Nicolas Noir

Aber eben das ist ein Filmstar: er spielt sich selbst im Film und seine Rollen im Leben. Eigentliche Breite verhindert die symbolisch-personifikatorische Zusammenfassung eines Gefühlskomplexes.

Es gibt Schauspieler, deren Werk sich nicht in einer Handvoll Filme zusammenfassen lässt, weil ihnen die Beschränkung selbst wesensfremd ist. Nicolas Kim Coppola, der sich Cage nennt, gehört zu diesen wenigen – dem einzigen internationalen Darsteller der letzten vierzig Jahre, bei dem ein Wort wie „Gesammelte Werke“ überhaupt einen Sinn hätte. Nun bringt ihn die Amazon-Serie Spider-Noir erstmals auf den Bildschirm, und die Fans der Legende kommen, soviel sei vorweggenommen, auf ihre Kosten.

Was Cage zu diesem Sonderfall macht, lässt sich schwerlich an einem einzigen Werk ablesen. Mondsüchtig ist die beste Rom-Com, Con Air der beste Actionfilm, Bringing Out the Dead der beste Scorsese; etwas muss er also können. Leaving Las Vegas wiederum hat mir vor zwanzig Jahren einen solchen Eindruck hinterlassen, dass ich mich seither nicht mehr getraut habe, den Film ein zweites Mal anzufassen.

Beim eigentlichen Filmstar kann eine Handvoll besonders erfolgreicher Filme die wenigen Varianten eines leicht identifizierbaren Kerns repräsentieren. Tom Cruise mag einst als deren letzter in den Geschichtsbüchern stehen. Vermutlich hat er fast alle seine interessanten Rollen in den Achtzigern und frühen Neunzigern gespielt, bevor ihn der Erfolg der Mission Impossible-Reihe auf einen recht engen Typus beschränkt hat, den offenbar von sich aus nicht verlassen wollte. Aber eben das ist ein Filmstar: er spielt sich selbst im Film und seine Rollen im Leben. Eigentliche Breite verhindert die symbolisch- personifikatorische Zusammenfassung eines Gefühlskomplexes. Und so gab es diese Arnold Schwarzenegger, Steve McQueen, Alain Delon, Romy Schneider, Marilyn Monroe, Jean Gabin und noch weiter zurück. Unsere Mastroianni, Trintignant, Pacino, Liv Ullmann oder Hannah Schygulla gehören nicht auf diese Liste, weil die schauspielerischen Leistungen nicht gemeint sind.

Bei Cage reicht die Breite seines Oeuvres von hartgesottenem Naturalismus bis zu seinem geliebten, an den Expressionismus angelehnten, overacting. Um dieser und anderer bewusst aufgenommener Referenzen willen, heißt sein Spiel bisweilen „postmodern“: aber das trifft es nicht, weil er diese Bezüge in seinen Filmen nicht als solche herausstellt, so freimütig und kenntnisreich er in Interviews über sie spricht. Man denke nur an die Elvis-Imitatoren, unter die sich dieser enthusiastische Fan des King in Honeymoon in Vegas mischt. Soziale Realität, nicht Reflexion des Abbildens, anthropologische Normalität, verfolgt mit Herz und Seele: und weil die Moderne dieselben nicht besitzt, blieb ihr nur die Postmoderne als Ausweg aus ihrem so rasch erschöpften Andersmachen, Reduzieren und Zerstören als Selbstzweck.

Jedenfalls: das eigentlich Merkwürdige ist, dass ein solcher Darsteller sich an der Spitze des Blockbuster-Kinos etablieren konnte, das nun, Ende der Neunziger, noch eine Art Nachsommer des Hollywood Auteurs bot. Welcher mit dem enthemmten Konzernismus durchaus wesenhaft verbunden ist: denn bevor die Formelhaftigkeit jede Kreativität auslöscht, müssen ungewöhnliche Künstler die Formel geschaffen haben (mit der sie zugleich den Untergang ihres Typus herbeiführen), was eben das Werk dieser Steven Spielberg, George Lucas und, hier einschlägig, Michael Bay war. Der Regisseur von The Rock verdient jedoch, dass auf seinem Grabstein einst an die unsägliche Schandtat erinnert wird, zu einer Explosion zu schneiden gerade als sich Nicolas Cage eine Adrenalinspritze ins Herz jagt – das wird uns also vorenthalten. Aliens werden uns eines Tags deswegen auslöschen.

