Ein Sieg für Systeme und Struktur und alles Unromantische, sicherlich. Das Einszunull gegen Burnley am Montag – die Voraussetzung für den Titelgewinn mit dem Punkteverlust von Verfolger Manchester City am Dienstag – war kein Festmahl, gerade indem es alle Tugenden und Schwächen noch einmal strahlend sichtbar machte: der einzige Treffer kam aus einem Eckball, dafür hatte der Gegner keinen Schuss aufs Tor.
Die wenigsten Gegentreffer, die meisten Spiele ohne Gegentreffer, die meisten Tore aus Standards – mit zutiefst beruhigtem Überlegenheitsgefühl singen die Fans „Se-etpiece F.C.“, befriedigt eben über die hässliche Art zu gewinnen, befriedigt über das machtlose Wüten der gegnerischen Anhänger und stets eingedenk des historischen, früher und endlich wieder sprichwörtlichen „One-nil to the Arsenil“.
Die massiven Investitionen des vergangenen Sommers waren sämtlich als „Planstellen“ des Kaderganzen gedacht, das stimmt für bloße Hausübungen wie den Ersatztorwart genauso wie für zentrale Entscheidungen wie die neue Nummer-Neun. Gekauft wurde, nach effizient geführter Transferschlacht, Viktor Gyökeres: mit dem Ball am Fuß eher ein Nashorn, doch ein Krieger vor dem Herrn, ein Schwerarbeiter in tiefen Minen, der Mann mit den höchsten Werten beim Pressing, bei wiederholten Sprints, bei Läufen ohne Ball. Ein Mann ohne Verletzungen. Nachdem solche Krisen die vorige Saison geprägt und zerstört hatten, war streng nach diesem Kriterium rekrutiert und zugleich eine Kadertiefe wie nirgends sonst erreicht worden. Selbst auf die Ausnahme zu einem leicht zu steif und ausrechenbar werdenden System war fürgedacht worden mit dem Erwerb von Crystal Palace-Spielmacher und X-Factor-Player Eberechi Eze.
Ein Triumph der Mannschaft und der Arbeit und des kollektiven Kampfes, sicherlich. Und doch gibt es einen Mann hinter dem System, über dem System, einen „Stalin“ in diesem einst von Arbeitern einer Kanonenschmiede gegründeten Verein: Cheftrainer Mikel Arteta. Es ist seine erste Anstellung in der großen Hauptrolle, und der heurige Triumph befestigt seinen Anspruch, der beste seiner Generation zu sein. Eine breite Palette an stilistischen Einflüssen hat er zu einem eisernen Ganzen gefügt unter dem gnadenlos verfolgten einzigen Prinzip des Sieges um jeden Preis – Kontrolle durch absoluten Ballbesitz wie Pep Guardiola, Angriff durch überbordende Freiheit wie Arsène Wenger, Unbezwingbarkeit durch neobritische Körperkraft wie beim Schotten David Moyes. In der Tat bin ich schon lange der Meinung, dass Großbritannien Arteta eine Statue schuldet, weil er seine Fußballtradition in erneuerter Form wiederbelebt hat. Ungern ließ er seinen Stil jedoch als „Kontrolle“ beschreiben und sprach lieber von „Dominieren“. Es sollte keine Statistik geben, die Arsenal nicht anführt: „We want to be kings of everything.“
Zwar ragt die Mannschaft in letzter Zeit vor allem durch ihre Arbeit gegen den Ball heraus – und tatsächlich hat Arteta sie aus einem zuerst geholten Kern von Defensivspielern aufgebaut – doch zu ihren Mutationsphasen zählt ebenso das erregende hohe Pressing und enthusiastische Offensivspiel der Saison 2022/23 oder die irreale Strecke mit 31 Toren in sieben Spielen im Spätwinter ʼ24, sodass jenes Jahr mit dem Clubtorrekord endete.
Jeder Meistertitel wird durch die Hochform eines herausragenden Angreifers oder Spielmachers gewonnen – dieser nicht. Doch mit dem Mittelfeldspieler Declan Rice, vor drei Jahren Rekordtransfer des Vereins, bildet dennoch ein wahrer Fußballgott das Rückgrat der Truppe, ist Schwert und Schild und Motor, Panzer und Kanone, Alpha und Omega. Das System mag so elaboriert und zugleich robust sein wie auch immer: es braucht diesen Atlas, der es auf seinen Schultern trägt.
Noch nie ist eine englische Mannschaft vier Mal hintereinander Zweiter geworden. Es bleibt dabei. Nach drei zweiten Plätzen haben die Gunners den Stahl des Schicksals gebogen, die Nacht des Verhängnisses überwunden, alle Götter und Götzen niedergezwungen. Und so beginnt es.