Schizoid Girl

Wie wiegt mich heute so mild das entschlummernde land | Wie fühl ich sanft um mich des abends frieden! - Mariam Kühsel-Hussaini zum XX.VII.

Als CASTRVM kürzlich an mich herantrat, ob ich nicht das Vorwort zur dritten Auflage von Schizoid Man schreiben wolle, ging mir das Herz auf. Sebastian Schwaerzel ist inzwischen der einzige lebende Schriftsteller, der mich – neben meinen eigenen Werken – noch interessiert. Wir teilen ähnliche Schmerzen. Wir empfinden größer, schlimmer, schöner als andere.

Ich hatte die elegante Anfrage des Verlags aber abgelehnt, aus allerlei Rücksichten. Rücksichten, die des schwachen Sinnes sind, so mir die Sinne nur verwirrten. Ich bin nämlich alles andere als rücksichtsvoll oder wie es einmal über Frank Sinatra hieß, ist mir, wenn überhaupt, die Rücksichtslosigkeit der Hochsensiblen zu eigen. Das ist aus der Zeit, als es noch feinste Plattenrückseitentexte gab. Solche, aus der Zeit meines Schwiegervaters bei Gruner&Jahr. Eine andere Zeit also. Zeit überhaupt. Zeit und Stern. Sternenkronen! Macher jenseits der Geschichte.

Doch fliehen wir zurück zur Verwesung unserer Menschenstunde hier und heute, in ein Deutschland, dessen Geist nach Pestilenzien giert. Wie es manchmal in der Natur der Wunder vorkommen kann, blüht ein knospiger Text, eine echte Stimme, ein einzelner Gottgeliebter auf, mitten im Gedärm der Masse zeichnet sich ein hauchzarter Atem ab, schreibt Schizoid Man und wirft ein leises, verführerisches und geistiges Blühglitzern über den weithin sich fressenden Pilz des Literaturbetriebs und seiner Massenmenschen, also dem Deutschen an sich, denn der Deutsche ist ein Massenmensch, und solche, mit persönlicher Kultur, sind äußerst selten. Mit dem Augenaufschlag des Juni ist mein neues Buch in diese Welt gekommen – Amadé, Sommer der Zauberflöte. Es gibt kein wahreres Buch über Mozart, denn seine Musik hat meine Hand geführt und wo seine Stirn gelehnt, da lehnte die meine. Parallel zu Schizoid Man zu veröffentlichen, schlug ich also aus, das Begehren aber blieb groß. In den Hallen des Rattengezüchts der Verlage und ihrer Schwestern im Gewande der Schlangen namens Presse und Kritik, bin ich seit meinem EMIL und schließlich mit 57 ganz in ihren billigsten Kerker gedrängt worden und ich wollte meinem neuen, kleinen, aber goldenen Verlag aus Süddeutschland nicht schaden, würde doch ein Vorwort zu Schwaerzel – der erst von linken unerlösten Faschisten und dann von rechten Schrumpfgermanen reich bekotet – die Lügen und Wunden über meine Person nur noch weiter aufreißen. Mein Verlag als ein Verlag nämlich, der sich nicht nach Links oder Rechts verhuret, sondern deutsche Schönheitsgeschichte in den Winkeln ihrer Mund- und Sehart bewahrt. Ich habe es mir nun anders überlegt, trotze meines geliebten Schillerns Rate, demnach das Schweigen des Meisters eigentlicher Stil ist, breche ich meine Stille, denn ich warte nicht auf die Axt besagten Viehs, das sich da nennet Feuilleton in seinem Mille-feuille der Saft- und Kraftlosigkeit, in seinem tausendblättrigen Eiter-Kolumnismus, seinem Hass auf sich selbst, seinem Grinsen. Bei Gott, dem besten Freunde meines Lebens, am schäbigsten ist ihr Grinsen.

Die Ära der Höflichkeit ist vorbei, Finsternis ist der Herr und Gott der Schöpfer und unser Vater hat sich abgewandt von uns. Heute, am 20. Juli, diesem Leichentag eines untoten Festleibes, will ich einmal aus der Schatulle der Wahrheit sprechen. Kein anderes Land fürchtet sich derart vor dem Wahren, wie dieses. Das Virus nach – entweder Links oder Rechts hin zusammen verklumpten Hirnen – ist nirgends so warm gebettet für neuen Virenlaich und kein anderes „Volk“ – schafft dieses Wort ab! – auf Erden hat die Anmut, die Unschuld, die Strenge und den Stolz des Menschen so geschändet, in Formen unbegreiflicher Vergewaltigungen der eigenen Seele; denn die weiße Folter ist die widerlichste, kann doch Geist nicht seinen Verletzungen erliegen, sondern nur durch Eintritt in Satans Legionen Gott verlassen: Dem Endziel unserer Geschichte, dem Verkauf des Menschen.

