IV. Wie man ein Imperium baut
Wenn man sich moderne Imperien ansieht, so wird wesentlich deutlicher, woran eine EU scheitert und warum diese Aufrechterhaltung des Eigenen bröckelt. Selbst die Amerikaner, die nach Epstein, nach den Snowden-Leaks jeden Grund hätten, ihre Fassade einzureißen, halten das Bild besser als Brüssel es je könnte. Sie haben etwas verstanden, das Europa nie begriffen hat. Echte Macht braucht keine Wahl zwischen Liebe und Furcht — sie braucht beides. Die Amerikaner haben ein System gebaut, das die Welt freiwillig benutzt und gleichzeitig fürchtet. Man liebt das iPhone und weiß, dass die NSA mithört. Man schaut Hollywood und weiß, dass es die Köpfe formt. Man studiert in Harvard und merkt nicht, dass man dabei lernt, amerikanisch zu denken — nicht besser zu denken, amerikanisch. Die Genialität liegt darin, dass die Kontrolle unsichtbar wird, weil sie sich als Freiheit verkleidet. Wer bestimmt, was als normal gilt, das Narrativ kontrolliert — was als modern, als vernünftig, als fortschrittlich gilt —, der muss keine Armeen schicken. Der hat die Köpfe. Und wer die Köpfe hat, braucht sich um die Körper nicht zu sorgen. Man erschließt Grund durch Infrastruktur, in Abhängigkeit, in eine Denkweise, die der Normie für die eigene hält. Brzezinski hat das offen in ein Buch geschrieben: Europa soll stark genug sein, um als Puffer zu dienen, aber nie stark genug, um eigenständig zu handeln. Die Amerikaner haben ihre Strategie veröffentlicht. Und Europa hat sie gelesen und trotzdem mitgespielt. Und dazu lohnt es sich, eine der interessantesten Geschichten moderner Imperien zu erzählen. Eine Geschichte, die in einem Moment der Panik beginnt. Es ist 1957. Die Sowjetunion hat gerade einen Metallball in den Orbit geschossen, und in Washington herrscht eine Stille, die lauter ist als jeder Alarm. Sputnik. Ein Piepen aus dem All, und die Botschaft, die es trägt, ist simpel: Wer den Orbit kontrolliert, kontrolliert das Schlachtfeld. Wer das Schlachtfeld kontrolliert, kontrolliert die Welt. Was Amerika in diesem Moment tut, ist das Gegenteil von dem, was Europa heute tut. Es investiert. Und zwar in Köpfe. In jenem Moment wird eine Entscheidung getroffen — kein Trilog, kein Parlament, ein Präsident, ein kleiner Kreis aus Militärs und Wissenschaftlern, innerhalb von Wochen — und diese Entscheidung wird die nächsten siebzig Jahre der Weltgeschichte formen. Sie gründen ARPA. Advanced Research Projects Agency. Ein Apparat mit einer einzigen Aufgabe: Finde Leute, die etwas bauen können, und gib ihnen Geld. Keine Vorgaben. Keine Formulare. Keine Berichtspflichten, die das Denken ersticken, bevor es beginnt. Nur eine Frage: Kann das irgendwann nützlich sein? Das ist der Punkt, den man verstehen muss. Als ARPA 1962 einen Mann namens Licklider zum Leiter seines Computerforschungsprogramms machte, war der kein General und kein Ingenieur. Er war Psychologe. Er hatte eine Vision von vernetzten Rechnern, die damals so absurd klang, wie es heute klingt, wenn Brüssel ein funktionierendes soziales Netzwerk ankündigt. Was ARPA ihm gab, war keine Förderzusage mit Berichtspflicht. Es war ein Budget, eine Befugnis und eine offene Tür. Licklider verteilte Verträge an Forscher, die er persönlich kannte, an Universitäten, denen er vertraute — in Brüssel wäre das heute ein Korruptionsskandal. In Amerika war es der Grundstein des Internets.
Das hat System. Die Amerikaner haben verstanden, dass Durchbrüche nicht aus Verfahren entstehen, sondern trotz ihnen. Man identifiziert Kompetenz, man finanziert sie, man lässt sie arbeiten — und man sorgt dafür, dass die Ergebnisse im eigenen Apparat landen. ARPA hat so das Internet hervorgebracht, GPS, den Touchscreen, die Spracherkennung. Technologien, die heute wie Naturgewalten wirken.
