Das Stachelschwein-Dilemma

Persönliche Notizen und Beobachtungen über die Freundschaft anhand der Schopenhauerschen Parabel.

Es tut weh, natürlich. Ich kann es nicht verneinen, doch ich bin ein neuer Mensch. Er versucht mich unten zu halten, doch mein Weg führt nach oben und so muss ich Abschied nehmen. Meinem treuen Freund adé sagen. So ist des Lebens Lied.

Nichts tut so weh, wie jemanden gehen zu lassen, den man einst als engsten Vertrauten sah. Doch es liegt in der Natur des Lebens, das sich Dinge ständig wandeln. Beziehungen sind davor nicht geschützt, auch wenn wir uns das doch sehr wünschen. Ich musste im letzten Monat zwei meiner engsten Freunde gehen lassen, die mich seit Jahren begleitet haben. Man gewöhnt sich an den Schmerz und er ist weniger beißend als der einer Trennung von einer Frau, aber er schlägt mir trotzdem eher dumpf als stechend auf das Herz.

Dabei haben Beziehungen (ob romantisch oder freundschaftlich) immer denselben Verlauf. Am Anfang ist alles großartig, die Rosarote-Brillen-Phase. Irgendwann testest man aus, wie weit man mit dem Anderen gehen kann, denn Menschen sind gehässige und brutale Wesen. Grenzen werden respektiert – oder nicht. Wenn nicht, dann wird die Beziehung giftig. Man prügelt auf sich ein, obwohl man miteinander Zeit verbringt. Die Menschen verletzen sich gegenseitig, aber können auch nicht ohneeinander sein. Schopenhauer hat das in einer Parabel, der Stachelschwein-Parabel zusammengefasst. Er hat auch eine Lösung für diese Misere gefunden. Die Hoffnung ist also nicht verloren:



Die Stachelschweine

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen.
Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte,
wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten,
in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander;
aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.
Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem,
der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung
nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“

Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, 1851



Am Ende zerstören sich Menschen immer gegenseitig. Und bauen sich selbst wieder auf. Darauf läuft es hinaus.

Ein weiser Mentor von mir sagte einmal, dass die Welt, die Erde ein Ort niedriger vibrationaler Energie sei. Wenn ich mir die Beziehungen von Menschen anschaue, so implodieren sie meistens an irgendwelchen Kleinigkeiten. Du hast das gesagt und du hast das gemacht. Du hast mich vor anderen blamiert – obwohl das schon etwas gravierenderes ist, in meinen Augen. Verschiedene Leute finden verschiedene Sachen schlimm. Ich bin sensibel, also finde ich alles schlimm.

Menschen werden eifersüchtig, lassen schlechte Laune an anderen aus oder sind einfach nur unsicher und verletzen so andere. Bei Männern – mehr als bei Frauen – spielt das Dominanzgefüge eine extreme Rolle. Kleine Stiche werden gesetzt, um zu schauen, wer der Held in der Gruppe ist. Wenn zwei Männer untereinander sind, ist es aushaltbar. Es gibt nicht viel zu verlieren. Doch spätestens, wenn drei Männer zusammen sind, wird die magische Schwelle überschritten. Die Hierarchie lauert im Hintergrund, verborgen. Und es ist an den Männern herauszufinden, wer ganz unten – der Fußabtreter, und wer ganz oben steht. Es macht sie in höchstem Grade nervös, nicht zu wissen, wer der Fußabtreter ist. Man(n) könnte es selbst sein. Das ruft ein schauerliches Unbehagen hervor. Sticheleien, kleine Tests, um zu sehen wie der andere reagiert. Beleidigungen und sogar Gewalt – alles wird genutzt, um die Hierarchie zu entdecken. Wie kleine Welpen, die miteinander vor der Mutter ringen. Wenn die Hierarchie einmal feststeht, dann ist sie in Stein gemeißelt. Am Ende steht ein Sieger da. Ihm gehört der Status der Gruppe. Seine Befehle werden eher befolgt und ihm wird auch eher zugehört. Dem Fußabtreter bleibt nicht viel außer der Boxsack zu sein. Der Buhmann. Er nimmt dieses Los, den auf der anderen Seite dieser Misere wartet die Einsamkeit. Und er weiß nicht, ob er bereit ist, sich ihr zu stellen.

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