Die grüne Süßmaus

Madeleine Poigniac erklärt, warum „Grüne Süßmäuse“ – von Emilia Fester bis Jette Nietzard – zur Projektionsfläche rechter Begierde wurden.

Lorenz Bien zugeeignet

Der Terminus Grüne Süßmaus als jüngst entstandenes Faszinosum rechter Männer ist nichts als die Farce eines vergangenen weiblichen Archetypus: den der katholischen Unschuld vom Lande. Das erscheint kontraintuitiv, weil die Grüne Süßmaus auf den ersten Blick der politische Feind zu sein scheint und dem Rechten als Misogyn außerdem verhasst sein müsste. Es sind doch die larmoyanten Forderungen der feministischen Fräuleins, die den entmachteten Patriarchen verfolgen. Nichts soll er mehr, nichts darf er mehr, keiner braucht ihn mehr. Und ginge es nach den Grünen, dann stünde sein Name sowieso ganz oben auf der Abschussliste. 

Im Gegensatz zum katholischen Mädchen vom Lande geriert sich die Grüne Süßmaus also überhaupt nicht als unterwürfig. Sie geht auf Demos für die Demokratie, zeigt sich wie Emilia Fester nur in Büstenhalter und Pflaster der COVID-19 Impfung auf social media, berichtet offenherzig über ihr queeres Liebesleben oder schneidet sogar eventuell auch Tabuthemen wie Geschlechtsverkehr unter Geschwistern an. Nichts also, womit man die Menosphere begeistern könnte. 

Doch schon Theodor W. Adorno wusste um den Charme ihres Typus: 

Phantasie wird entflammt von Frauen, denen Phantasie gerade abgeht. Am farbigsten leuchtet der Nimbus derer, die ungebrochen nach außen gewandt, ganz nüchtern sind. Ihre Attraktion rührt her vom Mangel des Bewusstseins ihrer selbst, ja eines Selbst überhaupt. (MM, S.192)

Der rebellische Gestus, welcher inzwischen nichts weiter als gesellschaftlich oktroyiert und damit konformistisch ist, wird im Dienste des Gehorsams ausgeübt. Wie das katholische Mädchen von einst, hat sich die Grüne Süßmaus vollständig in die ihr gegebenen Verhältnisse eingefügt und damit ihr Selbst ausgelöscht. Von durchschnittlicher Intelligenz geprägt, in durchschnittlich guten Umständen aufgewachsen und mit einem lieblichen Gesicht geziert, welches ihre Wohlbehütetheit auch gleich für ihr Umfeld sichtbar macht, kommt sie überhaupt nicht auf die Idee der Möglichkeit eines individuellen Selbst. Sie hat keinen Anlass, sich fremd zu fühlen. Keine Ecken und Kanten, mit denen sie anstößt. Und dennoch möchte sie von den anderen wissen, wer sie ist. Was richtig und was falsch ist. Sie sucht Identität. Gerne möchte sie identisch sein mit jenen, die sie so sehr liebt. Über die Informationen verfügen, deren Preisgabe das Antlitz ihrer Freunde und auch die der cooleren Lehrer zum Strahlen bringt. So zieht sie sich ihre politische Gesinnung an wie eine Klamotte, die ihr spätestens beim Eintritt in die Institution Schule gereicht wurde. Denn spätestens seit Fridays for Future ist erwiesen, dass die angebliche Revolte von oben kommt. 

Den rechten Mann fasziniert die Gefügigkeit der Süßmaus als formbare Materialmasse. Er erkennt, dass unter der görenhaften Fassade der aufrichtige Wunsch steckt, gut zu sein. Für die Schmähungen würde er ihr wie einem Kind gerne einen leichten Klaps auf den Hintern versetzen, ihr die grüne Klamotte ausziehen und sie dann gut zu ihm sein lassen. Er möchte sie streicheln und formen. Wie vorher der Staatsideologie kann sie nun ihm gehorchen. 

Für ihn wie für Arthur Schopenhauer sind Frauen „Zeit Lebens große Kinder (…) eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, welcher der eigentliche Mensch ist“. Sie eigenen sich als „Pflegerinnen und Erzieherinnen (…) gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig“ sind. Das ist es, wie der rebellische Gestus, die theatralischen feministischen Reels auf TikTok, auf rechte Männer wirken. Sie wirken genauso kindisch wie die Kinder, die sie in einer rechten Utopie gebären und aufziehen könnten. Damit könnte er sie vielleicht retten und einen Staat mit ihr gründen, in welchem ihre Anpassungsfähigkeit ein Garant für Konsens und sozialen Frieden sein könnte.

Die ostentativ zur Schau gestellte Naivität und Güte sind jene Züge, die schon die katholische Jungfer vom Dorf damals so reizend für Männer machten. Der böse Wolf hatte schon immer seine Lust daran, fromme Lämmer zu überraschen. Das Arglose, gar Heilige zu besudeln, käme einem Tabu gleich, von welchen es leider kaum noch welche gibt. 

Doch gleichzeitig sehnt sich auch der rechte Mann nach Rettung. Denn er ist einsam im Kampf gegen den Zeitgeist. Er sitzt an der Front, allein, aufgepeitscht vom Testosteron, in seiner Körperfestung und sehnt sich nach einem Kontrast zu seiner Härte. Ihm ist kalt und träumt von einem trauten Heim, welches ihm die Wärme vermittelt, die er braucht. Zu gerne würde er den Panzer ausziehen und sich an die opulente Brust eines Weibchens mit weichem Gesicht schmiegen, welches keinen stärkeren Wunsch hat, als dazuzugehören und gut zu sein. Zu gerne möchte er ihr dieses Gefühl geben. Ganz gleich, wo sie politisch steht. Ganz gleich, ob sie die Welt, von der er träumt, zerstören möchte. Schließlich ist es der Moment des größten Glücks, die Verschmolzenheit mit der Welt, das Gefühl von Kontinuität, welches jede Spannung ausgleicht, Homöostase erzeugt, und damit das Individuum dem Tod preisgibt.

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