Der Spion und der einsame Vogel

Zwischen einem geheimen Auftrag und einem Glas Cognac entwickelt sich in einer Kölner Bar eine stille Begegnung, die Beobachtungsgabe, Ironie und menschliche Einsamkeit auf überraschende Weise verbindet.

„Bei all den klugen Köpfen und den Erfahrungen dieser Menschen müsste doch alles funktionieren. Zumindest im Großen und Ganzen. Konflikte, Reibung – ja, auch sie haben ihren Platz. Aber ein erkennbarer Fortschritt sollte doch möglich sein. Ein Rückschritt hingegen, ein echtes Zurückfallen – das ist kein gutes Zeichen. In der Natur bedeutet es das Aussterben einer Art. Oder liege ich da falsch?“

Der Mann zu meiner Rechten schwafelte vor sich hin. Drittes Glas Cognac. Zweite Zigarette. Einer von unzähligen Abenden in dieser Bar in Deutz – auf der falschen Seite des Rheins, wie die Kölner sagten. Ich wollte nach Bonn, aber ich musste warten. Ein Auftrag.

Ich wartete schon eine geraume Zeit, trank selbst einen Cognac und fühlte mich als Adressat gegen meinen Willen missbraucht. Ob die Welt in Ordnung sei, darüber wollte ich mir keine Gedanken machen. Ich hatte einen Job zu erfüllen – und der hatte seine Legitimation, weil die Welt eben nicht in Ordnung war.

Ich nahm einen kräftigen Schluck aus meinem Glas und steckte mir eine Zigarette an. Während meinem Nachbarn der Roth-Händle-Tabak an den Lippen klebte, zog ich an meiner HB.

Ich ließ den Rausch ein wenig zu. Ein angenehmer Nebel entspannte mein ständig aufmerksames System. Heute war die Arbeit nur, eine Akte entgegenzunehmen. Ich musste sie nicht selbst beschaffen, ich musste nicht jeden einzelnen Schritt planen und nicht jede Mimik berechnen.

Mit dem Nebel stieg wieder der Gedanke auf, ob die Welt in Ordnung sei.

Wieso hatte mir der Vogel nebenan jetzt diese Idee in den Kopf gesetzt?!

Das war das Problem an einzelnen Bar-Besuchern. Sie taten, als wären sie allein, und nutzten willkürlich alles und jeden als Adressaten und Publikum. Mein Kopf berechnete automatisch Lösungswege und entwickelte Antworten – das tat ich tagsüber und auch nachts. Und der liebe Herr Vogel neben mir raubte mir nun auch die letzte ruhige, berauschte Pause.

Ich drehte mich zu ihm um, mein Ledermantel quietschte dumpf beim Reiben über den lackierten Holztresen. Als ich den Typen sah – seinen glasigen Blick und die Tabakbrösel am Mund –, drehte ich mich wieder quietschend zurück.

Was wollte ich ihm denn sagen? Etwa: Es ist alles in Ordnung mit dieser Welt, alles hat seinen Platz. Oder sollte ich Gott mit einbeziehen? Gott beruhigt ungemein und ist eine allgemeine Antwort auf alles. Nur lösen würde es das Problem dieses armen Vogels auch nicht.

Es ging ihm ja nicht wirklich um die Welt. Es war sein eigenes Problem. Beim dritten Glas Cognac und diesem philosophischen Geschwafel vermutete ich einen Beamten in unglücklicher Ehe. Manchmal liegen die Antworten so nah – und oft sind es immer die gleichen Figuren, die sich über die Welt beschweren. Sie sehen sich sogar ähnlich, tragen ähnliche Kleidung, benutzen die gleichen Geldanlagen, sind stets höflich und unglaublich gut darin, „Entschuldigung“, „Danke“ und „Bitte“ zu sagen.

Der einsame Mann neben mir stand auf und wankte – nur leicht. Er wollte sicherlich zur Toilette. In dem Moment kam hinter ihm ein neuer Gast vorbei – vermutlich ebenfalls zur Toilette – und streifte den einsamen Vogel. Der sagte: „Entschuldigung.“

Ich musste leicht schmunzeln. Hatte ich es nicht gesagt?

Er verschwand in der hintersten Raumtiefe aus meinem Blickfeld.

Ich wettete, der Mann hatte mindestens zwei Versicherungen zu viel und hielt Aktien, die unbrauchbar waren. Auch mindestens zwei zu viel.

Dort, wo ich aufgewachsen bin, waren wir draußen unter Jungs. Wir haben uns gegenseitig erzogen, in der Natur – also wusste ich echte von realitätsfernen Problemen zu unterscheiden. Person Vogel zeigte typische Merkmale eines Stadtjungen.

Ich winkte den Barmann zu mir.

„Zahlen.“

Er nickte und kam mit seinem schwarzen Portemonnaie auf mich zu, als würde er einen Ziegel tragen.

Ich gab ihm zehn Mark. „Stimmt so.“ Er nickte dankend und ging wieder in die hinterste Ecke zur Zapfanlage.

Währenddessen sah ich aus dem Augenwinkel, dass sich Person Vogel näherte. Er nahm wieder am Tresen Platz.

Ich drehte mich zu ihm, meine Jacke machte dabei gummiartige Geräusche. Jetzt sah er noch weniger besser aus als vor zehn Minuten. Aber die Tabakbrösel waren verschwunden. Dann drehte ich mich quietschend wieder in meine Ausgangsposition.

Ja, verdammt! Was sollte ich jetzt mit dem armen Kerl machen?! Gott war nicht der richtige Adressat – er brauchte etwas Praktischeres… er brauchte die Filialleiter Gottes.

Hinter Person Vogel tauchte wieder der neue Gast auf, der vorhin ebenfalls Richtung Toilette verschwunden war, und gab mir ein Zeichen: kaum sichtbar, beim Vorbeigehen, zwei Finger auf Hüfthöhe. Alles klar – zweite Kabine. Ich nahm eine Münze aus meiner Tasche, um das Abteil von außen zu entsperren, ließ meinen Arm mit einem Quietschgeräusch vom Tresen gleiten, trank den letzten Schluck und ging an dem einsamen Vogel vorbei. Ich hielt kurz an und drehte mich ein letztes Mal zu ihm:

„Machen Sie einen Rhetorikkurs“, sagte ich. „Und überdenken Sie Ihre Kapitalanlage.“

Ich holte die Konstruktionspläne und machte mich auf nach Bonn.

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