Psychische Utopien

Damit stellt (2) Aufgabe (2) im doppelten Sinne einen Gegenentwurf zu Unicorn House dar: Während letzterer die hedonistische Drogenkultur als totalitär entlarvte, eröffnet ersterer die Möglichkeit eines revolutionären Konsums; und während letzterer einen Frieden innerhalb des Menschen propagiert, propagiert ersterer eine(n) Frieden(staube) zwischen den Menschen.

Im Jahr 2020 wurde Amro El-Tetawy für seine Angezeigt-von-Haneke-Trilogie von Haneke angezeigt (lool) – eine Trilogie, die sich aus 1. Aufgabe, Aufgabe 2 und Unicorn House konstituiert. Da ihr das anzeigebegründende Hakenkreuz fehlt, tritt Aufgabe 2 im Diskurs jedoch allzu oft in den Hintergrund.

Der Film begleitet eine Drogenkonsumentin durch Wien; El-Tetawy selbst tritt darin als chinesischer Krieger mit Katana, Nunchakus und Mikrofon auf.

Die Protagonistin kleidet sich in ein Affenkostüm, wird mit einer dunklen weißen Taube gekrönt und zieht drugs, ehe Donald Trump ein schwarzes Baby mit einem Hammer attackiert – während sich das Interview einer weiteren Konsumentin halbtransparent über ihn legt. Trump ist das Hakenkreuz der 2. Aufgabe: Läßt sich Unicorn House als Plädoyer für den Frieden zwischen (Über-)Ich und Es lesen, so müssen wir Aufgabe 2 als Plädoyer für das Blackfacing verstehen.

Sieg den Drogen(konsumenten)

Unter Nixon und Reagan entwickelte sich der War on Drugs zu einem formal-egalitären Justizsystem. Anders als in Unicorn House werden Drogen darin nicht als Figuren mit Figurenrechten behandelt, sondern als bloße Substanzen – mit der Folge einer Substanzdiskriminierung, die auf die Konsumenten übergreift: Crack cocaine und powder cocaine sind chemisch beinahe identisch, doch werden Crack-Delikte mit schwarzen Bevölkerungsgruppen assoziiert und entsprechend härter bestraft.

Donald Trump, der Reagans Erbe zu weiten Teilen übernahm, erscheint im Kontext der 2. Aufgabe als Symbol einer explizit repressiven und implizit rassistischen Drogenpolitik – einer Politik, die an foucaultschen Machtphantasien festhält, anstatt sich, wie Musk, jenen deleuzeianischen Kontrollmechanismen zu öffnen, für die Drogen so prädestiniert sind. Wieso sie schließlich verbieten, wenn man ebensogut Sucht generieren kann?

Gewalt am Bildschirm, Hoffnung im Blackface

Trumps Attacke auf das schwarze Baby erschließt sich nunmehr als politisch-juristischer Angriff: Die Schläge des Richterhammers treffen die Unschuldigen und Wehrlosen, während die weiße Konsumentin schlafend in die Kamera lacht und das Volk zum Drogengenuss animiert.

bzw.

Die parabolische Dimension dieser Szene wird durch ihre Künstlichkeit noch unterstrichen: Plastikpuppe und Gummimaske fungieren als hyperreale Signifikanten, die durch das back light weiter zur bloßen Projektionsfläche abstrahiert werden. Schließlich tritt El-Tetawy (augenscheinlich high af) wieder selbst ins Bild und gesellt sich zur Konsumentin vor die drei Kreuze an der Straße zum Friedhof Golgothas.

