Laut der Entwicklungspsychologie tritt jedes Kleinkind zwischen dem 15. und 18. Lebensmonat in eine Entwicklungsstufe, die von einem Trotzverhalten des Kindes gekennzeichnet ist und daher im deutschen Sprachraum als „Trotzphase”, im angelsächsischen als „terrible twos” bekannt ist. Ihren Höhepunkt erreicht sie gemeinhin zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr, um danach – vorausgesetzt, es liegt ein ungestörter Verlauf vor – graduell abzuklingen. Der Zeitpunkt korrespondiert mit einem konkreten kognitiven Ereignis: In der Ausbildung seines Selbstbewußtseins erkennt das Kind sich selbst erstmals im Spiegelbild wieder. Denn erst mit dem Erwerb eines Ich-Begriffs wird Widerspruch überhaupt möglich: Trotz setzt die Vorstellung eines eigenen Willens voraus, der einem fremden entgegengesetzt werden kann.
Gemäß dem Psychoanalytiker Erik Erikson, bekannt für sein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, erprobt das Kind in dieser Phase, ob sein Wille in der Welt Bestand hat. Das dabei aufbrausende Trotzverhalten ist der äußerlich sichtbare Ausdruck dieser Erprobung. Der Trotz des Kindes ist demnach eine notwendige, entwicklungsbiologisch vorgezeichnete erste metaphysische Geste des Menschen. „Die Quelle des Selbstbewußtseins ist das Wollen”, schreibt Schelling und konstatiert, daß der Geist im „absoluten Wollen” seiner selbst als intellektuale Anschauung unmittelbar inne wird. In der Entdeckung des Kleinkindes, daß der eigene Wille sich der Welt entgegenstellen kann, auch dort, wo er ihr faktisch unterlegen ist, liegt das Wesen des unreifen Trotzes: eine Selbstbehauptung, die die Anerkennung der eigenen Ohnmacht verweigert, ohne sie aufzuheben.
Doch dieses Trotzverhalten ist beim Kleinkind nicht von Dauer: im Reifungsprozeß erwächst, im Normalfall, aus der Selbstbehauptung allmählich Selbstbeherrschung und ein souveräner Umgang mit der Wirklichkeit des Daseins. In der Gegenwart jedoch überkommt einen das Gefühl, daß dieser unreife Trotz des Kleinkindes zum Dauerzustand einer ganzen Generation geworden ist. Die erziehungswissenschaftliche Theorie der „Emerging Adulthood” besagt, daß junge Menschen heute zwar formal erwachsen werden, faktisch aber über keine der klassischen Insignien der Reife verfügen. Durch die Infantilisierung der Gesellschaft, die systematische Fernhaltung des Menschen von jedem Ernstfall, entfällt jene Erfahrung, an der sich der Charakter eines heranwachsenden Menschen erst bilden könnte – und so verharrt diese Generation von mündig gewordenen Kleinkindern in einem Zustand der Unreife.
Mag allein die schiere Menge der vor Verantwortung fliehenden jungen Menschen schon genügen, um die These der „Emerging Adulthood” zu bestätigen, so reicht ein kurzer Besuch der digitalen Räume des Rechtstwitter, um endgültig davon überzeugt zu werden. Wer hier auf Dialog oder vernünftige Argumente von Erwachsenen hofft, stößt stattdessen auf das digitale Pendant jenes kleinkindlichen Trotzanfalls: Statt des Austauschs dominiert reflexhafter, kleingeistiger Widerspruch, die apodiktische Verweigerung jeder Komplexität und ein unerbittliches Pochen auf den eigenen, durch nichts als sich selbst legitimierten Willen. Es ist das Gebaren jener jungen Männer, die sich zwar meist auf Nietzsche berufen, um Härte, Unbedingtheit, Herrenmoral zu beschwören, doch jeden Ernstfall scheuen, feige ihr Gesicht verbergen und so doch nichts anderes vorführen als eben jenen Trotz des Kleinkindes. Wie fern steht dieser mißbrauchte, aus der Ferne beschworene Nietzsche jenem Nietzsche, der das Wort „Trotzdem“ mit Blut in die Dichtung seines Lebens niederschrieb.
