Das Amitabha Sutra

Und wie das treffende Wort über die Gesamtlage („gefickt zu sein“) schon andeutet, ist das „Ja“ zum Leben nie wirklich verhandelbar und noch weniger einvernehmlich.

Ein Mann der Mosuo bereitet, wie jeder weiß, traditionell nur anlässlich des Todes, auf einer Beerdigung, eine Mahlzeit zu. Und es ist auch nur dieser Anlass, vom Neujahrsfest abgesehen, an dem er seinem Vater begegnet.

Kuzuo wusste nichts mit ihnen anzufangen: mit den sich unter dem heißen Öl kräuselnden und biegenden Schweinehäuten und den sich hilflos in der Brühe windenden Frühlingszwiebeln und Teigtaschen. Weniger noch mit sich selbst, und das über den ganzen Vormittag, an dem er dazu genötigt war, in der Küche behilflich zu sein. Davon war es, wie bei den meisten Dingen, am besten, sich nichts anmerken zu lassen, besonders wenn seine Großmutter immer wieder über die Stunden hinweg drohend, mit einer Tasse Milchtee in den Händen, den Fortschritt der Vorbereitungen überprüfte. Obwohl ihr – ohne ihr Mitwissen versteht sich, nur hinter ihrem Rücken – schon seit Jahren nahegelegt worden war, einen Teil ihrer Verantwortung als Familienoberhaupt abzugeben, gab es überhaupt nur wenige Menschen, die Kuzuo so jung erschienen, wenn man mit Jugend eben nichts anderes als eine gewaltsame Behauptung von Leben im Gesicht einer Frau meint.

Die meisten Männer in der Küche hingegen waren alte Männer; sie rochen nach gerunzelter Haut und Schweiß, und er war sicher, das Kochen bald auf immer mehr Beerdigungen lernen zu können. Die Beerdigung war auch der erste Anlass, an dem er einen Lama zu sehen bekam, in seiner Seidenrobe und mit einem Gesicht voller Lachfalten. Er roch nach Parfüm, nach ausländischem Parfüm, und er rezitierte ein Sutra über das reine Land eines Buddhas, und dass jede Seele, die darüber andächtig wäre, sich nach ihrer Wiedergeburt dorthin sehnen würde. Zwar stammte der Lama, wie er hörte, ebenfalls aus dem Dorf, er hatte aber im Ausland studiert und kam nur zu besonderen Riten, wie heute zum Begräbnis von Kuzuos Mutter. Anders als die Wiedergeburt – da er sich ja durchaus vorstellen konnte, sich irgendwann an seine eigene Geburt zu erinnern – war der Umstand des Todes so fremd, dass ihm auch seine eigene Trauer falsch und aufgesetzt vorkam. Daher war auch die gesamte Zeremonie etwas, bei dem er sich ohne Ablenkung den etwas stotternd rezitierten Sutren, den neuen oder selten gesehenen Gesichtern oder den Musikaufführungen hingeben konnte.

Wieder besuchte seine Großmutter ungeduldig die Küche, und er konnte sich nur alle Mühe geben, beschäftigt zu erscheinen. Schon seit Jahren beschwerte sie sich über die Faulheit der jungen Leute beim Kindermachen, wofür sie die zugewanderten Han verantwortlich machte: „Für die die Monogamie ja fast wie ein heiliges Mantra ist.“ Aber es versteht sich, dass auch Kuzuo faul im Kindermachen war. Zwar hatte er vor wenigen Wochen geglaubt, ein Mädchen geschwängert zu haben, was jedoch, abgesehen von der offensichtlichen Panik, in die ihn der Gedanke brachte, ergebnislos blieb. Sie hatte ihm für einige Wochen verboten, sie zu sehen, was für ihn auf eine heimliche Abtreibung hindeutete. Für solche Sachen geht man, wie jeder weiß, auch am besten zu den Männern, um nicht Gegenstand der Gerüchte der Frauen im Dorf zu werden.

Gäbe es ein Wort für die Erleichterung, die man bei dem schleichenden Verdacht auf eine Abtreibung empfindet, wäre es sicher nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen. Seine Beziehung zumindest hatte diese wortlose Empfindung beendet. Und auch wenn er anfing, sich mit der Pflicht in der Küche zu arrangieren, und auch wenn der Tod seiner Mutter selbst noch immer nur in einer fremden Sprache zu ihm zu sprechen schien, war es zumindest in diesem Dorf lästig und unfruchtbar, sich mit diesen Sachen beschäftigen zu müssen. Wie mit allen Sachen, dachte er sich, die sich die Fantasie nicht vorstellen kann.

Aber dann wiederum war es kaum anregender, sich vorzustellen, nach der Beerdigung dann doch wieder auf die Suche nach einer neuen Frau zu machen und dieses Mal tatsächlich ein Kind zu zeugen. Das war zwar beinahe bildhaft vorstellbar, und bei den ganzen jungen Gästen heute wäre es ein perfekter Anlass, aber auch wenn er sich vorstellen konnte, sich an seine eigene Geburt zu erinnern, war es keine anregende Vorstellung. Aber dann gibt es ja wenigstens noch das billige Ice von dem Touristen aus Myanmar, der seit einem halben Jahr in demselben Hotelzimmer im Dorf wohnt. Der mit dem Polyesteranzug, der so billig aussieht, dass er fast wie ein Spiegel glänzt. Und den Rest der Touristen, die wie dummgläubige Pilgerer die „letzte matriarchale Kultur Chinas“ begaffen, wie man ja nach einer kurzen Google-Suche über die Mosuo herausfindet. Und wie das treffende Wort über die Gesamtlage („gefickt zu sein“) schon andeutet, ist das „Ja“ zum Leben nie wirklich verhandelbar und noch weniger einvernehmlich.

Im Gegensatz dazu steht das „Ja“ zur Wiedergeburt im reinen Land des Buddhas, wie das Sutra es immer wieder behauptet, so oft man es auch rezitiert. Der Gestank vom toten Fleisch der Schweine, der appetitlich wirkt, solange man nicht Stunden in der Küche verbringt, brachte Kuzuo zu der Überzeugung, in Zukunft ganz auf Fleisch zu verzichten, vielleicht selbst Mönch zu werden. Dann könnte er wohl selbst ein fremdes, exotisches Parfüm tragen wie der Lama auf der Beerdigung. Er würde viel reisen und würde sicherlich auf vielen Beerdigungen rezitieren, ohne dabei selbst kochen zu müssen.

Wie der Brauch es vorschreibt, ist der Sarg klein, und die Leiche liegt darin gekrümmt wie in der Kindslage. In der Küche wird im Anschluss viel gesoffen, was die Arbeit dort, wie so vieles, ein wenig vergessen lässt. Der Tod, wie jeder weiß, ist eine Sache der Männer.

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