Aufrüsten!

Mode als Panzer

Nadja Auermann: 180 cm, davon 112 cm Beine. Denken wir ihren Lauf als Figur im Raumzeitdiagramm. Der Raum sei die Länge des Laufstegs. Der Fuß peitscht nach vorne (flacher Diagonalschuss), knallt auf den Steg, verharrend im Kontakt (steiler Standvektor), daraufhin schießt der andere Fuß in die korrespondierende Gegendiagonale. Rechts, zwo, … Dieser oszillierende Prozess bildet im vierdimensionalen Block eine dreidimensionale, im Raum schwebenden Blitzformation, die sich zackend, schräg durch die Zeit nach oben zieht.

1 – Form

Silhouette ist anthropologische Politik, preattentive processing eines Typus, Kommunikation eines Menschenbildes in Millisekunden. Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen1. Ein langer Mantel, hoher Stiefel, schlanke Statur schaffen Vertikalität, Zenitstrahl als ewige Sehnsucht unseres Typus. Der Stiletto als ihr uranisches Präzisionswerkzeug, ungeeignet für den Feldweg, pfeilschnell auf Marmor, Beton, Asphalt. Klick-Klack, wie der Schlitten eines Faustfeuers. Innestare sulla silhouette femminile le linee più aggressive2. Klare Schultern, kantige Krägen, architektonische Schnitte schaffen Geometrie. Der Körper erscheint konstruiert, bepanzert, bereit. Symmetrie in den Kraftlinien als weiterer Grundsatz dieser Form. Diese Ruhe, Kontrolle, Würde sehen wir zunächst im Stein eines Paul Troost oder im Licht eines Adalberto Libera, später ins Abstrakte radikalisiert durch Ludwig Mies van der Rohe. Disziplin! Die Form muss sich erst ihr Subjekt schaffen. Il faut être absolument hyper-[sensuelle]3. Korsage, zartes Seufzen durch Schnürung, dann Haltung. Beim Mann bündelt die Koppel. Die Horizontale fasst die Mitte, Diagonalen ziehen zur Schulter. Der Leib wird zum Tragwerk einer Idee.

Wien, Loos American Bar. Gedämpfte Stimmen flüstern aus der dunklen Holzvertäfelung. Der Blick des Personals gleitet ruhig durch den Raum. Der Alkohol löst langsam die Spannung im Körper, ich sinke tiefer in die Bank. Über dem Eingangsportal, uns diagonal gegenüber, glühen die transluzenten Onyxplatten, von hinten erfasst. Ihr Licht trifft mich wie flüssiger Bernstein, durchquert den schmalen Raum und schließt mich ein. Für zwei Sekunden sitze ich regungslos darin. Ein Insekt goldener Zeit.

2 – Materialität

Das Material kommuniziert mit und durch den Träger. Ein jedes Material hat seine Formensprache und kein Material kann die Form eines anderen Materials für sich in Anspruch nehmen4. Eigenwille der Materie. Auf der technisch-leiblichen Ebene reguliert der Stoff klimatisch, kühlt, dehnt sich, schmiegt sich an. Der Werkstoff bestimmt, wie Kleidung fällt und gibt einen kinetischen Rahmen, definiert, welche Bewegung zulässig ist. Der Betrachter erfasst sinnlich-atmosphärisch und sozial-semiotisch. Gewirkter Loden ermöglicht geräuschlose Fortbewegung, sein Geruch ist Urerinnerung einer pastoralen Kulturform. Silikongeöltes Latex verflüssigt quecksilberne Konturen, besticht außerweltlich. Alluminio, gomma!5 Bleikristall bricht, streut Licht, kann theoretisch Morse-Code funken. Die Patina eines silbernen Armreifes strahlt lunar. Blauer Denim, der Europäer der nordamerikanischen Steppe. Eine ideal sphärische Salzwasserperle, das Ohr einer Reichsdame6.

Er lokalisiert den Körper im weißen Raum, sie schiebt ihre Hände an die Taille, dreht ihr Gesicht aus der Körperachse. Ein Lichtblitz, Polaroid. Er prüft die Komposition kurz, dann hebt er die 35 Millimeter ans Auge. Der Verschluss schlägt und für den Bruchteil einer Sekunde brennt sich die blonde Amazone in den Kodak Tri-X 400. Später steigt sie im Entwickler aus dem Negativ hervor; erscheint unter dem Vergrößerer sempiternal, erst Schatten, dann Haut, dann Zopfkrone. Überlebensgroße Frau, die sich Atom für Atom aus dem Silber sammelt. Helmut Newton ist vom Lager der Opfer in das der Täter übergetreten7.

