Abscheulich ist alles, was seiner Natur nicht entspricht. Alles Authentische, was seinem Wesen treu bleibt, ist herrlich. Und das, was gewaltsam drüber gehen will, ist abartig. Die Kultur kann nur organisch homogen das Dasein veredeln und die Natur überkonstruieren. Die Erdung der Kunst, wie die Deutsche NS-Kunst das Geistige durch die Mineralisierung erheben mag, es an „Blut und Boden“ verankert, etabliert sich letztendlich eher als Dekoration einer Ideologie denn als der natürliche Atem der Schöpfung.
Die totalitäre Kunst ist wichtig, als eine rationale Perversion. Die wahre, native Kunst ist von Ideologien emanzipiert – noch viel mehr: Sie ist von sämtlicher Schwerkraft erlöst. Absolute Ganzheit!
„Das Wahre ist das Ganze.“1
Das Sein, die Schwerkraft muss man überwinden. Sonst saugt das Mineral ein. Man muss erblinden, die Augenlider müssen von Tränen anschwellen. Das Kalzium der Seele, die Erosion des Bewusstseins … alle Krankheiten des kritischen Denkens müssen überwunden werden. Um aus dem Lehm der Vernunft in die Photosphäre des völligen Wahnsinns zu gelangen. Den Verstand, das Augenlicht verlieren, um das Sachliche aus sich herauszupressen. Gibt es ein stärkeres Opium als den Duft der Lindenblüte? Sie existiert – die Lindenblüte –, man kann sie beweisen, und ihr Duft lässt sich rationell begründen. Doch das Wort, der Begriff von ihr, ist ewig. Übersubstanziell. In der Realität duftet sie, in der Hyperrealität duftet sie neonorange, in der Überrealität starrt sie in dich mit Libellenflügeln an und erwürgt dich, umklammert mit ihren Schenkeln die falsche Rippe deines Ringfingers.
Wenn die Realität das bewusste Sein ist, und die Hyperrealität dessen „Überschall“-Reflexion, dann existiert die Kunst in der Überrealität. Sie transzendiert den begrifflichen Apparat der beiden anderen Sphären, entkernt sie – und transformiert sie in Bilder und Klänge. Kunst ist nichts anderes als ein Membranfilter von Paradigmen und Sinnen. Absolute Kunst ist das Zentrum absoluter, totaler Freiheit. Wenn die Hyperrealität Anti-Kunst ist, also Explosion, dann ist die absolute Kunst Konzentration und Implosion.
Somit befindet sich die absolute Kunst außerhalb jeder Zeile, die bisher geschrieben wurde. Da sie vollkommen gesetz- und gebeinlos ist. Weist keine Dichte, keine Reaktivität, keinen Schmelzpunkt auf. Ihr Reagenzglas ist der absolute Geist. Das einzige Gefäß, das sie bezähmen kann. So vergesst alles, was ihr über sie gelesen habt und verfallt in vollkommene Amnesie. Die Fersen vom Lehmboden lösend und losfliegend!
- G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Ullstein, Frankfurt/M. 1970, S. 22 ↩︎