EUROPA MUSS FALLEN – IV

Der Bürokrat hat keinen Platz an der Sonne verdient, sein Platz ist am Schreibtisch unter der Neonröhre.

V. Der Verwalter und der Baumeister

Brüssel dagegen hat nichts gesät. Es steht auf dem Feld eines anderen und verlangt die Ernte. Es reguliert, was es nicht versteht, bestraft, was es nicht gebaut hat. Die Kontrolle ist alles, was übrig geblieben ist — und je mehr sie schwindet, desto härter der Zugriff. Der eine erzeugt Abhängigkeit durch Angebot. Der andere erzeugt Verachtung durch Zwang. Warum sitzt dieser Typus Mensch also oben? Nun, es ist dem System geschuldet. Eine Verwaltung verwaltet ein Abstraktum. Haushaltszahlen, Richtlinien, Zuständigkeiten — Dinge ohne Geruch, ohne Boden, ohne Tote. Dieses Abstraktum könnte überall liegen. In Berlin, in Brüssel, in Genf. Es ist austauschbar. Und wer Austauschbares verwaltet, wird selbst beliebig in seinem Denken, wenn er nicht eben davon angezogen war. Zwanzig Jahre Akten über ein Land, das man aus dem Dienstwagen kennt — da stirbt noch die letzte Bindung ab. Was bleibt, ist Zuständigkeit. Zuständigkeit endet mit dem Vertrag. Verpflichtung dagegen endet niemals.

Das ist der ganze Unterschied. Aber die Selektion geht weiter. Demokratische Systeme, die Verwaltung ins Zentrum setzen, belohnen einen bestimmten Charaktertypus. Den Überzeugten nicht — der ist gefährlich, Positionen sind angreifbar, auf Dauer gedacht. Den Kompetenten auch nicht — der ist unbequem, er besteht darauf, dass Vernunft in die Dinge gelegt wird. Den Opportunen aber, den Geschmeidigen. Den, der den Raum liest, der weiß, wann man nickt und wann man schweigt. Die anderen wissen es auch, doch sind sie nicht so ein Wurm wie er, es auch umzusetzen. Das ist ein gesonderter Schlag Mensch. Brillant im Vermeiden von Risiko. Brillant darin, nie auf der falschen Seite zu stehen. Brillant, aber in nichts, das einem Land nützt. Und korrumpierbar aus Beschaffenheit. Wer keine feste Position hat, kann in jede Richtung gezogen werden. Mit Geld. Mit einem Posten. Mit dem richtigen Netzwerk, das Karrieren öffnet und schließt. Chinese, Amerikaner, Lobby und Publicity. Das Einzelteil einer jeden Partei ist immer korrumpierbar. Und eben davon fühlen sich diese Verwalter angezogen. Jede dieser Schichten hat Zugriff auf die Verwalterklasse. Jede zieht sie ein Stück weiter weg von dem Land, das sie verwaltet.

Und weil er es nicht mehr fühlt, überträgt sich seine eigene Beliebigkeit auf alles, was er sieht. Der Verwalter ist austauschbar — also muss es das Land auch sein, es wird zum reinen Standort. Also die Kultur. Also die Menschen, die macht er zum Humankapital. So kommen Gedanken zustande, die einem Menschen mit Bindung nie einfallen würden. Dass man Identität verwaschen kann. Dass Grenzen Konstrukte sind. Dass ein durch Geschichte und Tradition geprägter Grund nichts weiter ist als ein Verwaltungsstandort, der genauso gut woanders liegen könnte. Das ist die Lebensrealität eines Typus, der seinen Schreibtisch für die Welt hält und Gesetze für Naturgewalten.