Cage hatte seine beim Massenpublikum prominentesten Auftritte im späten Actionfilm, konnte diese Bahn jedoch nicht beim großen Aufstieg des Superhelden-Genres fortsetzen, und man fragt sich, ob ihm seine Liebe zu Comic-Heften mehr geschadet als genutzt hat, handelt es sich hier doch um einen mehr ökonomischen als künstlerischen Prozess, in dem der immer größer werdende Kapitaleinsatz den planbaren Erfolg fordert, welches Bedürfnis die Persönlichkeit immer weiter herausdrängt; bis auch hier die immer intensivere Formelhaftigkeit schließlich die Formel selbst erschöpft. In der vorausgehenden Frühphase des Genres, als die Spielräume noch größer waren, hätte Cage sogar für Tim Burton Superman spielen sollen, nicht weniger, doch die Produktion kam nie vom Fleck. Er wurde zwar in Ghost Rider zum flammenden Totenkopf, aber die in jeder Hinsicht lauwarmen Resultate machten das äußerliche Verblassen von Cages Stern nur umso deutlicher.

Dass er sich in Spider-Noir schließlich doch ausleben kann, dürfte auch der Besonderheit geschuldet sein, dass die Rechte an der Spiderman-Gestalt, obgleich Marvel entnommen, nicht Disney, sondern Sony gehören, und die japanische Konzernkultur mehr Bodenhaftung behalten hat als die amerikanische. (Spiderman im allgemeinen ist darum heute der einzige Superheld, der noch verlässlich großes Geld einbringt).

Im New York der Dreißiger Jahre versucht der verfilzte Privatdetektiv Ben Reilly irgendwie über die Runden zu kommen. Nach einem zerschmetternden Scheitern hat er sein früheres Superheldendasein als The Spider aufgegeben. Doch seltsame „Mutanten“ machen sich in der Unterwelt merkbar, und eine Nachtklubsängerin verwickelt ihn in die Sphären des Gangsterbosses Silvermane (gespielt vom unbezahlbaren Brendan Gleeson). Die Anlehnung an den Film Noir geht in die erzählerische und visuelle Substanz, ist redlich verdient. Dem Zuschauer stehen Versionen in Schwarz-Weiß und Farbe zur Verfügung, als, offenbar, die eigentliche Idee und den als notwendig empfundenen Publikumskompromiss. Man kann ein gewisses Grundschema der meisten Episoden, derart resümieren, dass ein eher ruhiger Noir-Plot in einer superheldenmäßigen Actionsequenz kulminiert.

Geschichte, Effekte, Ästhetik und Nebendarsteller sind sicherlich passabel, aber unser Mann trägt doch alles, und vom Glimmen finsterer Reue bis zum Flackern der Komödie ist bei ihm alles gut aufgehoben. Der markanteste Nicolas Cage-Moment sind die unwillkürlich seine Figur erfassenden Spinnenbewegungen, welche er bereits vor zwanzig Jahren Spiderman-Regisseur Sam Raimi vorgeschlagen hatte und heute endlich die Glieder eines Schauspielers in Kontorsionen versetzen. In Spider-Noir bekam Cage freie Hand, und mehr ist für einen Produzenten nicht notwendig, solang er nur das richtige Personal findet. Eine kontinuierliche Fortsetzung guter Entscheidungen in Hollywood ist dementsprechend unwahrscheinlich. Andererseits ist die Verheerung des Systems durch Woke und Metoo nur rund eine Dekade alt, sodass noch ein Maß an überlebender Kompetenz auffindbar sein sollte. Wären jedoch diese massiven Konzernapparate fähig, ihre eigenen Probleme deutlich zu verstehen, dann wären wir nicht in der jetzigen Lage. Totgesagte leben länger, und angesagte Auferstehungen lassen wohl gern auf sich warten.

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