten, stützt sich auf die Wiedergeburt des kommenden Gottes, Dionysos, nachdem dieser in Stücke zerrissen wurde. „Und nur in dieser Hoffnung gibt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitz der zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt“, schreibt Nietzsche, „wie es der Mythus durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysos noch einmal gebären.“ Doch nicht allein der Gott, den Hölderlin in seiner Elegie „Brot und Wein“ „der Erde Frucht“ nennt, wird im heiligen Mysterium geschaut: Im Menschen selbst, der in das Mysterium eingeweiht wird, vollzieht sich die Wiedergeburt der göttliche Zeugung. Denn die Weihe (τελετή) vollendet den Eingeweihten, der als vergöttlichter, neuer Mensch, als Neophytos, im Mysterium wiedergeboren wird.
Die Mythologie der polytheistischen Religionen ist nach Schelling „ein Greifen und Tasten nach dem dunkel geforderten Gott“. Sie ist somit keine Verirrung, sondern eine notwendige Bewegung, der die notitia dei insita, das eingeborene Wissen von Gott, zugrunde liegt, eine aufwärtstreibende Kraft zu dem Ziel allen Suchens, dem terminus ad quem. Ihren Höhepunkt erreicht diese Bewegung in den Mysterien, denn in ihnen findet der zerrissene, entfremdete Mensch zum Einklang mit sich und der Natur zurück, indem er in der Schau des Geheimnisses die Einheit Gottes erkennt. Doch mit dem mysterium incarnationis, der Fleischwerdung Gottes, erreicht alle Religion ihren Gipfel, denn was im Mysterienkult nur esoterisch geschaut wurde, wird nun exoterisch offenbar. Das Kind in der Krippe und der wiedergeborene Dionysos, der Gekreuzigte und Iakchos fließen so in einer Gestalt zusammen: dem einen kommenden Gott. Die Geheimlehre von Eleusis ist eine Vorschau dessen, was die Offenbarung allen verkündet, die sich ihrer als würdig erweisen. In diesem Sinne spricht auch das Johannesevangelium von den Wenigen, die den aus dem Schoß des Vaters Kommenden aufnehmen und denen daher die Macht verliehen wird, Kinder Gottes zu werden (τέκνα θεοῦ γενέσθαι). Der Theologe Bultmann weist in seiner Auslegung des Evangeliums bemerkenswerterweise darauf hin, daß dieser zentrale Begriff der Gotteskindschaft nicht aus dem Judentum stammt, sondern aus den heidnischen Mysterienreligionen entnommen ist.
So führt die Anagoge der höheren Menschheit durch das Dunkel der Erde bis in ihren Schoß, zum Tod und zu einer neuen Geburt. Es ist der Weg, den die Arrhephoren gingen, als sie das Unsagbare wahrten und durch den Spalt des Felsens stiegen, um als Erdgeborene wiederzukehren. Es ist der Weg der Geweihten von Eleusis, die in der Schau des Geheimnisses als Frucht der Erde neu geboren wurden, und es ist der Weg der Wenigen, die den Kommenden aufnehmen und denen die Macht verliehen wird, durch göttliche Zeugung Kinder Gottes zu werden. Nicht die Vielen gehen ihn, sondern wer sich durch Dunkel und Tod hindurch zu wandeln vermag. In ihm vollzieht sich die Erhebung zu dem, was der Mensch seiner Herkunft nach ist: der aus der Erde Geborene, als der Erde Frucht, zu den Göttern emporsteigt.