Zu den großen Lügen dieser lächerlichen Nation gehört ihre sogenannte Literatur. Pädophil anmutende Ressortleiter und kastrierte Analphabeten als Masturbateure einer Simulation, sind die gesteuerten Marionetten der Konzerne. In dieser unermesslichen Banalität liegt das eigentliche Verbrechen ihrer Macht. Ihre himmlische Muse ist der geschwungene Gürtel um ihren Verstand, sie sind Sklaven, sie werden geschändet und geschändet und geschändet werden sie, von der absoluten, überwältigenden, stinkenden Endlichkeit ihres Daseins. Ich habe endlich begriffen, dass es eines der letzten Geschenke Gottes an mich ist, dass sie mich von sich stoßen, dass sie mich – wie mir jetzt aus erster Quelle ein für alle Mal versichert wurde – verachten und unterdrücken, da, wo sie mich einmal nicht verreissen oder verleumden. Mein Vergehen? Aus Sprache wurde Wahrheit. Ich, gebürtig im einst liebeleuchtenden Afghanistan hochgewachsener Paschtunen und aufgewachsen in tausend deutschen Mosaiken, schrieb dem deutschen Massenmenschen Bücher davon, dass er nicht länger schwer sein und dass er nicht die Schuld von den Stolpersteinen eines jeden deportierten Juden lecken muss, da Geschichte nichts als ein Drehbuch ist. Ich versuchte, dem deutschen Massenmenschen zu erklären, dass es da ein Jahr gab – 1933 – und dass sich Menschen fanden in diesem Land, die eine Öffnung und Rettung zum Guten bestrebten – vorneweg der erste Chef der Gestapo, Rudolf Diels – und dass dieses Fenster, diese Chance und diese Empfänglichkeit von den Produzenten und Financiers der Politik rasch wieder verriegelt worden ist, damit das Gift der SS in die Köpfe sickern konnte. Unaufhaltbar von da an dies Volk dann, als Stier ohne Kopf.

Mit dem Einzug dieses Sommers jetzt bin ich von der Westermann-Gruppe in die Abiturvorbereitung der Schroedel-Reihe aufgenommen worden, in der die Schüler künftig im Rahmenthema Deutsche Literatur und Sprache von 1945 bis zur Gegenwart meinen Roman EMIL auf die Täterperspektive hin analysieren und als Quintessenz eine Mahnung (!) formulieren sollen, die mein Buch an sein Lesepublikum richtet. Ohne nicht im Kopf der Akteure zu sein, bleiben dem Menschen die Zusammenhänge ins Dunkel gehüllt. Genau dieses Verlies ist es, was das Gewurm braucht, um die Masse zu bewegen, um Freiheit zu beschneiden, Erkenntnis zu verstümmeln.

Wofür also benötige ich jemals noch den Daumen eines niederen Wesens aus Literaturkritik, das sich in Zeitungspapier Geltung zu verschaffen hofft und den doch nur die Schlussredaktion Satans erwartet? Jene, die dort ihren unterdrückten Griffel rühren, haben noch nie einen Text so veröffentlichen dürfen, wie er ihnen entsprungen und was ist jegliches Lektorat, das nach der Gestalt der Worte greift? Seelenverkauf vom und für den Massenmenschen. Ein, wie Schwaerzel sagen würde, Orgasmus aus Erleichterung ergreift mich in diesem Augenblick und es waschen mich die Wasser böcklinscher Klippen!

Von den pissfarbenen Vorderzähnen Himmlers schreibe ich in meinem EMIL, für die zu kurz Gekommenen unter den Kritikern und ihrer weiblichen Subalterne liest sich das aber so, als wäre ich in die Nazisau verliebt. Und die Sehnsucht nach einem doch bitte endlich verreckenden Preußen verdreht man Schwaerzel im Munde noch zum Gegenteil hin und ordnet ihn unter den Rechten ein. Mehr Niedertracht ist nicht möglich. Mehr Frechheit nicht machbar. Mehr Aberwitz aus des Teufels Küche nicht denkbar. Wenn Bosheit und Dummheit in einem Akt des Überabsurden sich erflechten.