Als Friedrich Nietzsche vor 150 Jahren, tief enttäuscht von den ersten Bayreuther Festspielen, in den Süden floh nach Sorrent, befand er sich gerade in einem Prozeß des Bruches: mit seiner ersten Schaffensphase, mit seiner Basler Professur, mit Wagner, „den großen Wohlthäter meines Lebens”, wie Nietzsche rückblickend im Ecce Homo schreiben wird. Obgleich er sich an der Bucht von Neapel zu einer Bejahung des Lebens durchdringen konnte, brachte ihm das südliche Licht Italiens doch keine Genesung seiner Zweifel. Auf der Rückfahrt mit dem Schiff nach Genua, die Nietzsche in einem Brief als „Odysseische Irrfahrt” bezeichnet, plagten ihn Selbstmordgedanken, sodaß er in seinem Notizheft den folgenden Satz festhielt:
„Sehnsucht nach dem Tode wie der Seekranke nach dem Lande…”
Auf derselben Seite befindet sich eine weitere kleine Aufzeichnung:
„Glockenspiel Abends in Genua – wehmütig schauerlich kindisch. Plato: nichts Sterbliches ist großen Ernstes würdig.”
Nietzsche bezieht sich hier auf einen Satz in Platos Politeia (604c), der sich in Nietzsches Handexemplar unterstrichen findet: „οὔτε τι τῶν ἀνθρωπίνων ἄξιον ὂν μεγάλης σπουδῆς”. So erklingt für Nietzsche in den Glocken Genuas, in diesem alten tönenden Symbol des Todes und der Vergänglichkeit, die alles durchdringende Nichtigkeit der Dinge durch, die für ihn nicht bloß die Todessehnsucht legitimiert, sondern auch die Entsagung des Lebenswillens rechtfertigt.
Doch die beiden Einträge in sein Notizheft finden in Nietzsches Werk eine aufschlußreiche Weiterverarbeitung. Denn in einen der letzten Aphorismen von Menschlich, Allzumenschliches faßt er die beiden Einträge zusammen und setzt nach der Paraphrase die adversative Konjunktion „trotzdem…” um mit diesem einem Wort den Aphorismus enden zu lassen. Die Glocken des Nihilismus mögen über ihn einhämmern, sodaß alles wertlos und nichtig erscheint, doch hält dieser Trotzer dieser Nichtigkeit, jenes kleine Wort entgegen: „trotzdem“.
In Genua scheint dieser Trotz als architektonische Metapher zu Stein geworden zu sein. Denn von allen Seiten wird die Stadt eingeengt, die Berge drängen sich dicht an die ligurische Küste heran, sodaß die Stadt ihre Häuser steil und eng, dicht an dicht, dem offenen Meere nahe errichten mußte. Und dennoch findet sich hier eine der schönsten Straßen Italiens: die Via Garibaldi mit ihren prächtigen Palazzi dei Rolli und ihren herrlichen Lustgärten, die im 16. und 17. Jahrhundert vom genuesischen Hochadel errichtet wurden – jenem seefahrenden Patriziat, dessen kühner Unternehmungsgeist, dem offenen Meere abgetrotzt, die Stadt selbst über die Jahrhunderte trug. Nietzsche widmete daher in der Fröhlichen Wissenschaft der Stadt Kolumbus einen eigenen Aphorismus, in dem er den Genuesen gerade wegen ihrer Lage einen unersättlichen Lebenswillen und eine konquistadorisches Lebenshaltung nachsagt.
Es ist daher sicherlich kein Zufall, daß gerade auf Weg zum kleinen Fischerdorf Portofino, dem letzten Hafen, dort wo sich die Genueser Bucht meisterhaft vollendet, da die Berge sich im Gleichmaß ins offene Meer hernieder senken, Zarathustra an Nietzsche vorüberging, ihn „überfiel“, wie er in einem Brief festhält. Denn Zarathustra, der Prophet des Übermenschen, der seine Jünger auffordert, sich nicht selbst zu genügen, sondern sich selbst zu überwinden ist geradezu eine Verkörperung dieses „Trotzdems”:
Trotz des Todes Gottes
Trotz der Dunkelheit, die uns umnachtet
Trotz des Ausgestoßenseins in die ungeheure Unendlichkeit
Trotzdem nicht der bloßen Verweigerung zu verfallen, sondern kühn, in bitterer Entschlossenheit, mit dem Genueser Schiff ins Unbekannte zu stoßen, zu neuen Meeren, „dorthin, wo bisher alle Sonnen der Menschheit untergegangen sind” und vielleicht ganz am Schluss als Novus Columbus die Neue Welt und das Neue Reich zu finden!