Der Wurf des Babys in die Kamera – zur Zerstörung des Films – offenbart die vierte Wand als eisernen Vorhang aus Bedeutung und Licht. Im Übergang des Bildes in die schwarze Kinderleiche wird der Bildschirm selbst als politisch durchzogenes (Schlacht-)Feld bewußt: Gewehr und Filmrolle, links und rechts von Trumps Schultern plaziert, markieren die Dialektik materieller und memetischer Kriegsführung. Insofern kann die 2. Aufgabe auch als dritter Teil einer anderen, inoffiziellen Trilogie begriffen werden, die sich ansonsten aus Kubricks 2001 und John Smiths The Black Tower ergibt. Was alle drei Filme eint, ist ihre Ununterscheidbarkeit von Schwarzblende und Close-up, von 0 und 1: Bei Kubrick ist die Schwarzblende zugleich ein Close-up des Monolithen, der sinnbildlich für das Kino und die Überwindung des Menschen(-Affen) steht; bei Smith ist sie zugleich der Turm, der für den Tod steht; bei El-Tetawy schließlich ist sie das tote Kind, das für jene allgegenwärtige Macht steht, die sich nicht mehr von ihrer eigenen Abwesenheit unterscheiden läßt. Nicht Trump also ist das Hakenkreuz, sondern dessen Verschwinden in der Schwarzblende.

Diesem Symbolismus folgend wird nunmehr auch die penultimate Szene verständlich: Die Protagonistin kleidet sich in Affenkunstpelz, um sich in Niggahaut zu versetzen, und wird für dieses woke Blackfacing mit einer dunklen Hoffnung und weißer Linie ausgezeichnet. In deren Licht erscheint El-Tetawy nicht länger als chinesischer Krieger, sondern als Krieger eines Kinos der kulturellen wie genetischen Appropriation – zum Zwecke der Identifikation und Solidarisierung.

Damit stellt (2) Aufgabe (2) im doppelten Sinne einen Gegenentwurf zu Unicorn House dar: Während letzterer die hedonistische Drogenkultur als totalitär entlarvte, eröffnet ersterer die Möglichkeit eines revolutionären Konsums; und während letzterer einen Frieden innerhalb des Menschen propagiert, propagiert ersterer eine(n) Frieden(staube) zwischen den Menschen.

Weitere Beiträge

Über die Darstellung D'Annunzios und seiner Legionäre in Bezinovićs Dokudrama "Fiume o morte!".
Dieter Wellershoff und die Selbstbehauptung des Realismus gegen Moral und Politik.
WATER WOMB WORLD GAME REVIEW
Ein Überblick über die Symbole, denen sich die Künstler bei Darstellungen der Reinkarnation bedienen.
Vorstellung vierer der prägendsten Köpfe des russischen Futurismus und ihrer Methoden.
Seibt schrieb keine Goethe-Biographie, wohl aber lernt man Goethe in diesem Buch kennen, vermutlich in einer Breite, wie es kein anderes Buch in diesem Umfang schafft.
COSTAE SPURIAE
Warum Kunstakademien nicht existieren.

Beiträge anderer Kategorien

Jede Macht, die fähig ist, sich nach außen zu dehnen, beginnt sich zu strecken und Raum einzunehmen. Rom dehnte sich nach außen. England dehnte sich nach außen. Amerika dehnt sich nach außen — bis heute, über Technologie, über Kapital, über Militär. Was aber geschieht, wenn der Druck nicht nach außen
Der Anspruch bleibt: Vom Ersten zur Unendlichkeit, ohne je das Zweite berührt zu haben.
Wie wiegt mich heute so mild das entschlummernde land | Wie fühl ich sanft um mich des abends frieden! - Mariam Kühsel-Hussaini zum XX.VII.
Am siebten Juli wird in jedem neu zugelassenen Auto eine Kamera Pflicht. Sie sitzt dir gegenüber. Sie schaut dir in die Augen. Offiziell prüft sie, ob du müde bist — Advanced Driver Distraction Warning. Ein staatlich vorgeschriebenes Auge, das – einmal verbaut – bleibt. Außer Frodo wirft den Ring in
Die Dekonstruktion einer deformierten Psyche
Die Dokumentation „Overgames“ eröffnet eine geschärfte Sichtweise auf Reeducation, Moderne und die deutsche Identität.
Every true renaissance begins not with machines, but with the rediscovery of man.
Wo Kultur fehlt, bleibt selbst politischer Erfolg ohne dauerhafte Wirkung.