Was ist Freiheit? Wenn du alles loslässt. Nur Gott kann dich erlösen. Nur Gott dich inspirieren. Nur Gott ist der Tempelhüter der Kunst. Du musst die Welt ausfiebern, im Blutschweiß deines eigenen Gewissens und keinen Tag und keinen Traum länger mehr dich entscheiden. Denn die Entscheidung selbst gebäret Zwietracht und Spaltung. Du musst dich nicht entscheiden und schon gar nicht für eine Seite, die nur die gespiegelte Fratze der anderen Seite ist. Sie werden nicht verstehen und sie werden fressen des andern Kinder. Sie werden nicht begreifen und sie werden es nicht erkennen. Vor allem werden sie weitermachen. Sie werden dir immerfort das Fremde als Gefahr verkaufen, weil ihre eigene Schande so gewaltig ist und sie werden sagen, der Muselmann, das ist ein Mörder von Geburt an und er verschlinget wie Saturn deine Töchter, nachdem er sie gequält. Sie werden dir weis machen, dass du endlich wählen und dich aufstellen musst, doch in der Wahl selbst entscheidest du dich gegen Gott. Du weißt, aus keinem Schoße Aphroditens schlüpfen Ungeheuer und kein Mensch ist böse von Anbeginn, sondern sie werden böse gemacht, in den tief sitzenden Programmen des linken und rechten MK-Ultras etwa, die wiederum zusammengeschnürt von einer Hand gelenkt werden, welche von einer nochmalen über ihr sitzenden Faust zerdrückt, die abermals von der kuppelartigen Kralle eines künstlichen Äthers bestimmt wird – oder wie das Bauernopfer Charles Manson sagen würde: „Ich bin euer Produkt.“ Sie alle erzeugen nur. Doch einzig Gott ist real in dir und eben diese Verbindung wollen sie kappen. Satans Legion, das ist der Westen. Er zieht aus, um verwunschene Länder zu zerreissen, ihre Wirklichkeit zu verzerren, ihre Würde folternd zu rauben, ihre Kränkung zu entfesseln, ihre Menschlichkeit zu brechen, ihre Herkunft zu verderben, ihre Wut zu benutzen gegen dich.

Ich bin am Meer. Hier sind wenige Leute, hier gibt es Steinmetze, die Grabsteine hauen, in umgebauten Scheunen leben und nach Muscheln und Sand riechen. Sie reichen einem die Hand, sie waschen sich in den Wellen, sie sind Kinder holder Inseln, auf denen sich stumme, romanische Kirchen rostbraun – die Farbe des Schizoid Albs – in die Gotik überbauen, dabei die Gott bedrängende Gotik doch eigentlich beherrschen und beruhigen und aus weich flüsternden Feldern in schöne, wunderbare Regenhimmel aufsteigen. Hier ist immer Sturm, der nach einem greift, Wassersaum und Wipfelsang! Ich lese Schwaerzel. Wieder. Diese Stimme, mit der er schreibt, sie ist so zart wie der Rand eines sich lösenden, samtreifen Rosenblütenblattes und das ganze Buch über seiltanzt man wie auf einer Schneide, die grausamer nicht sein könnte. Auch an Neuem schreibt er. Über den Krieg, über den Wind im Krieg . . .

