Extrem und Ernstfall

Dieter Wellershoff und die Selbstbehauptung des Realismus gegen Moral und Politik.

Der 1925 in Neuss geborene Schriftsteller Dieter Wellershoff benannte Menschen, die sich unvermittelt in einer Krise wiederfinden, als eines der Hauptthemen seines Schreibens. Menschliche Krisen bilden nicht nur einen thematischen Schwerpunkt in seinem Werk. Er entwickelte daraus eine Methode, indem er seine Protagonisten systematisch unter Druck setzte, um Intensität zu erzeugen. Er schrieb über Menschen, die Extremes wollen und daran scheitern. Literatur stellte für Wellershoff eine „imaginäre Probebühne“ dar, um Risiken und Möglichkeiten des Lebens durchzuspielen bis zu jenen extremen Konsequenzen, die wir in der Praxis tunlichst meiden. Sein Fokus lag darauf, alles möglichst angstfrei ansehen und wissen zu wollen. Über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg entwickelte er ein umfangreiches Werk aus Romanen, Erzählungen, Essays und literaturtheoretischen Schriften.

Seine Jugend fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Mit 17 Jahren zog er in den Krieg. 1943 meldete er sich freiwillig zur Panzerdivision Hermann Göring. Die Erfahrungen von Zerstörung und Zusammenbruch und das Gefühl, zufällig am Leben geblieben zu sein, prägten sein späteres Denken. Das Leben galt ihm als höchster Wert. In seinem autobiographisch geprägten Roman Der Ernstfall und der Audio-CD Schau dir das an, das ist der Krieg. Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat verarbeitete er Eindrücke und Erlebnisse des Krieges.

Nach Kriegsende studierte er Literatur, Psychologie und Kunstgeschichte in Bonn. 1952 legte Wellershoff seine Dissertation mit dem Titel Untersuchungen über Weltanschauung und Sprachstil Gottfried Benns vor, die er später zu dem Buch Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde ausbaute. Wellershoff trug wesentlich zu einer modernen Wahrnehmung des damals umstrittenen Benn bei. Die beiden Autoren führten einen intensiven Briefwechsel und Wellershoff gab schließlich die Gesammelten Werke von Gottfried Benn heraus.

Bekannt wurde Wellershoff zunächst als einflussreicher Lektor des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch. Von 1959 bis 1975 betreute er dort zahlreiche bedeutende Schriftsteller wie Rolf Dieter Brinkmann und Nicolas Born. Er beteiligte sich an den literarischen Debatten seiner Zeit. Während viele Autoren der 1960er-Jahre Literatur vor allem als politisches Instrument verstanden, entwickelte Wellershoff eine andere Position. Für ihn sollte Literatur keine fertigen Antworten liefern oder gesellschaftliche Programme vertreten. Vielmehr müsse sie die Wirklichkeit in ihrer Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit erfahrbar machen.

Aus diesen Überlegungen entstand sein Konzept des Neuen Realismus. Als Autor und Theoretiker hat er entscheidend dazu beigetragen, den Realismus für die Gegenwart neu zu definieren. Dieser unterschied sich deutlich vom traditionellen Realismus des 19. Jahrhunderts. Wellershoff ging davon aus, dass die moderne Wirklichkeit nicht mehr als überschaubares Ganzes dargestellt werden könne. Die Welt erscheine vielmehr fragmentiert, komplex und oft unberechenbar. Literatur solle deshalb keine eindeutigen Wahrheiten vermitteln, sondern die Erfahrungen und Wahrnehmungen einzelner Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dabei konnte er auch vom französischen Nouveau Roman zehren. In Köln fand dieser Ansatz zahlreiche Anhänger, weshalb man später auch vom Kölner Realismus sprach.

Wellershoffs Werke sind von dieser Haltung geprägt. Seine Erzähltexte erzählen häufig von Menschen, deren scheinbar geordnetes Leben durch unerwartete Ereignisse aus dem Gleichgewicht gerät. Dabei stehen weniger äußere Handlungen als innere Prozesse im Vordergrund. Mit großer psychologischer Genauigkeit beschreibt er die Hoffnungen, Ängste und Konflikte seiner Figuren. Nennenswert ist die Novelle Zikadengeschrei, in der ein Familienvater mittleren Alters im Sommerurlaub mit den Brüchen seines Lebens konfrontiert wird. Wetterphänomene, Hitze, Anblick und Geräusche verschiedener Tiere sowie die Begegnung mit einer körperlich versehrten Schauspielerin, zugleich Objekt des Begehrens und Medusa.

Schon früh interessierte ihn die Frage, wie Menschen mit Unsicherheit, Krisen und den Brüchen ihrer Biografien umgehen. 1961 erhielt er für sein Hörspiel Minotaurus, das von einer Abtreibung handelt, mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden die bis heute höchste Auszeichnung in diesem Bereich. Er schrieb Romane wie Die Schattengrenze, Die Schönheit des Schimpansen und Der Sieger nimmt alles. In den 1970er Jahren schrieb er zahlreiche Drehbücher zu Fernsehfilmen, teils nach eigenen Romanen.

Ein weiteres zentrales Motiv seines Schreibens ist die Erfahrung der Kontingenz. Wellershoffs Texte zeigen, wie unvorhergesehene Ereignisse Lebenswege verändern können und wie Menschen auf solche Situationen reagieren. Literatur verstand er deshalb als eine Form der Erkenntnis, die den Blick für die Möglichkeiten und Unsicherheiten menschlicher Existenz schärft.

Im Jahr 2000 erschien sein erfolgreicher, aufwendig konstruierter, polyperspektivischer Roman Der Liebeswunsch. Ein Roman über Beziehungen, Freundschaft, Sehnsüchte und Verrat – und darüber, wie der Liebeswunsch einer unglücklichen jungen Frau das Leben dreier Freunde aus dem Gleichgewicht bringt und zugleich mühevoll aufrecht erhaltene Fassaden einstürzen lässt. Der Roman wurde 2006 verfilmt.

Bis ins hohe Alter war Dieter Wellershoff schriftstellerisch tätig. 2009, da war er 84 Jahre alt, erschien sein Roman Der Himmel ist kein Ort. Fünf Jahre später wurden seine Reflexionen Ans Ende kommen. Dieter Wellershoff erzählt über Altern und Sterben in Form einer Audio-CD publiziert und als „Hörspiel des Jahres 2014“ ausgezeichnet. Dieter Wellershoff starb am 15. Juni 2018 in Köln. Er hinterlässt ein Werk, das durch seine präzise Beobachtungsgabe und seine unerschrockene und niemals urteilende Auseinandersetzung mit den Abgründen und Ambivalenzen des menschlichen Daseins auch über unsere Zeit hinaus Bestand haben wird.

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