Was entsteht, wenn ein ganzer Kontinent von solchen Menschen verwaltet wird? Ein Wesen aus Teilen, die nicht zusammengehören. Die Chimäre — Löwenkopf, Ziegenleib, Schlangenschwanz. Zusammengenäht. Nicht lebensfähig. Dutzende Länder, Dutzende Sprachen, Dutzende gewachsene Eigenheiten — gepresst in ein System, importiert aus den Staaten, verwaltet von Leuten, die ihr Denken hier nicht zuhause haben. Keine gemeinsame Ambition. Kein gemeinsamer Mythos. Doch aber gemeinsame Formulare. Dem Politiker ist die Partei das Nächste und sei es die des Gegners. Man spürt es. Man spürt, dass die Haut nicht passt. Amerikanisches Denken — puritanisch, moralisierend, sendungsbewusst — gestülpt über einen Kontinent, der Kathedralen baute, als Washington noch Sumpf war. Keine Hardpower. Keine eigene Doktrin. Eine Kopie, die das Original nicht versteht, aber seine Sprache nachplappert. An den Nähten reißt es. Und die Chimäre lebt nicht nur in Brüssel. Sie lebt auch in dir. Stell dir deinen Tag vor. Du wachst auf, greifst zum Smartphone — Shenzhen oder Cupertino. Betriebssystem aus Mountain View. Du suchst bei Google, bezahlst über Visa, fährst nach einer Karte, die ein amerikanischer Konzern gezeichnet hat. Abends ein Film, den ein Algorithmus in Los Gatos ausgewählt hat. Danach ein Feed, den TikTok kuratiert. Der Tag eines Mannes in der reichsten Kultur, die je existiert hat — verbraucht sein Leben in Räumen, die andere gebaut haben. Worauf davon wärst du bereit, zu verzichten? Welche Alternative hast du schon? Frag das die Verwalter und frag es auch dich selbst. Europa ist Hummer geworden. Irrelevant auf der Weltbühne, reduziert auf moralisches Geplänkel, das niemanden interessieren muss, weil keine Macht dahintersteht. Moral ist nicht der Gegenpol zur Macht. Sie ist das, was übrigbleibt, wenn man keine hat. Herdentrieb um den Starken in die Knie zu zwingen.

Dann wählt man eben andere, hört man. Neue Köpfe. Frischer Wind. Ein Verwalterapparat produziert Verwalter. Den Bäcker auszutauschen und geschmiedeten Stahl aus dem Ofen zu erwarten — das ist die Hoffnung derer, die alle vier Jahre ihr Kreuz machen wollen. Die Beschaffenheit ist das Problem. Eine Chimäre aus fremden Teilen kann sich nicht selbst reparieren. Weil sie nicht mehr weiß, was sie ohne die fremden Teile wäre.

VII. Die Entblätterung

Zum Ende hin will ich die Maske derer entreißen, die hoffen und echauffieren. Die sich in die Kindheit zurückbeschweren wollen. Die nostalgisch am Fenster sitzen, wenn sie sich in den Klassikern der alten Zeit verlieren.

Jene, über die sich die Konservativen am meisten ärgern werden, weil sie gegen ihren liebsten Trost geht. Man hört sie reden, von Rückkehr. Zurück zu den Wurzeln. Zurück zur alten Ordnung, zur Nation, zum Bewussten und Eigenen. Zurück. Aber wohin? Der Konservatismus ist keine Idee. Er ist ein Rückbesinnen auf etwas Schöneres. Und wenn es das gab — Europa ist ein kulturreicher Boden, gewiss —, dann ist es dennoch ein Boden, der steht und langsam verfällt. Zeit bewegt sich nur in eine Richtung und man tut gut daran, sich mit der Physik anzufreunden. Konservatismus ist beinahe LARPing. Man zieht sich ein Kostüm an, das die Vorfahren trugen, und tut so, als wäre man noch auf dem Ball, der längst vorüber ist. Nostalgie ist die Taxidermie der Geschichte. Man stopft aus, was nicht mehr lebt, und stellt es ins Wohnzimmer, weil man den leeren Platz nicht erträgt.

