Lieber Gleichen,1
Die Trägheitswelle, die nach dem Krieg über ganz Europa zog,2 war um so berechtigter, als immer wieder eine Ursprache sich Gehör zu schaffen suchte, über deren gefährliche und andersartige Bedeutung kein Zweifel möglich war.3 Es schlägt zwei, es schlägt drei Uhr.4 Die Morgenröte der Revolution brach an und sie hieß Mussolini,5 sei es für den Sonnenstrahl, sei es gar für das eigene Lichterlebnis.6 Mussolini ist, kraß gesagt, ein aristokratischer Plebejer.7 Daß der verantwortliche Staatsmann offiziell die Handlungsweise des Dichters ablehnen mußte, war8 ungeheurlich, der Maßstab, den er jedoch nur gelegentlich bei seinen Untergebenen anlegt, gibt Zeugnis davon:9 Schließlich müssen auch die Moleküle des Farbfilms und die der Malerpalette identisch sein.10 Welchen Schutz fanden damals die Schützer des Vaterlandes bei den höchsten Staatsbehörden?11 Das einzige, was die Regierung tat, war ein Rundschreiben des Kriegsministers, worin ersucht wurde,12 daß jede Droge eine Formel enthält, die Zugang zu gewissen Welträtseln gewährt.13 Dies ist die überlegenste Art, es der liberalen Initiative zu entziehen.14
Der Vormarsch kann verlangsamt oder beschleunigt werden, aber es muss marschiert werden.15 Weder dem Schmerz entgehen, noch Euphorie genießen;16 Eine gewaltige und sanfte Kraft riß Mafarka vorwärts.17 Wenn er irgendwo Platz genommen hatte, kramte er feierlich aus seinen Taschen die Rauchutensilien heraus. Es waren zwei Pfeifen, ein Pfeifenstopfer, ein Pfeifenreiniger, ein Tabaksbeutel, die Streichhölzer und ein Tellerchen zur Aufnahme der Asche. Dies alles bereitete er umständlich vor sich aus, und erst wenn dies geschehen war, begann er sein Gespräch.18 Er hatte mir augenzwinkernd angekündigt:19 Eine GmbH sollte gegründet werden, in welcher20 sich eine Anzahl solcher Männer, die ein ganz privates Liebesleben führen, zusammentut, um sich gegenseitig im Lebenskampfe zu helfen, z. B. um juristische Erleichterungen zu erkämpfen21 wegen seines großzügigen Fahrraddiebstahls- und Vertriebsunternehmen.22
Auf eigene Faust konnten sie ein Unternehmen solcher Art nicht durchführen.23 Nirgends hat der Gegensatz unversöhnlichere Formen angenommen als in der faustischen Kultur, in der24 hinter Zuchthausgittern25 Symbol-Schöpfungen des Menschen die größte Bedeutung zukommt.26 Faust strebt aus dem Studierzimmer hinaus,27 wo er ständig „kulturbolschewistische“ Musik spielte.28 Man mußte auseinandergehen, das alte vertraute Haus verlassen und sich auf eigene Faust ein neues Heim gründen29 – große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten, neu und glänzend.30 Ich merkte, wie das Gebäude, das ich mühsam Stück für Stück aufgebaut hatte, kläglich zusammenbrach.31
Fassen wir zusammen:32 Der revolutionäre Mensch hat einen chaotischen Standpunkt, der ihn33 zur Perspektive an den Zeiträndern34 zwang.35 Die merkwürdigsten Gestalten in den „Außenseitergruppen“: Psychopathen, Provokateure und Ehrgeizlinge aller Abstufungen;36 Da ich nun wirklich angesichts ihrer Einladung meine Haltung als Antialkoholiker nicht mehr bewahren konnte, so trank ich mit.37 Wir schimpften gemeinsam auf […] den westlichen Feind und verzogen uns in ein chinesisches Gasthaus, wo wir uns mit heißem Reisweine trösteten.38 „Deutsche, trinkt nur deutsches Bier!“ sagte ich, „Deutsche, schießt nur auf Deutsche! Deutsche, schändet nur deutsche Frauen!“39 Es war ein trauriger und wundervoller Rausch40, hat sich leider als alkaloidfrei erwiesen.41
Wir waren zu plötzlich herausgerissen aus dem Strudel der tollen Wochen, die hinter uns lagen.42 Die Nacht zog herauf;43 Ich war in einem achtbettigen Schlafsaal der einzige Nichtjude – und anscheinend der einzige, der nicht einem Beruf nachging. Die „Berufe“ meiner Stubengenossen waren allerdings seltsamer Natur.44 Wirklichkeitsnäher45, Begriffsjongleur46, Bodenchemiker, Mechaniker und Volkswirtschaftler47. Der Mechaniker ließ ein schüchternes Lachen hören48 und sagte: „Wer nicht, wer noch?“ und spie in die Ecke.49 „Paß auf! Tritt nicht auf die Buchstaben!“50 Kurz, ein schweres, von der Philosophie noch nicht gelöstes Problem fiel mir auf die Seele.51 Man darf annehmen, dass jedes Jahr nicht weniger als dreihundert Millionen Vögel für die Frauenmode geopfert werden.52 Ist nicht dies der Traum aller intellektuellen Männer?53 Ist dies nicht eines der Geheimnisse der Liebe?54 Nun zum Heeresbericht Nummer 200, der am 1. Mai 1936 erschienen ist und folgenden Schlußsatz enthält:55 Weiß ich nichts von. Will ich auch gar nicht wissen. Hab‘ ich schon wieder vergessen.56 Aber warum erzähle ich euch diese absurden Dinge?57
Plötzlich erschien die Wahrheit – in Gestalt der Macht:58 Bei meinen politischen Studien stieß ich auf einen Begriff, den es bisher in Deutschland nicht gab. Er hieß59 HYPOPHUTURISTEN60. Die Richtlinien unserer Innenpolitik sind:61 Wechselschwingungen62, Arcanum63, Sturm gegen Gott64, Marsch auf Rom65 mit narkotischen Substanzen66, Bewegtheit des Tieres67, Gesundbeterei68, Sportpalast69, schöne Freizeitbeschäftigung70, Schlagwort-Montage der71 Gegenrenaissance72. Es würde uns den Kopf kosten, wenn man auch nur ahnte, von wem das Flugblatt ausgehe.73 Bei einem Diskussionsabend erhob sich ein Mann und sagte, als das Referat zu Ende war, mit den Armen weit ausholend: „Genug der Reden! Es bleibt nur eins: Bomben!“74 Dies war meine erste Ejakulation.75
In dieser Zuversicht
Moeller van den Bruck76
Rhizographie
Blüher 1920
Hans Blüher, Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert. 2. Bank. Familie und Männerbund, Jena 1920.
