Hyperaufklärung

Der Gehorsame ist ein Hörender und ein Höriger. Der Letztere gilt dem Modernen noch immer als Affront. Wenn Aufklärung nichts ist als Mündigwerdung, dann ist Hyperaufklärung Hörigwerdung.

Glaube!

„Der Glaube verändert Gott nicht, aber er verändert denjenigen, der betet.“ (Søren Kierkegaard) Dem Menschen der Moderne wurde das unhinterfragte Leben in der Vertikale geraubt. Empirismus, Rationalismus, Aufklärung – all diese Ströme münden hin zum horizontalen Atheismus, zur civitas terrena, zum Konsumpalast. Der Mythos, der Funken schlagen muss, kann nur performativ gedacht werden. Nur im Spiel kann Ernsthaftigkeit Wurzeln schlagen. Vom Schauspiel herkommend, tritt unsere Götterverehrung, unser himmlisches Reich, in die Wirklichkeit.

Gehorche!

Der Gehorsame ist ein Hörender und ein Höriger. Der Letztere gilt dem Modernen noch immer als Affront. Wenn Aufklärung nichts ist als Mündigwerdung, dann ist Hyperaufklärung Hörigwerdung. Befehl wird dem hyperaufgeklärten Manne ins Ohr getragen – ob durch menschlichen Mittlermund oder das Fatum selbst –, und er gehorcht. Deswegen gilt es, die Dichotomie zwischen Befehlenden und Gehorchenden zu verwerfen. Uns allen – General wie Rekrut, Waschweib wie Truchsess – flüstert der Imperativ ins Ohr, schlägt von innen gegen die Haut, um durch die Poren zu brechen und ans Licht zu steigen.
Die eine Menschheit sei doch kein Betrug, mag einer einwenden. Wir alle erkennen uns im Gehorsam; doch nein, denn bis hierher haben wir den Gehorsam in das seichte Fahrwasser des Instinkts gelenkt. Im Rauen, Rohen, Stumpfen fehlt es an Resonanzboden. Die Handlung bleibt Instinkt, der Vollzieher bleibt Tier.
Beim Sensitiven aber wird der Befehl zu Gehorsam – und zur Tragödie dazu. Die Stimme kriecht ins Ohr und singt an, singt an gegen alle Weisheiten der Gesellschaft, gegen die Werte der Aufklärung, gegen den freien Willen, den die Christen sich dort hineingedacht haben.
Die Stimme ringt mit ihnen und bindet sie durch ihre primordialen Kräfte. Dann schießt er, sticht er, schlägt er, schändet er. Und er fühlt sich dadurch erniedrigt oder erhoben – aber er fühlt.
Er fühlt.
Siehe da: ein Mensch.

Kämpfe!

Der Kampf als Bedingung zur Aufrechterhaltung der Leiblichkeit verbindet den Menschen mit dem Tier, in der Prägung seines Habitats tritt er jedoch in die conditio humana. Institutionen, Erdumformung, gesellschaftliche Fürsorge. Janusköpfig jedoch ist das Derivat daraus:
Der Mensch wird vermasst, sein Leben verlängert.
Der Kampf weicht der Verwaltung. Die Stadt erst bewilligt die Diogenes-Existenz.
So betrachtet ist nicht der Massenmensch Stein des Anstoßes, sondern die Bedingungen, die ihn evozieren. Die Zivilisation ist eine große Räuberin: Den Schwachen nimmt sie das Schicksal zum Untergang, den Starken das Schicksal zur Eroberung, zum totalen Sieg. Allen Menschen nimmt sie den Élan vital; sie geißelt den Willen zum Kampfe.
Der Möglichkeit des Kampfes beraubt, wird in der Reflexion und Systematisierung Zuflucht gesucht. In welche Tränentäler ist der Mensch hinabgefahren, wenn der Fall des Sonnenlichts auf seine Haut ihn allein zur Kontemplation über die Vitamin-D-Aufnahme oder die Implosion der Sonne in vier Milliarden Jahren bewegt, anstatt das in ihm schlummernde Vril zur Tat, zum Sturm zu bewegen? Auch das Schreiben gehört zu diesen Ersatzhandlungen. Geschrieben wird immer dann, wenn nicht mehr oder noch nicht gekämpft werden kann. Die Verbalform ist die tiefgründigste Entartung wider die Tathandlung.

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