Wiener Nächte · Von der Gaskammer zum Gazometer

Wenn alle kauen und keiner isst, weiß man, dass es TEKKNO ist.

Wien 1951: Im Zeichen subversiver Erinnerungsarbeit und Denkmalkultur. Nachdem die Stadt Wien keine Absichten für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer des NS-Regimes gezeigt hatte, errichtete der KZ-Verband der KPÖ den Gedenkstein für Opfer des Faschismus im Jahr 1951 widerrechtlich auf dem Morzinplatz, wo sich das Gestapo-Hauptquartier befunden hatte. In einer KPÖ-nahen Zeitung hieß es über die Wiener Gemeindeverwaltung:

„Was sie unterließ, haben wir getan.“

Wien 1994: Heimlicher Bildersturmschockaktionismus. Knapp 40 Jahre später kam es von der anderen politischen Richtung zu einer weiteren subversiven Kunstaktion – obwohl die Frage nach der Urheber- bzw. Täterschaft nicht restlos geklärt ist, führen viele Spuren zu einem neu-rechten Kreis, dem Konservativen Klub um Christian Böhm-Ermolli, der einen Abschluss in Freier Malerei bei dem Künstler Arnulf Rainer machte. Dieser Übermaler fand eines Tages 27 seiner Bilder übermalt, auf einem prangte ein variiertes Hitlerzitat in Versalien:

„UND DA BESCHLOSS ER AKTIONIST ZU SEIN“.

hauntology

Der Akt des Übermalens ist ein Spiel mit dem Erinnern und Vergessen, das Zu-Übermalende wird durch das Übermalen dem Vergessen anheimgegeben, während die Übermalung fortbesteht, bis auch diese übermalt wird: das nicht-gewesen Gewesene. In einem Bekennerschreiben sprach der Täter von einem „Bildersturmschockaktionismus“, der reformatorische Bildersturm zielte ebenfalls auf das Vergessen, auf das Auslöschen von historisch Gewachsenem ab.

der Toten Gespenster nagen an den Zeitschichten

Ruf die Schläfer aus dem Pfuhl. Diesen Vers schmiedete ein epigonenhafter Dichter für seinen Lyrikband „Tage der Götter“, für welchen der nationalsozialistische Staatskünstler Arno Breker Grafiken beisteuerte. Der Pfuhl zeigt sich gleich dem Technoschuppen als liminaler Ort, als Zwischenraum, oder mit einem Begriff Marc Augés: als Nicht-Ort (non lieau): die beständige Beschleunigung oder die „militärisch initialisierte Dromomanie des Tekkno“ (QRT). Fanal und Irrlicht. Auf der Wüste des Schlachtfeldes erscheint der postmoderne Theorieproduzent QRT – Konradin Leiner ist, wie Böhm-Ermolli, 1965 geboren und 1996 gestorben, aber nicht durch einen selbstgesetzten Kopfschuss, sondern durch eine Heroinüberdosis, der glückselige goldene Schuss. Durch das Textgewebe irrlichtert der französische Faschist Pierre Drieu la Rochelle, welcher, wie sein dadaistischer Dichterfreund Jacques Rigaut, durch Suizid aus dem Leben schied. Was war noch einmal die Hauptaussage von Lord Patchogue? Dass man sich vor einem Spiegel ins Herz schießen soll. Zwischen futurismo und passatismo. Der 2021 verstorbene Manuel Ochsenreiter besuchte 1998 Österreich, das Land „der Trachten und der Briefbomben“. Im „feschen Trachtenjanker“ wird er vom FPÖ-Bezirksrat und Techno-DJ Johann Gudenus am Bahnhof empfangen – „Auf der Fahrt zu Joschi bekomme ich unter dröhnendem Techno-Sound eine Schnell Stadtführung, die wohl jedem Kulturliebhaber die Zehennägel aufrollen würde. (…) Mit einem Affenzahn brettert er durch die altehrwürdige Stadt und würdigt im Vorbeifahren die imperialen Gebäude.“ Ekstatischer Höhepunkt des Ausfluges: eine Techno-Eventreihe namens Gazometer – Joschi tauschte seinen Janker gegen Jeans, Armeeunterhemd und eine riesige Sonnenbrille.