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Robert Brasillach, Uns aber liebt Paris, München 1953.
Bronnen 1954
Arnolt Bronnen, arnolt bronnen gibt zu protokoll. beiträge zur geschichte des modernen schriftstellers, Hamburg 1954.
Carli 1931
Mario Carli, Der Faschist. Ein Roman der neuen Aera von Mario Carli, Berlin 1931.
d’Annunzio 1997
Gabriele d’Annunzio, Das Opfer, München 1997.
Diel 1937
Louise Diel, Mussolini. Duce des Faschismus. Nach Dokumenten und Gesprächen von Louise Diel, Leipzig 1937.
Drieu la Rochelle 1986
Pierre Drieu la Rochelle, Geheimer Bericht. Und andere biographische Aufzeichnungen, München 1986.
Hielscher 1954
Friedrich Hielscher, Fünfzig Jahre unter Deutschen, Hamburg 1954.
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Albert Hofmann/Ernst Jünger, LSD. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, hg. von Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar 2013.
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Filippo Tommaso Marinetti, Mafarka der Futurist. Afrikanischer Roman, München 2004.
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Yukio Mishima, Geständnis einer Maske, Reinbek bei Hamburg 1985.
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Karl Otto Paetel, Reise ohne Uhrzeit. Autobiographie, Worms 1982.
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Luigi Russolo, Die Geräusche des Krieges. Mit einer Nachbemerkung von Johannes Ullmaier, in: Roger Behrens/Martin Büsser/Tine Plesch/Johannes Ullmaier (Hg.), Testcard #9. Pop und Krieg, Mainz 2000, S. 56 – 65.
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Ernst von Salomon, Die Geächteten, Berlin 1935.
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Margherita Sarfatti, Mussolini. Lebensgeschichte nach autobiographischen Unterlagen, Leipzig 1927.
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Alfred Schuler, Fragmente und Vorträge. Aus dem Nachlass, Leipzig 1940.
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Othmar Spann, Der wahre Staat. Vorlesungen über den Abbruch und Neubau der Gesellschaft, Jena 1931.
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- Sarfatti 1927: 259. ↩︎
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- Diel 1937: 90. ↩︎
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- Hielscher 1954: 259. ↩︎
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- Salomon 1935: 59. ↩︎
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- Brasillach 1953: 87. ↩︎
- Niekisch 1958: 127. ↩︎
- Jünger 1932/1982: 77. ↩︎
- Carli 1931: 92. ↩︎
- Salomon 1935: 25. ↩︎
- Mishima 1985: 40. ↩︎
- Schmitt 1950/2025: 9. ↩︎
- Klages 1937: 14. ↩︎
- d’Annunzio 1997: 57. ↩︎
- Mishima 1985: 53. ↩︎
- Diel 1937: 293. ↩︎
- Hielscher 1954: 170. ↩︎
- Marinetti 2004: 136. ↩︎
- Paetel 1982: 137. ↩︎
- Strasser 1969: 14. ↩︎
- Russolo 2000: 61. ↩︎
- Diel 1937: 69. ↩︎
- Schuler 1940: 231. ↩︎
- Schmitt 1950/2025: 75. ↩︎
- Bronnen 1954: 67. ↩︎
- Diel 1937: 68. ↩︎
- Jünger 1970: 226. ↩︎
- Klages 1937: 43. ↩︎
- Niekisch 1958: 22. ↩︎
- Paetel 1982: 14. ↩︎
- Marinetti 2004: 122. ↩︎
- Schmitt 1950/2025: 19. ↩︎
- Spann 1931: 3. ↩︎
- Niekisch 1958: 248. ↩︎
- Paetel 1982: 56. ↩︎
- Mishima 1985: 30. ↩︎
- Moeller van den Bruck 1931: 8. ↩︎