Es ist eine imperiale Erfahrung, Francis Fukuyama bei Ezra Klein, dem offizösen Podcast der Demokratischen Partei, zuzuhören. Wer dabei einen aufregenden Klang wahrnimmt, kann sich hier eines Besseren belehren lassen: Er findet seichte Selbstgerechtigkeit und einen nur mittleren Grad an Reflexion, welcher aber für das Zielpublikum sicherlich der richtige ist. Der Experte fordert es nicht heraus – sonst wäre er nicht eingeladen worden –, sondern erklärt mit ruhiger Stimme, komplexem Vokabular, doch einfacher Grammatik, was es unter variierender Lichtstufe bereits weiß, und gibt ein paar einfache Ableitungen.
Vielleicht gibt es Amerikas Kriege, weil ohne sie das Bewohnen des imperialen Penthouses allzu langweilig wäre. Tatsächlich hat Fukuyama schon 1989 in seinem berühmten Vortrag spekuliert, ob nicht die Langeweile im Ende der Geschichte ein eigentlicher Quell von Konflikten sein wird. Die imperiale Erfahrung ist das Fehlen eines ernstzunehmenden Anderen, und was die Langeweile verursacht, ist die Gewissheit der unüberbietbaren Überlegenheit der „liberalen Demokratie“.
Diese Erkenntnis bildet das Ende der Geschichte, nicht das Aufhören von Ereignissen, welche mannigfach eintreten, doch für diesen philosophischen Blick eine zweitklassige, bloß empirische Datenmasse bilden. Auch der etwaige reale Untergang der liberalen Demokratie, der den europäischen Eliten ihre hysterisch-phantastisch gepflegte raison d’être verleiht, steht bei Fukuyama nicht am Horizont: Gibt es doch keinen „globalen“ Herausforderer.
Man sollte nicht vergessen, wie eine Kette liberaler Eroberungen zuerst in Asien, dann in Europa den Exponenten der älteren Generationen die imperiale Teleologie plausibel gemacht hat. Der Zusammenbruch des Sowjetreichs durch destruktiv wirkende Reformversuche im Inneren wird von ihnen als Sieg im Kalten Krieg gedeutet, welcher der neoliberalen Revolution ihren verhängnisvollen Glorienschein geschenkt hat. Die Globalisierung als Desindustrialisierung folgte aus dem „Sieg“ und hat zugleich die Grundlagen des Imperiums zersetzt.
Doch alles dieses vollzieht sich hinter dem Rücken solcher legitimen Gespräche. Ohnehin habe ich schon genug über den realen Zerfall geschrieben – wie jeder heutzutage. Widmen wir uns lieber dem Sinn jenes Kriteriums, dass es einen weltweit relevanten ideologischen Herausforderer geben soll, dessen manifeste oder doch leicht zu beweisende Abwesenheit die Wahrheit des eigenen Glaubens belegt. Es geht aus einer Lesart des 20. Jahrhunderts als Zeitalter massiver ideologischer Auseinandersetzung hervor, deren globaler Charakter schon den bequemen Hinterausgang aus jeder konkreten Geographie und mithin der Wirklichkeit überhaupt bereitstellt – womit eine Handvoll philosophischer Abstraktionen mittlerer Tiefe, ergänzt um diese und jene anthropologische oder psychologische Allgemeinheit, sich in das Zentrum der Aufmerksamkeit stehlen kann.
Der Glaube an den Vorrang bewussten Meinens, an Geist, Wille, Subjekt ist zweifellos authentisch. Daher – und zu diesem obskuren, aber aufschlussreichen locus will ich nun kommen – erklärt sich die schlafwandlerische Präzision, mit welcher Fukuyama 1989 in einer Fußnote den Faschismus definiert:
„… ultra nationalist movement with universalistic pretensions – not universalistic with regard to its nationalism, of course, since the latter is exclusive by definition, but with regard to the movementʼs belief in its right to rule other people. Hence Imperial Japan would qualify as fascist while former strongman Stoessnerʼs Paraguay or Pinochetʼs Chile would not.“
Das entscheidende Kriterium ist also, ob ein Staat Amerika gehorcht oder nicht. Darum wird an anderer Stelle der mitnichten expansionistische Peronismus in Argentinien ebenfalls zum Faschismus gerechnet, welches denn darauf weist, was alle „faschistischen“ Staaten wirklich gemeinsam haben: Nicht einem von den westlichen Seemächten kontrollierten Welthandel ausgeliefert zu sein. Ausgenommen freilich die marxistisch-leninistischen Staaten, die eine eigene Kategorie bilden und mit welchen sich der Vortrag vorwiegend beschäftigt.
Doch der Somnambulismus der Macht, jedenfalls in ihrer spätneuzeitlichen Gestalt, vermag nichts davon zu erkennen. Das Subjekt will eben nur sich selbst kennen, deswegen kennt es nur die subjektmäßige Tätigkeit des bewussten Meinens. Und wenn es hier auch scheinbar eine Pluralität von Subjekten gibt, dann doch nur, um die Überwindung des Irrtums durch die Wahrheit in einer Erzählung durchzuspielen. Seinem metaphysischen Kern nach unterscheidet sich eine solche Haltung nicht von jenen, laut welchen alles ein „Konstrukt“ ist, jeder das ist, wofür er sich hält usw. Die Frage ist nur, wie geschickt und trügerisch die Maske der reinen, abstrakten Identität ist – mit welcher Maske wir der Differenz entgehen wollen: Und das heißt der Zeit und der Wirklichkeit, dem Raum und dem Schicksal. Wo sich dieses Seinsgeschick als Politik manifestiert, führt es den Westen überall ins Scheitern, weil er die Gegner nirgends als Realität mit Eigensubstanz erkennt, sondern sie von Grund auf nach den eigenen Bedürfnissen imaginiert und also für eine Fotografie hält, was man eher abstrakten Expressionismus nennen sollte.
Und in moralpsychologische Begriffe gefasst, lässt sich sagen, dass kalte Eitelkeit der organisierende Instinkt der Epoche ist. Dazu gehört auch eine bestimmte Form der Angst, die vor der Entlarvung, die auch zum fieberhaften Handeln treibt – jedoch nicht zum wirksamen.
Fukuyamas zurückhaltendes Temperament gibt all dem dennoch einen edel-konservativen Anstrich, wie sein deutsch-europäischer Ideenvorrat dem Imperium intellektuelle Patina verleiht. Gerade dadurch werden jedoch die Eliten in eine unsichtbare, aber desto schicksalsträchtigere Finsternis gekettet, die alle Weltenbrände unserer Zeit noch verdichten statt erhellen.