Es ist an der Zeit, sich einzugestehen. In einer DEMOCRACY™ ist egal, wer oben sitzt. Ob die Linken regieren oder die Rechten. Ob Brüssel grün angestrichen wird oder schwarz. Die Schwäche ist das tieferliegende Problem. Die strukturelle Ohnmacht eines Kontinents, der nichts baut, nichts besitzt und nichts beherrscht außer seine eigene Bevölkerung. Linke neigen vielleicht mehr dazu, den Druck nach innen zu richten — sie sind Herde, sie wollen Konsens, sie pathologisieren Abweichung. Aber ein konservatives Europa mit denselben Verwaltern, denselben leeren Händen, derselben Abwesenheit von Industrie und Souveränität würde an exakt derselben Stelle scheitern. Der Mechanismus ist physiognomisch. Décadence trifft den Körper, nicht die Partei. Aus der Verwaltung heraus lässt sich nichts Neues bauen. Der Verwalter ist kein Schaffender. Er kann optimieren, regulieren, erfassen — aber gründen kann es nicht. Der Bürokrat hat keinen Platz an der Sonne verdient, sein Platz ist am Schreibtisch unter der Neonröhre. Und ein System, das nur Verwalter nach oben lässt, kann sich nicht aus sich selbst heraus retten. Es kann sich nicht reformieren, weil jede Reform den Reformer abschafft. Es kann sich nicht erneuern, weil Erneuerung das Gegenteil von Verwaltung ist. Es kann nur weiterlaufen, immer langsamer, immer schwerer, bis es steht. Wer wirklich glaubt, dass Verwalter und deren Strukturen uns aus diesen Strukturen wieder herausholen können, muss falsch liegen. Es ist Träumerei, der man sich lösen muss. Und diese Illusion — dass es irgendwo in der Maschinerie einen Hebel gibt, den man nur umlegen müsste — ist die letzte Illusion, die fallen muss.

Wer nicht greift, dem wird genommen. Und so gibt die Chimäre ein letztes Mal Feuer. Kontrolliert. Überwacht. Annulliert. Aus Panik. Die Chimäre ist schlimmer als der Leviathan. Auf ihren Schuppen steht geschrieben in Leuchtbuchstaben: DEMOCRACY, in Versalien, am Berlaymont. Darunter ein Gebäude, das eine Idee von Zukunft war. In ihr halten Beamte ihre Kessel am Rauchen, indem sie ihre Papiere stempeln. Darüber ein Himmel, der sich für niemanden von ihnen interessiert.

VIII. Am Strand

Europa. Einst dort, wo Phönizien seine Städte hatte, soll vor dreitausend Jahren ein Mädchen mit ihren Gefährtinnen Blumen gepflückt haben. Sie hieß Europa. Ein weißer Stier stieg aus dem Wasser. Sie streichelte ihn. Sie stieg auf seinen Rücken, weil das Bild, das sich daraus ergab, ein schönes Bild war. Das Tier wandte sich dem Meer zu, und der Strand, an dem die Gefährtinnen zurückblieben, wurde still. Auf Kreta hatte sie keine Stimme mehr. Sie trat aus der Erzählung, als ihr Zweck erfüllt war. Und wie die Zeit verging, kamen mehr Stiere aus dem Wasser. Fremder Glaube, fremde Aufklärung, fremde Industrie, fremde Infrastruktur. Ihr Mythos musste sterben. Weil er sein Ende fand. Weil er alles gesagt hat, was er zu sagen hatte, und weil sein Schicksal schließlich seine Erfüllung in der Passivität fand. Ein neuer Mythos entsteht nicht aus Rückbesinnung. Er entsteht aus dem, was jemand tut, der aufhört, auf den nächsten Stier zu warten. Was das sein wird, weiß ich nicht. Es hat noch keinen Namen. Es hat noch kein Gesicht. Aber wer es schaffen wird, wird kein Verwalter sein — denn Verwalter schaffen keine Mythen. Sie archivieren die alten und heften sie ab, bis die Ordner verstauben. Greift nach dem Werkzeug und begrabt die Akten und Ordner, wo sie keiner mehr finden kann. Vielleicht begegnen euch wieder neue Mythen, wenn ihr schmutzig davon nachhause zurückkehrt.

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