3 – Chromatik und Ornamentik

Lichtpolitik! Ein historisch-heraldischer Farbcode nach Georges Dumézil definiert sakrales Weiß, kämpfendes Rot und produktives Schwarz. Farbe strahlt kulturell, affektiv-atmosphärisch und expressiv. Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe8. Hochindividuell ist Licht als physiognomische Resonanz: Bestimmte Farben potenzieren die vorhandene Farbigkeit eines Menschen. Aschblond antwortet Platin, Honigblond antwortet Sonnengold. Rudolf Steiner schafft eine Metaphysik der Farbgebärde durch Richtung, Spannung, Bewegung. Der Expressionist baut chromatisch: Schwarz ist Distanz, Erotik, Selbstbeherrschung, Modernität. Farben markieren dich9. Schwarz im Kollektiv als rasche Homogenisierungsstrategie: Schwarzer Block, Cocktails werfen. Es ist ein Stil, der aus der Spannung von futuristischer Jugend und schwarzem Tod lebt. Ein Stil, der notwendig den antibürgerlichen Affekt in sich schließt – der Energie und Instinkt betont10. Bei Gottfried Benn hat das Schwarzhemd isoliert agency.

Da das Ornament nicht mehr organisch mit unserer Kultur zusammenhängt, ist auch das Ornament nicht mehr Ausdruck unserer Kultur. […] Kein Ornament kann heute mehr geboren werden von einem, der auf unserer Kulturstufe lebt11. Muster der Materie. Webstruktur, Faltung. Die ineinandergreifenden Zacken eines Reißverschlusses laufen wie ein Mäander vertikal über den Oberkörper. Die Maserung eines Horns, das Kristallgitter eines Minerals haben hyper-intelligente Qualität. Feine weiße Adern durchziehen einen Sodalith; Sodalith-Collier, das ursprünglichste und somit wieder erste Ornament unserer kommenden Kultur. Adolf Loos demontiert das Ornament, Thierry Mugler inkarniert es in der Anatomie. Wespentaille, skulptierte Brustlinie, symmetrische Achse. Diese Konstruktion ist in sich vollständig artikuliert. Wo Schnitt und Material selbst Panzer werden, wird Ornament überflüssig.

Front 242, Im Rhythmus bleiben. 124 BPM. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen12. Im dunklen, dicht gefüllten Raum erzeugt die Audioanlage metrisch stabile Impulse. Die Muskeln übernehmen den Grundschlag oder seine Unterteilungen, während Herz und Atmung in eigenen Relationen darauf reagieren. Zwischen Schallfeld, Lichtblitz und Glykolnebel bleiben die Körper physiologisch verschieden und geraten dennoch in dasselbe Zeitgitter.

4 – Komposition

Komposition bezeichnet zunächst das Verfahren, durch das heterogene Gegenstände zu einer übergeordneten Gestalt zusammentreten. Das einzelne Element ist Richtung, Gewicht, Tempo. Zwischen den Elementen entsteht Bruch, Korrektur, ein System wechselseitiger Verstärkung, Spannung per se ist gerichtete Form. Die materielle Zusammensetzung und ihre emergente Gestalt werden zugleich wahrgenommen. Man sieht Körper, Bluse, statisch und in Bewegung. Schmuck, darin Lichtreflexe, vernimmt einen Duft; auf der nächsten Ebene erlebt man stereoskopisch13Donna-macchina da guerra. Donna-tank. Donna-apparecchio radiotelegrafico.14 Der Laufsteg erweitert die Komposition um Raum und Musik. Zénith, 1984. Das Kunstwerk der Zukunft. Mode nur noch eine Variable einer einheitlichen dramatischen Idee.