Und dann als die Technologie stand, hat man sie nicht reguliert. Man hat sie verwertet. Die CIA gründet In-Q-Tel, 1999, weil sie gemerkt hat, dass ihr eigener Privatsektor sie technologisch überholt. Die Lösung war Beteiligung. Man wurde Investor. Aber kein gewöhnlicher — man investierte dort, wo die Zukunft der Datenströme entschieden wurde. Keyhole, eine kleine Firma für Satellitenkartografie — aus ihr wurde Google Earth. Palantir, Datenanalyse im Nachrichtendienstformat — heute an der Börse notiert und im Einsatz auf jedem Kontinent. Die Summen waren gering, oft einstellige Millionen. Aber sie kauften nicht Eigentum. Sie kauften Zugang. Frühen Zugang zu Firmen, die binnen eines Jahrzehnts die Infrastruktur der Welt werden sollten. Und mit dem Zugang kamen die Hintertüren — nicht als nachträglicher Eingriff, sondern als Architektur. Eingebaut, bevor das Haus stand.
Und die Produkte selbst? Die besten. Erst bauen, dann regulieren. Und wenn reguliert wird, dann so, dass die eigenen Firmen geschützt werden. PRISM, 2007 — Direktzugriff der NSA auf die Server von Google, Facebook, Apple. Der CLOUD Act, 2018 — Zugriff auf alle Daten amerikanischer Unternehmen, weltweit, unabhängig davon, wo die Server stehen. Überwachung oder aber Protektionismusgesetze in Geheimdienstverkleidung. Sie sagen: Egal wo eure Daten liegen, sie gehören uns, weil die Firma uns gehört. Europa schreibt Datenschutzgesetze, die amerikanische Firmen mit der Portokasse bezahlen und weitermachen. Amerika schreibt Gesetze, die den Zugriff sichern und die Konkurrenz fernhalten.
Dahinter steckt kein Skandal, weil die Produkte so gut sind, dass die Welt sie weiter benutzt. Freiwillig. Auch nachdem Snowden alles auf den Tisch gelegt hat. Die Welt bezahlt freiwillig. Hollywood für die Köpfe. Silicon Valley für die Daten. Das Pentagon für den Rest. Drei Säulen, ein Imperium. Und der Bürger fühlt sich frei, weil die Fassade ihren Anstrich trägt.
Und nebenbei — während Amerika seine Macht so aufbaut, dass sie zumindest noch nach Freiheit riecht und damit zumindest seinem Marketing verpflichtet bleibt, richtet Europa den Finger nach innen. Die eigenen Unternehmer werden reguliert, bevor sie bauen können. Die eigene Industrie wird belastet, bevor sie wächst. Man macht es den Eigenen schwerer als den Fremden — weil die Fremden aus Amerika herauswachsen und sich erst danach mit europäischem Papierkram auseinandersetzen, wenn sie bereits zu groß sind, um aufgehalten zu werden. Wer in Europa ein Technologieunternehmen gründen will, braucht einen Anwalt, bevor er einen Ingenieur hat. Wer in Amerika gründet, braucht eine Idee und eine Garage. Der Anwalt kommt später. Oder nie.
Der Machtanspruch der Amerikaner hört nicht auf, nur weil man sich in Brüssel einredet, selbst keinen zu haben. Die Amerikaner sind längst hinter der europäischen Linie. Ihre Plattformen sind unsere Infrastruktur. Ihre Geheimdienste hören unsere Politiker ab. Ihre Gesetze greifen auf unsere Daten zu. Und wir nennen das Partnerschaft.
Und dann schaut man nach Osten. China. Ein anderes Modell, aber derselbe Instinkt — und in mancher Hinsicht noch konsequenter. Schon die Jesuiten im siebzehnten Jahrhundert staunten, wie wissbegierig dieses Volk war. Wie es lernte, anpasste, übernahm — und dann das Eigene daraus machte. Das hat sich nicht geändert. Nur die Skala. China hat begriffen, was Europa nie begreifen wird: Dass man die Werkbank der Welt nicht aus Demut ist, sondern aus Kalkül. Wer für andere produziert, lernt, was die anderen brauchen. Und wer weiß, was die anderen brauchen, kann es irgendwann selbst liefern — zu eigenen Bedingungen. Apple lässt in Shenzhen zusammenbauen, was in Cupertino entworfen wurde. Aber Shenzhen lernt. Und irgendwann braucht Shenzhen Cupertino nicht mehr. Und China versteht die Daten Thematik besser als jeder europäische Kommissar, der Datenschutz für ein Formular hält. WeChat ist kein Messenger. Es ist ein Betriebssystem für eine Milliarde Menschen. Bezahlen, buchen, bestellen, kommunizieren — alles in einer App, alles unter staatlicher Aufsicht. Und während man den eigenen Markt abriegelt — keine