Für Nietzsche war Goethe sakrosankt. Anders als Wagner, den Nietzsche himmelhoch jauchzend als Freund umfing, um sich bis zum Tode betrübt von ihm loszusagen, war die Verehrung Goethes ungebrochen. Goethe war ihm ein Maß, gleichsam ein Proto-Übermensch, der humane Ausgangspunkt, um die Grenzen des Humanen zu sprengen. Und doch ist, wie Bertram in seinem Werk über Nietzsche festhielt, das Verhältnis Nietzsches zu Goethe „vielleicht das komplizierteste Verhältnis zu einem geistigen Ahnen überhaupt“: Derselbe Nietzsche, der mit dem Blitzschlag der Umwertung die Erde in Konvulsionen zu versetzen wähnte, blieb an den „nietzschefremdesten Goethe“ gebunden, den alten Weisen aus Weimar des Klassizismus, der „ehrfürchtig nach rückwärts, edlen Mißtrauens nach vorwärts gewandt, das Schicksal echter Menschenzukunft, aller Humanität bewahrte“. Gerade an diesem Maß Goethes, in dem Nietzsche den Gipfel des Humanen verehrte, litt Nietzsche am Menschen, wie er ist, bis in die schwärzeste Melancholie. In einem Notat aus der Entstehungszeit des Zarathustra heißt es:
»Es ist etwas Fundamental-Verfehltes im Menschen: er muß überwunden werden. Versuche!«
In diesen Worten klingt das peccatum originale nach, sowie die lutherische Lehre von der absoluten Verdorbenheit der menschlichen Natur, der depravatio totalis. Ebenso stehen sie in engem Zusammenhang mit dem bekannten Wort vom Menschen als dem „noch nicht festgestellten Tier“. Jedes andere Geschöpf ruht im Wesen seiner Natur; der Mensch aber ist hinausgestoßen ins Offene, weshalb er schon früh im Mythos als Mängelwesen bestimmt wurde. Doch gerade der Mangel eröffnet den freien Raum der Possibilität: Der Mensch ist mißraten, entstellt, verunstaltet bis zum Ekel, und doch liegt in ihm die Kraft des Werdens, denn im Nichtfestgestelltsein liegt sein Über-sich-hinaus-Können.
Wohin aber soll der Mensch sich hin überwinden, den Pfeil seiner Sehnsucht senden, wenn er doch seit Kopernikus „aus dem Centrum in’s X“ fällt, wiederum in das dunkle Unbestimmte, in die Leere des Nichts-als-Mensch-seins? In seiner Verlorenheit findet er kein Ziel mehr außer sich selbst, und selbst die Idee des Übermenschen bleibt letzten Endes, wie alle Ideen, die keinen festen Sitz in der Wirklichkeit haben, für den Menschen zu unbestimmt, als daß sie ihm brauchbar wäre. Er verlangt nach dem festen Boden, auf dem er wachsen kann. Bezeichnend ist darum, daß Nietzsche sich in jenen Jahren ein Goethe-Wort notiert, dessen Anfang er in Jenseits von Gut und Böse kommentarlos für sich stehen ließ: „Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht …“ Der Vornehme, so muß man schlußfolgern, braucht sich nicht zu suchen, denn er hat sich immer schon gefunden und weiß sich in der Höhe. Doch Nietzsche wußte, daß der Satz damit nicht zu Ende war. Im Notizbuch hält er die Fortsetzung fest, die Goethe in einem Brief an seinen Schwager Schlosser, angefügt haben soll: „… ich muß gestehen“, schreibt Goethe, „selbstlose Charaktere dieser Art in meinem ganzen Leben nur da gefunden zu haben, wo ich ein festgegründetes religiöses Leben fand, ein Glaubensbekenntnis, das einen unwandelbaren Grund hatte, gleichsam auf sich selbst ruhte, nicht abhing von der Zeit, ihrem Geiste, ihrer Wissenschaft.“
Mit diesem Goethe-Wort wird ersichtlich, welcher Bezug zwischen dem Über-sich-hinaus-Können, dem Aristokratischen und dem Religiösen besteht. Die Züchtung des Hohen und Edlen gedeiht auf dem Boden, auf dem der Mensch sich im Göttlichen verwurzelt weiß. Dieser „unwandelbare Grund“ ist der Boden, aus dem der Mensch allein die Kraft des Werdens schöpft. Neóphyten, die Neugepflanzten, nannte man daher in der Alten Kirche die Personen, die der Mystagogos zum heiligen Mysterium der Taufe führte, in dessen Nacht sie das heilige Symbolon, das Glaubensbekenntnis, in heiligem Ernst bezeugen mußten. In diesem Mysterium vollzog sich das göttliche Wort: Stirb und werde! Der Same, der sterbend in den göttlichen Grund gepflanzt wird, ersprießt zu neuem, lebendigem, göttlichem Leben. Es ist dasselbe Wort, das Goethe in der „Seligen Sehnsucht“ ausspricht: „Und solang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde.“ Diese Mystik des Werdens findet sich, tief verwurzelt, bei Goethe, wenn es etwa bei Eckermann heißt, die Gottheit sei wirksam im Werdenden und sich Verwandelnden, nicht im Gewordenen und Erstarrten. Der Glaube an dieses Göttliche ist kein Ziel, das den Frommen in dogmatischer Selbstgenügsamkeit erstarren ließe, sondern kann immer nur Mittel sein, damit der Mensch im ständigen Werden aus seiner Natur sich zur höchsten Kultur bilde.
Diese Spannung zwischen dem Über-sich-hinaus-Können und dem Nichts-als-Mensch-Sein, zwischen ständigem Werden und unwandelbarem Grund löst sich dort, wo der Pfeil der Sehnsucht ein Ziel hat, das Gestalt angenommen hat. Nietzsches tiefes Ringen um das Maß gipfelte in einer ehrfürchtigen Verehrung Goethes, indem er ihn auf den Rang eines Urbilds, der Gestalt des Seinkönnenden, erhob. In ihm verschmilzt die klassische Maßstäblichkeit mit jenem kommenden Gott und höchsten aller möglichen Glauben, den Nietzsche, wie es bezeichnenderweise in der Götzen-Dämmerung heißt, „auf den Namen des Dionysos getauft“ hat. So schlägt sich der Bogen zu den Neophyten der Alten Kirche und zum mystischen Grund des Werdens. Bei Goethe ist dieser dionysische Geist gleichsam Fleisch geworden: die lebendige, schaffende Verkörperung jener ewigen Verwandlung und des Hinaufkommens zur höchsten Natur des Menschen. Wer sich in diesem Gott verwurzelt weiß, sucht sich nicht mehr selbst, sondern sendet den Pfeil seiner Sehnsucht hinauf in die höchsten Höhen.