Notiz zu den Karlstagen

Eine kurze Bestandsaufnahme und LARP-Apologetik.

Der geneigte Besucher der Karlstage stellt frohlockend fest, dass er – im starken Kontrast zu jedweder akademisch-institutionellen, „„intellektuellen““ Vorlesungsreihe – sich den Saal mit jungen Männern teilt, denen das Vorgetragene nahegeht, deren Gespräche eine Heterogenität, bisweilen eine Unverbrauchtheit aufweisen, von der universitäre Äquivalente nur träumen können. 

Das Wissen darum, dass es den Karlstagen und seiner Peripherie weder an Leuten noch an Ideen, sehr wohl aber an finanziellen Ressourcen ergo tatsächlicher Machtmittel mangelt, um großskalig Normiehirne in Form zu bringen, scheint den dortigen Diskurs in eine eigentümliche Situation manövriert zu haben: auf theoretischer Ebene kann sich die high openness crowd esoterische Exkurse – mal mehr, mal weniger vulgär – leisten, während pragmatisch nur gesagt werden kann, dass es bessere Zeiten geben wird und man bis dahin halt irgendwie abwarten müsse. Organisatoren und Sprecher der Karlstage sind allesamt intelligent genug, um zu verstehen, dass das Ende Europas in seiner jetzigen Form zu prognostizieren der Haltung gleicht, einem unliebsamen Mann seinen früher oder später eintreffenden Tod weiszusagen. 

»RESHAPING EUROPE« – – – Was ist Form? Die Surrealisten haben erkannt, dass Form nichts anderes ist als das Ergebnis eines inquisitorischen Prozesses der Materie in Reaktion auf den Zwang, den der Raum auf sie ausübt. Betrachtet man die ganze Menschenmasse auf den Karlstagen, ist sie sicher mehr dem Zwang ausgesetzte Materie als zwingender Raum. Der politische Raum, alles an Institution, alles an Langhaus übt mehr Macht auf den Rechten aus als umgekehrt. Das hat zweierlei Konsequenzen:

Einerseits ist alles rechts der CDU von der politischen Umwelt über Jahrzehnte hinweg in einen konstanten Zustand der Selbstbeobachtung, der Selbstkastration gezwungen worden. Die Rechte wurde über Jahrzehnte hinweg dahingehend subjektiviert, unter keinen Umständen „Angriffsfläche“ zu bieten, sich durchgehend selbst bezüglich „optics“ und „fedposting“ zu überwachen. Das stellt eine Notwendigkeit mit durchaus auch positiven Nebeneffekten dar. Gleichzeitig lässt sich in weiten Teilen der Rechten weltanschauliches Etiolement beobachten: Im Dunkeln sprießen Ideen instabiler, schneller. Die Ohnmacht erlaubt es, in einer Radikalität zu denken, zu der ein regierender Hegemon nie gelangen würde. Die Spannung, die durch diese Diskrepanz entsteht, muss begriffen und utilisiert werden.

Hier kommt LARP ins Spiel, der selbstverständlich nur potent sein kann, insofern er luzid ist. Die Formgebung der Gegenwart findet sich nicht in einer hegemonialen Rechten, die Europa gestaltet; dazu hat sie noch lange nicht die Ressourcen, aber zu FORMEN gilt es trotzdem, und zwar die eigenen Reihen, den Gesetzgeber der Zukunft. LARP als angewandte Hyperaxiologie. Den Begriff LARP als Anschuldigung auszusprechen heißt: Politik als nüchterne Angelegenheit misszuverstehen, aber Politik ist seit jeher ein Spiel, ein albernes Spiel obendrein. In diesem Sinne drei Vorschläge meinerseits für größenwahnsinnigere Karlstage, aufsteigend sortiert nach Lächerlichkeit (Lächerlichkeit, die ich bis zu einem gewissen Grad für notwendig halte und die, was man zugestehen muss, bis zu einem gewissen Grad bereits ohne Implementation dieser Methoden schon gegeben ist):


  1. Die Leute müssen während der Vorträge stehen. Wer sich sitzend berieseln lassen will, soll ins Kino. Der stehende Mensch hört anders zu; man spricht anders zu stehenden Menschen. Stehende Menschenmasse für virilere Atmosphäre.

  2. Uniformere Kleidung, womöglich ein vorgeschriebenes Farbschema. Antlitz vereinheitlichen.

  3. Samstagabend ein Tieropfer, z.B. ein Lamm. Alternativ kann ein Spanferkel über dem Feuer gebraten werden. 


Im Übrigen hat neben dem LARP auch die Dankbarkeit, die der Autor des Textes für die faszinierenden und unterhaltsamen Gespräche, die er über das Wochenende mit den Anwesenden zu führen die Ehre hatte, keine Grenzen!

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