Polyphonie der Stimmen

„(…) wenn neurechte Techno-Fans – ja, die gibt’s – ihren Ecstasy-Konsum mit dem Verweis auf Ernst Jüngers Betrachtungen über ‚Rausch und Droge‘ argumentieren, kann all dies über die Gefährlichkeit, ja über die Verwerflichkeit solcher Sucht nicht hinwegtäuschen.“ (Andreas Mölzer) 

Anschwellender Tekknozid. Sprung von der Gaskammer ins Gazometer, von der Reichskristallnacht zu Crystal Meth. Gleichklang und Gleichschritt. „Man kann heute nicht mehr sein. / Dabei wäre es so schön: offener Kampf, / sein mit größter Intensität, aufrechter / Gang“, poltert Jürgen Hatzenbichler in dem Lyrikband menschen leben & subversives sein den Verlust des Kriegerischen, eine verlorene „Existenzweise“. Erschienen ist das Werk 1993 in einer Schriftenreihe namens „Retrogarde“ des deutschen, neuheidnischen Arun Verlages. Eine zweite Veröffentlichung, das Lob der Kälte von Andreas Mölzer, bildete bereits den Schlussstein. Was füllte nun diese Leerstelle des Kriegs? – Der ballernde Tekknosound bei Raves: „160 beats per minute als Ersatz für das Donnern der Geschütze.“ (Oliver Lehmann, Spielball im Stahlgewitter. In: News 12 (1996) 34) Roland Bubik prägte in der Jungen Freiheit die Schlagworte vom „Stahlgewitter als Freizeitspaß“ und vom „freizeitvergnüglichen Stahlgewitter“. Bei solchen Raves erschien Böhm-Ermolli im „Gen-X Outfit“ (Martin Staudinger, Böhm-Ermollis Nacht. In: profil 12 (1996) 12). Die tätowierte Haut, heimlich abgetrennt vom toten Körper, von MDMA zerfressene Gehirne– ecstatic exit exist ekstasis

Nächtlicher Exkurs. Sons Of Ilsa führte 1995 in ihrem Hit Pulsingers (nicht Weinigers!) Nacht ein musikalisches Scheingefecht gegen den Techno-Nestbeschmutzer-DJ Patrick Pulsinger – i am a raver baby, so why don’t you kill me? Böhm-Ermolli suizidierte sich 1996 mittels Kopfschusses in Beethovens Sterbehaus, wo knapp neun Jahrzehnte zuvor der antisemitische Jude Otto Weininger den Freitod gewählt hatte. Erst sechs Jahre danach findet sich in einem rechten Publikationsorgan, und zwar in der Zeitschrift Aula, ein Nekrolog. Werner Bräuninger erinnert sich Böhm Ermollis: „Er verehrte Ernst Jünger, Yukio Mishima und Otto Weininger, hatte eine starke Neigung zur Mystik und zum Katholizismus.“ 

„Jünger meinte mit dem Außergewöhnlichen den 1. Weltkrieg, die Techno-Faschisten von heute sehen es im Grenzerlebnis des Musik- und Drogenrausches und in einem terroristischen Aktivismus, der oft, jenseits aller politischen Zwecke, den Charakter eines quasi surrealistischen ‚acte gratuit‘ annehmen kann.“ (Ursula Pasterk)