„Im ganzen wird also gerade nicht das wechselnde das charakteristische Zeichen der Mode und des Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Rückständiges und bezeichnet die noch ungereiften männlichen und weiblichen Europäer: sondern die Ablehnung der nationalen, ständischen und individuellen Eitelkeit.“15

5 – Ordnung und Monument

Schöpfung und Stil […] in der Kunst: die Grundlage des imperativen Weltbildes, das ich kommen sehe16. Der Typus als anthropologische Erscheinung, verdichtete Menschenform, Träger einer Formel, Antlitz erweckt Blitzassoziation. Der Typus führt den Menschen über sich hinaus, durch Auflösung in der Formation oder durch Steigerung zum Monument. An der Schwelle zwischen Individuum und Kollektiv steht die Uniform. Sie spricht institutionelle Autorität, löst die Autonomie ihres Trägers, lässt ihn in etwas Übergeordnetem, Größeren aufgehen. The color is black, the material is leather, the seduction is beauty, the justification is honesty, the aim is ecstasy, the fantasy is death17. Die Frau mit dem roten Strumpf und roten Schuh heißt nicht mehr Ingrid, sie heißt Austrian Airlines. Die Parade ist politischer Laufsteg. Catwalk und Stechschritt sind isomorphe Kinetik, Formation erzwingt Gestalt. Models einberufen, Offiziere casten! Mode schafft Ordnung. Vertigo, 1988. Ein Model liegt auf einem der Adler-Metallflügel des Chrysler Buildings, 61. Stockwerk. Der Wolkenkratzer: faustische Vertikalität in Stahl. Manhattan wird Raster; Verkehr, Passanten bloß Bewegung. Die auf dem Maschinentier Schwebende ist der kommende Menschentyp. Mode schafft Monument.

Endnoten

1 Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, „Streifzüge eines Unzeitgemässen“, Abschnitt 11. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. von Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, Bd. 6, München: dtv / Berlin: De Gruyter 1999, S. 118 f.

2 Volt [Vincenzo Fani Ciotti]: Manifesto della moda femminile futurista, in: Roma Futurista, 3. Jg., Nr. 72, Rom, 29. Februar 1920 [wiederveröffentlicht in: Il Piccolo, Sondernummer, 33. Jg., Nr. 14, Palermo, 15. Juni 1927].

3 Noel von Mezynski: DER REICHSRISS, in: FIUME, 5. April 2026, URL: https://fiume-magazin.com/belletristik/dichtung/der-reichsriss-nvm/ [abgerufen am 4. August 2026].

4 Adolf Loos: Das Princip der Bekleidung. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Adolf Opel. 2. Auflage. Braumüller, Wien 2023, S. 138–144.

5 Volt: Manifesto della moda femminile futurista.

6 Odrahra (@odrahra): „Reichsdamen ausführen.“, Beitrag auf X, 6. Februar 2026, https://x.com/odrahra/status/2019767819164893450 [abgerufen am 5. August 2026].

7 Silvia Bovenschen: Alice in Newton-Land, in: Der Spiegel, Nr. 30, 25. Juli 1994, S. 92–94, URL: https://www.spiegel.de/panorama/alice-in-newton-land-a-8769bf61-0002-0001-0000-000013683769 [abgerufen am 4. August 2026].

8 Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre. Didaktischer Teil. In: Ders.: Werke (Hamburger Ausgabe in 14 Bänden). Hrsg. von Erich Trunz. Bd. 13: Naturwissenschaftliche Schriften I. C.H. Beck, München, S. 494–523 (§§ 758–920).

9 Orange Sector: „Farben“. Auf: Farben EP. Infacted Recordings, 2016.

10 Armin Mohler: Liberalenbeschimpfung. Sex und Politik – Der faschistische Stil – Gegen die Liberalen. Drei politische Traktate. Verlag Heitz & Höffkes, Essen 1990, S. 93.

11 Adolf Loos: Ornament und Verbrechen. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Adolf Opel. 2. Auflage. Braumüller, Wien 2023, S. 363–373.

12 Front 242: „Im Rhythmus bleiben“. Auf: Front by Front. Red Rhino Europe (RRE), 1988.

13 Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz. Zweite Fassung: Figuren und Capriccios. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, „Der stereoskopische Genuß“.

14 Volt: Manifesto della moda femminile futurista.

15 Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, Bd. 1, Aphorismus 215. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. von Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, Bd. 2, München: dtv / Berlin: De Gruyter 1999, S. 176 f.

16 Gottfried Benn: Rede auf Marinetti [1934], in: ders.: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe, hrsg. v. Gerhard Schuster, Bd. IV: Prosa 2 (1933–1945), Stuttgart: Klett-Cotta 1989, S. 117–120.

17 Susan Sontag: Fascinating Fascism [1974], in: dies.: Under the Sign of Saturn, New York: Farrar, Straus & Giroux 1980, S. 73–105.

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