Das Kutschergleichnis

In die Reihen von Freund und Feind geblickt, sehe ich wenig, was nicht vollkommenes Treibholz wäre.

In die „machina homo“ geblickt, versuche ich zu finden, woraus der Treibstoff ist. Was ist der Antrieb?

Erschrocken, das Herz haltend, es vor dem Sturz zu bewahren, stelle ich fest, dass in den Hüllen der meisten wenig Antrieb herrscht. Eher ist es Wegtrieb, der sie zur Bewegung zwingt. Kein Mittel finde ich, das ihrem Motor Kost ist – nein, vielmehr werden sie der Peitsche alter Kutscher gleich getrieben. Denn trotz aller Blindheit erkennen sie, dass das Stehenbleiben des Lebens Endgültigkeit heißen würde.

Stagnation ist Tod: Das muss man nicht wissen, um es zu begreifen.

Und auch das lasst euch gesagt sein: Wer nicht imstande ist, sich ein „Wohin“ zu erbauen, den scheucht die Gerölllawine des „Wovon“ weg, bis er darunter begraben liegt.

Die Peitschenhiebe fürchtend, beugen sie sich also dem Wegtrieb: manch einer rennend, ein anderer – an Puste und Ausdauer weniger reich – nur laufend; den ein oder anderen Peitschenhieb schon gewohnt, doch nicht fähig, nicht stark genug, und den Schmerz leidend in Kauf zu nehmen.

Eros heißt der Kutscher – oder Logos –, der Asketen wie Hedonisten als Liebste vor sich hertreibt.

Zu gut eignen sich diese als Vieh, da sie doch so fern des Lebens wandeln.

Es gibt auch jene, die das Leben auf Knien für sich wählen. Das keifende Seil findet so nur selten den Weg zu einem hinab; scheinbar dem Blick des Kutschers entweichend, ist aller Schmerz der geschundenen Knie nur ein Bruchteil dessen, was im Stehen zu erwarten wäre.

Doch hätten sie nur leise Ahnung von wahrer Bewegung des Lebens, so würden sie erfahren, dass dies wohl den größten Verlust eines solchen Dahinsiechens ausmacht. Doch sind sie sich dieses Daseins nicht bewusst; leise flüstern sie sich in den Schlaf, wissend, dass es sie selbst betrifft, doch im vermeintlichen Intellekt des Ausspruchs suhlend, folgende Worte: „Selig sind die geistig Armen. Die Peitsche ist uns Herr, und trifft sie uns, so habe ich nicht tief genug gekniet.“

Der Schwächste, zu schwach zur Selbstermächtigung, ermächtigt selbst noch das Schwächste, das er finden kann, hoffend, sich darin gespiegelt zu sehen; wie Narziss, sich über den Fluss zu beugen, nicht aus Liebe zum eigenen Antlitz, sondern aus Furcht davor – und doch in den Fluss zum Ertrinken sich stürzend, hoffend, am Durst zu verrecken.

Doch keine Blume wächst dort mehr; keine Blume hat es verdient, solchen dargebracht zu werden, die sich feige aus dieser Welt stehlen.

Der Freitod aus Schwäche ist keiner; nichts daran ist frei: Auf Knien zu leben, den roten Faden des eigenen Daseins nicht am Spielkreuz der Puppen befestigt, nicht als Peitsche des Kutschers zu begreifen – das ist es, was mich alle um mich so sehr verachten lässt.

Ihr schließt die Augen, weil der Himmel sich verdunkelt? Keineswegs, ihr Laien des Lebens – ihr schließt die Augen aus Angst, er könnte finster werden, und gerade deshalb wird es dunkel. So sollen euch Mitleid und Moral Geländer sein in jener Dunkelheit; doch seid gewiss: Die Streben des Geländers sind euch ebenso Kerkerstäbe. Denn wer sich an etwas klammert, wird auch von etwas umklammert. Das ist euer Schicksal.

Die Peitsche zeichnet Narben, und der Weg zerreißt die Füße – das ist der Preis, den einer zahlt, der aufrecht läuft. Mit Stolz trägt er diese Wunden, liebend nimmt er all das in Kauf; denn er weiß: Schöner als alles ist es, aufrecht zu schreiten.

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