Google-Suche, kein Facebook, kein YouTube —, baut man TikTok und schickt es in die Welt. Abschotten und expandieren gleichzeitig. Man kauft fremde Häfen, fremde Netze, fremde Technologie — und man lässt niemanden ins eigene Haus. Das ist das konsequenteste Machtdenken, das es auf diesem Planeten gerade gibt. Europa will dasselbe — die geschlossene Plattform, die staatliche Aufsicht, den kontrollierten Raum. Eurosky, W Social, staatlich geförderte Mastodon-Instanzen — das ist das chinesische Modell, verkleidet in amerikanische Rhetorik. Democracy. Freedom. Openness. Nur dass die eigenen Kommissare auf X posten, nicht auf Mastodon. Von der Leyen, Metsola, Costa — sie alle predigen europäische Souveränität und gehen dorthin, wo die Reichweite ist. Zur amerikanischen Plattform, die sie öffentlich verurteilen. Weil Mastodon 750.000 Nutzer hat und X hundert Millionen. Weil Reichweite Macht ist und selbst der Verwalter dorthin geht, wo die Macht liegt — nicht dorthin, wo die Verordnung steht. Sie bauen Plattformen, die sie selbst nicht benutzen. Man will die Kontrolle Pekings mit der Fassade Washingtons und bekommt am Ende keins von beiden. Keine funktionierende Kontrolle, weil man nichts gebaut hat, das jemand freiwillig benutzt. Und keine glaubwürdige Freiheit, weil jeder sieht, dass hinter der Fassade der Zwang steht. Europa ist planlos, kein Modell, das auf den eigenen Geist zugeschnitten ist. Was die Amerikaner und die Chinesen verbindet — bei aller Rivalität, bei allem, was sie trennt — ist ein Verständnis, das Europa verloren hat. Beide denken zuerst an den eigenen Vorteil. Beide operieren so, dass es andere schwächt und sie selbst stärkt. Beide haben Apparate, die unabhängig von Wahlen operieren — die USA mit Geheimdiensten, die jeden Präsidentenwechsel überdauern, China als Zentralstaat, der Entscheidungen in einer Geschwindigkeit durchsetzt, für die Brüssel drei Legislaturperioden bräuchte. Und beide haben Pläne, die sich über Jahrzehnte strecken. Ich finde es immer interessant in die Vergangenheit zu blicken, wenn es um solcherlei Analysen geht. Tocqueville verfasste 1835 eine Analyse über die Staaten — in einer Zeit, in der Europa sich noch für das Zentrum der Welt hielt. In seinen beiden Bänden über die Demokratie in Amerika hat er eine Frage gestellt, die bis heute niemand besser beantwortet hat: Warum funktioniert die amerikanische Demokratie, obwohl sie Mittelmäßigkeit nach oben spült? Und seine Antwort war: Weil die eigentliche Macht in den Institutionen liegt, die von den Wahlen unberührt bleiben. Tocqueville warnte vor dem, was er den sanften Despotismus nannte — eine Macht, die nicht tyrannisch ist, sondern vormundschaftlich. Die dem Bürger die Mühe des Denkens abnimmt. Diese Macht, schrieb er, würde die Menschen nicht brechen. Sie würde sie erweichen. Bis sie nichts mehr wollen, nichts mehr wagen, nichts mehr sind als eine Herde gut gehaltener Tiere, deren Hirte der Staat ist. 1835. Zweihundert Jahre bevor Brüssel die EUDI-Wallet einführt. Zweihundert Jahre vor der Diktatur der Warnhinweise auf dem Kaffeebecher. Der Diktatur der Cookie-Banner. Und Europa? Europa hat auch Geheimdienste — den BND, die DGSE, ein paar kleinere Apparate, die gelegentlich in den Nachrichten auftauchen, wenn etwas schiefgeht. Aber keiner von ihnen operiert strategisch nach außen, keiner baut Infrastruktur auf, die den Kontinent langfristig mächtiger macht. Der BND ist an Washington angeschlossen — Amerika sieht, was Europa sieht, umgekehrt gilt das nicht. Die EU hat seit 1999 versucht, einen eigenen Nachrichtendienst aufzubauen, das IntCen — ein Analysezentrum ohne Agenten, ohne Satelliten, ohne verdeckte Operationen. Ein Büro, das Papiere liest. Das ist Europas Hinterbühne. Sie besteht, wie nicht anders zu erwarten, aus einem Schreibtisch.
Tocquevilles sanfter Despot sitzt in Brüssel, an diesem Schreibtisch. Er hat kein Schwert mehr. Er hat ein Formular. Und damit betreut er dich zu Tode. Was wir aus diesem kleinen Exkurs festhalten können, ist das Folgende: China denkt in Jahrhunderten. Amerika denkt in Jahrzehnten. Europa denkt an die USA oder China.