Sinn. Sinn! Gebt mir Sinn! Gebt mir ein Was-auch-immer-istan. Gute Luft, das ist Literatur. Frisch wie der Duft der Minze, die sein schizoider Engel so mag. Und ich lese und raffe mir seine wundervollsten Passagen zum Fächer … wir sind eine Generation von Männern, die nie ein Tier erlegt hat, das größer ist als ein Marienkäfer, wir können keine Häuser bauen. Die Geschlechter haben einander nichts mehr zu bieten. Vielleicht gibt es deswegen immer mehr davon. Es muss einen Weg direkt zur Himmelfahrt geben, ohne einen verrottenden Körper zu hinterlassen. Tod ohne Leiche. Mein Handballen zerschlägt die Spendenkugel für die Hungertoten. Kunst muss sich nicht erklären. Kunst kann sich verschwenden, ohne betrauert zu werden. Durch irgendeine komische Fügung ist es aber absolut in Ordnung, dass nackte Kleinkinder in jeder Kirche des Westens zu sehen sind. Um das Himmelreich in uns zu befreien, braucht es eine Apokalypse. Etwas, das den Körper zerstört und den Geist befreit. Sie wollen nur ein Kind adoptieren, das ist alles. Sie zählt auf, was alles im Angebot ist – Flüchtlingskinder, Waisenkinder, Kinder mit Gendefekten, Klimaflüchtlinge, Drogenbabies, Kinder aus Zwangsehen, Kinder aus Vergewaltigungen, religiös verfolgte Kinder, Straßenkinder, Kinder, die aus dem Sudan geflüchtet sind, Kinder, die aus dem Südsudan geflüchtet sind, Kinder, die aus dem umstrittenen Gebiet zwischen Sudan und Südsudan geflüchtet sind. Natürlich gibt es in Afrika eine große Auswahl. Jetzt lernt er in einer Unterkunft Englisch und hofft, er kann irgendwann in einer Hochschule über Zellteilung lernen. Und es ist ja für einen guten Zweck. Ich weiß nicht, was genau der gute Zweck ist, aber es klingt, als hätte sie recht. Wenn schon nichts anderes, lenkt es sie für mindestens zehn Jahre davon ab, dass sie schon damals nur einen Sohn wollten, um ihre Ehe zu retten. Ich stehe in der Mitte der Bar und schreie. Was auch immer, Gott ist groß, es lebe die Arbeiterklasse, nieder mit Israel, nieder mit Palästina, es lebe das Geheime Deutschland. Was auch immer, spielt eigentlich keine Rolle . . .

Heimatloser Mensch Gottes, der du nicht vom Affen abstammst sondern aus Eden kommst, dahin dich kein krakeelender, rechter Schimpanse remigrieren kann, weil du in Gott wohnst. Lass die Rechten weiter deine Schicksalsbücher verdrecken, im schäbigen Vertrieb ihres angemaßten geistigen Vorrats. Lass die Masse weiterziehen nach Links und Rechts in ihr Entweder-Oder. Du aber, ziehe dich zurück. Es gibt Orte, Wege, es gibt dich. Sie werden weiter jagen und veröden und lenken und ablenken. Du kennst das Firmament, nun bereite dich mit Schillers Wort auf Räume vor, die sternenleer. Du wirst darob erschrecken und durch bestürzende Dunkelheiten gleiten. Du weißt längst, dass etwas kommen wird, weit zerstörerischer als alles je Gewesene und deine Träume des nachts haben Formen angenommen, die du dir nicht erklären kannst – schillersche Vorerinnerungen, wieder dieselben Bilder kommender Gewesenheiten, dein Bewusstsein, ausgestreut und ausgesandt in des Kosmos körperlosester Flügel fliehend. Lass die Linken Dünger sein den Rechten, lass die Rechten das linke Geld verzehren, das man ihnen im scheppernden Judas-Beutel vor die Füße wirft. Lass das alles verenden und verebben. Lass den drollig lieben Weltumarmern ihren Gutmenschen-Schund, ihre Farce und Umkehrung aller Dinge; lass sie in dem bunten Glauben, sie würden kleine schwarze Kinder retten, lass dem alten Weib die Auslebung ihrer Phantasie in F-dur, dass ein königliches wie kaputtes Kenia auf sie allein gewartet hat. Lass sie alle weiter auf dem Pfad ihrer Täuschung und Wirrung dahin irren. Lass ihnen ihre Märchen und die kolossalen Zitzen der Einbildung ihrer Ammen des Dadaismus, ihre gefälschte Geschichte und ihre bösen Großväter. Lass ihnen ihre Welt so, wie sie ist. Lass ihnen ihr Bier, gib ihnen mehr davon, gib ihnen alles. Besudle sie mit deiner Wahrheit und Liebe und du wirst sehen, dem guten linken Deutschen juckt die Peitsche der SA in der Hand, so du ihn nur ansatzweise dekonstruierst: Der 20. Juli ist tot – es lebe der 20. Juli!

Mariam Kühsel-Hussaini: Amadé. Sommer der Zauberflöte (Roman) – Hardcover, 248 Seiten, mit Schutzumschlag https://www.konrad-verlag.de/programm/titel/amade-sommer-der-zauberfloete.html

(Bild: Arwid Lagenpusch)

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