Der Uhrmacher

Meine Versuche sind meistens, muss ich sagen, schon im Voraus nutzlos, aber das ist nicht der eigentliche Zweck, sagt mein Chef. Wir können nur für das Versuchen verantwortlich sein.

Seit zwanzig Jahren bin ich in diesem Hotel als Uhrmacher tätig. Ich repariere die vielen Uhren, die es im Hotel gibt. Das ist meine Aufgabe. Ich bin ein Jude aus der Schweiz, und da ich schon so lange hier bin, vergesse ich manchmal mein Deutsch. Ich entschuldige mich schon im Voraus, falls ich sprachliche Fehler mache. Stattdessen versuche ich, einfaches, kinderhaftes, alltägliches Deutsch zu benutzen.

Da ich eine lange Nase und einige andere semitische Eigenschaften habe – meine Haut ist außergewöhnlich dunkel –, denken die Leute hier manchmal, dass ich ein hellhäutiger Inder aus dem Norden bin. Mein Hindustani ist ziemlich gut, denn ich bin ein guter Schauspieler, der die Wörter einer Fremdsprache manchmal besser als die Muttersprachler aussprechen kann. Mein Alltag besteht aus Kleinigkeiten, so wie den Teilen der Uhren. Ich bin unverheiratet und bin allein in einem fremden Land alt geworden.

Ich weiß nicht mehr genau, warum unser Hotel so viele Uhren hat. Vielleicht wollte der Chef, dass jeder pünktlich ist. Unser Hotel liegt am Gipfel eines Berges, eigentlich das beste Klima für Uhren. Sie brauchen die Kälte.

Der Chef hat schon vor einigen Jahren entschieden, dass, sobald die Uhren zu ticken aufhören, das Hotel schließen wird. Das könnte bald passieren, denn die Uhren sind meistens Antiquitäten. Falls das Hotel schließt, muss ich auch weg. Wenn man sein ganzes einsames Leben in einem Hotel verbracht hat, kann man sich diese Einsamkeit nirgendwo anders vorstellen.

In einem Hotel fühlt man sich aber nie ganz allein. Auch an Feiertagen, wenn man nicht arbeiten darf, kann man in der Lobby mit dem Portier oder einer hübschen Kellnerin plaudern oder einfach eleganten Gästen die Uhren zeigen. Ich spreche mit fast allen auf Hindustani. Wir sind in Landour, einer kleinen alten Ecke in Mussoorie, die sich mit dem Laufe der Zeit nicht gewandelt hat.

Die beste Zeit im Hotel ist der Winter, weil es dann nur das Ticktack der Uhren gibt; wenige Gäste besuchen uns im Winter. Ich könnte auch auf Englisch schreiben; es ist sogar meine eigentliche Muttersprache geworden. Der Grund, warum ich nun auf Deutsch schreibe, ist jedoch mit dem Wunsch verbunden, wieder ein schweizerisches Kind zu sein – aus einer gemütlichen Schweiz, die ganz bettelarm ist.

Ein Mann, der fast die ganze Zeit mit Uhren verbringt, denkt eigentlich mehr an Raum. Dazu verbringe ich fast jeden Sabbat im Hotel, denn Juden dürfen am Sabbat nicht hinausgehen. Sie müssen in ihren Eruvin, ihren Ecken, bleiben. Ich mag den Sabbat sehr, denn er erlaubt mir, nichts zu tun; selbst den Knopf des Aufzugs drückt der Liftboy.

Es ist ein stilles Leben hier, und ich, der Schweizer, mag die Ruhe, was ehrlich gestanden eine Krankheit ist – die Ruhe so sehr zu lieben. Unten am Marktplatz ist alles los, und obwohl ich hier schon so lange bin, habe ich mich an diesen Lärm noch nicht gewöhnt.

Die Gäste hier sind normalerweise freundlich zu mir; ich selbst bin der Freundlichste. Da ich so viel zu verstecken habe – auch das Schicksal eines vorherigen Lebens –, muss ich wenigstens eine angenehme Oberfläche zeigen. Eigentlich ist es für mich selbst, damit ich mich in einer kleinen Ecke der großen Welt ganz zu Hause fühlen kann. Das ist vielleicht der eigentliche Zweck: sich immer – wenn möglich – in der Welt zu Hause zu fühlen.

Leicht erreiche ich mein Ziel hier in diesem Hotel als Uhrmacher, auch wenn es manchmal einsam sein kann. Mit Frau und Kindern würde ich vielleicht nie die Gelegenheit haben, meinen eigenen Sabbat zu feiern, selbst wenn ich eine schöne Jüdin geheiratet hätte. Denn sie hätte natürlich ihre eigenen festen Rituale und würde meine vielleicht nicht verstehen können. Deswegen habe ich vor vielen Jahren entschieden, mich selbst von meiner Heimat zu entfernen, damit ich anderen sagen könnte, ich käme aus der Schweiz.

Das Hotel ist ein alter ehemaliger Palast; die Uhren sind aber älter als das Gebäude. Der Chef mag es, Uhren zu sammeln, besonders diejenigen, die nicht funktionieren. Die Säle des Palastes sind breit, und es gibt einen Hof in der Mitte des Gebäudes. Da das Gebäude so groß ist, gibt es auch Ecken, die ich nicht gut kenne. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich hier allein bin.

Endlich habe ich heute eine Aufgabe: eine uralte Uhr zu reparieren, eine Aufgabe, die eigentlich unmöglich ist. Auf jeden Fall muss ich es versuchen, sagt mein Chef, und dieser Versuch muss sichtbar sein. Die Gäste sollen mich bei der Reparatur sehen, sie sollen meine Körperanstrengungen sehen können. Deswegen repariere ich nur Uhren, die in den Hauptsälen und Korridoren hängen, und nicht die, die ganz versteckt im Hinterhof bleiben. Meine Versuche sind meistens, muss ich sagen, schon im Voraus nutzlos, aber das ist nicht der eigentliche Zweck, sagt mein Chef. Wir können nur für das Versuchen verantwortlich sein.

Wieder ein schweizerisches Kind zu sein bedeutet natürlich eine besondere Beziehung zur Sprache. Ich weiß, dass mein begrenztes Deutsch mir nur erlaubt, über Kleinigkeiten zu schreiben. Wie die Teile der Uhren. Dies ist eine Geschichte, die nur auftaucht, wenn es keine großen Dinge gibt, über die es sich zu schreiben lohnt.

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