das Ende der großen Erzählungen

wenn alle kauen und keiner isst, weiß man, dass es TEKKNO ist

Die ehemalige Wiener Kulturstadträtin Pasterk referierte auf die damals unaufgeklärten Rohrbombenattentate, hinter welche Ermittler ein größeres, bis zum ebenso noch frei rumlaufenden UNA-Bomber reichendes Netzwerk mutmaßten. Böhm-Ermolli, in einem Interview durch Nadja Manhardt über den Begriff Technofaschisten befragt, äußerte, dass die Linke „ihr Monopol auf die künstlerische Avantgarde gefährdet“ sehe. Pasterk weiter: „Diese nihilistisch gefärbte l’art pour l’art, die sehr leicht in eine demokratiegefährdende l’art pour l’art-Politik umschlagen kann, ist, glaube ich, im Moment der gefährlichste Impuls, der aus der rechten Ecke kommt.“ Unweigerlich rufen Pasterks Äußerungen Erinnerungen an eine 

dezidiert antihumanistischer Gestus 

Stelle eines französischen Postmodernen hervor: 

„Die einzig denkbare Revolution der Verhältnisse besteht heute nicht mehr in ihrer dialektischen Aufhebung, sondern in ihrer Steigerung, Potenzierung, in ihrer Erhöhung in die zweite Potenz, in die Potenz n – sei es die des Terrorismus, der Ironie oder der Simulation. Heute handelt es sich nicht mehr um Dialektik, sondern um Ekstase.“ (Jean Baudrillard)

Kulturrevolution · Kulturkrieg. Logistik der Wahrnehmung.

„Der Kulturkrieg ist entbrannt in den Gefilden der Alpenrepublik, und die Linke ruft dazu auf, sich zu wappnen gegen die Herausforderungen einer Postmoderne, die von den ‚Kräften des Antimodernismus‘ beherrscht werden könnte.“ (Jürgen Hatzenbichler)

Kein Fortschritt, keine Teleologie, nur Loops; keine große Erzählung, sondern das ewige Jetzt des Beats. Nicht mehr Mao im blauen Anzug, sondern Mölzer im Trachtenjanker; nicht mehr die rote Garde, sondern die Retrogarde. Zwischen Utopie und Regression, zwischen Discokugel und Totenkopf. Der Kulturkrieg ist eine Endlosschleife von Steigerungen: mehr Lärm, mehr Bilder, mehr Symbole. Eine Revolution ohne Ziel, ein Krieg ohne Front – Simulation des Konflikts. Im Kulturkrieg geht es nicht um Territorien, sondern um Narrative; er findet nicht auf offenem Feld statt, sondern in der Zirkulation von Symbolen. Wien 2022: Rückwendungen · Kontinuitäten. Das Schlagwort vom Historikerstreit 2.0 sorgte für Furore, kreist oder kreiste der Disput letztlich um den gleichen Themenkomplex: Die Frage um die weltgeschichtliche Singularität der Shoa. Es geht und ging um die Vergleichbarkeit von Gulag und Konzentrationslager, wie dies prominent von Ernst Nolte elaboriert wurde und 1986/87 den Historikerstreit 1.0 entfachte, als auch um Kontinuitätslinien, ausgehend vom Völkermord an den Herero und Nama; der Anbeginn der eskalierenden Gewaltspirale. Die Besonderheit jetziger Diskussionen liegt darin, dass die kritische Haltung nicht mehr vom konservativen oder rechten Lager kommt, sondern von Vertreter*innen postkolonialen Denkens – Ziel sei es, verflochtene Erinnerungsgeschichten zu schreiben. Bekannter Vertreter: Achille Mbembe, 2022 Gast bei einer Tagung zu Raubkunst in Wien. … das Nibelungenlied kennt die Struktur Österreichs: die innere Teilung zwischen Osten und Westen, zwischen Morbidität und Anschluss Vom Gas der Vernichtung ins Gazometer. Vergessen und Erinnern im Rave. Zwischen den Bässen die Frage: Ist die Shoah unvergleichlich, oder nur ein Sample im endlosen Re-Mix der Gewaltgeschichte? Doch auch hier: kein harmonischer Flow, sondern Brüche, Offbeats, Rückkopplungen, nicht Erinnerung, sondern Störung – als Rückkehr der Gespenster: Die Geschichte weigert sich, vergangen zu sein.

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