CHOOSE LIFE?

Die Aufgabe des Spiegels ist es zu lügen und dadurch etwas über die Wirklichkeit zu sagen. In der Bibel ist der erste Lügner, neben dem Teufel, nicht zufälligerweise auch der erste Mörder – Kain. Adam war nur zu feige, seine Schuld zu gestehen und hat sie deshalb auf die Frau geschoben. Kain ist aber schon mutig genug, Gott selbst zu belügen.

Immer ist die Frage aller Fragen gleichzeitig und zwangsläufig die banalste aller Fragen. Wenn die Frage etwa lautet: Was ist Literatur? – Oder besser: Was ist Fiktion? – dann versteht jedes Kind, dass eine Geschichte, die ihm erzählt, vorgelesen oder vorgespielt wird, nichts anderes ist als eine Lüge.

Die Literatur verhält sich zur Wirklichkeit wie die Pornographie zum Akt. Sie tritt als große Schauspielerin in Erscheinung und liebt ihre Rolle, deren Gegenteil sie ist und sein muss. Sie ist nicht nur paradoxal, sie lebt vom Paradox. Ist alles Wirkliche vernünftig? Und wie kann etwas auf Wirklichkeit basieren und gleichzeitig nicht wirklich sein? Nach den Prinzipien der Vernunft funktionieren und trotzdem unvernünftig sein?

Wenn man die Literatur als Gegenstand hernehmen wollte, wäre sie ein Spiegel. Sie bildet Wirklichkeit ab und sie lügt. Sie liebt ihr Bild, ohne dass ihr jeder Zweck genommen wäre.

Die Aufgabe des Spiegels ist es zu lügen und dadurch etwas über die Wirklichkeit zu sagen. In der Bibel ist der erste Lügner, neben dem Teufel, nicht zufälligerweise auch der erste Mörder – Kain. Adam war nur zu feige, seine Schuld zu gestehen und hat sie deshalb auf die Frau geschoben. Kain ist aber schon mutig genug, Gott selbst zu belügen.

Wenn man lügt, begeht man ein Verbrechen an dem, was wirklich ist. Und macht der Rausch nicht dasselbe? Der Lügner und der Dichter, der „G‘schichtldrucker“ und der Säufer, der Psychonaut, der Abhängige, der Junkie sind alle, zusammengenommen und durch die Bank, Verbrecher. Wer kann sonst so viel über die Wirklichkeit sagen und den anderen dabei gleichzeitig so konsequent etwas vorlügen wie Künstler, Besoffene, Dichter, Bekiffte Schriftsteller, Zugekokste? Und warum?

Vielleicht stimmt die alte Leier, dass die Kunst und die Literatur selbst Drogen wären. (Siehe: Platons Mania, Coleridge, Novalis, Baudelaire, Nietzsche, Benjamin, Miller, Burroughs, etc…) Sie sind liebevolle Verzerrer von Räumen und Tönen, Spaßmacher und Ja-Sager, dann Stolperfallen, optische Täuschungen, langgezogene Ohren. Ein Prise Wirklichkeit unter die Nase und – Blow?

Noch ein Irrer: Jünger schreibt in seinen Annäherungen bekanntlich folgendes: „Im Rausch, egal ob er betäubend oder erregend wirkt, wird Zeit vorweggenommen, anders verwaltet, ausgeliehen. Sie wird zurückgefordert.” Aber von wem will Jünger überhaupt Zeit zurückfordern? Wenn ich, Fabian Stummer, arbeiten gehe, nüchtern bleibe, also meine Zeit im besten Sinne „nutze“, werde ich in der Wirklichkeit bleiben und zugleich nichts über sie wissen. Wenn ich mir hingegen 20 bis 50mg Heroin oder mehr per Nadel in den Arm spritze, werde ich über ein weitaus größeres Maß an Zeit verfügen, vielleicht meine Arbeit verlieren, indem ich die Zeit damit „vergeude“ high auf dem Boden zu liegen, oder weil ich längst nicht mehr weiß, wie es sich überhaupt anfühlt, wenn Zeit vergeht.

Noch dazu ist „schreiben“, das Schaffen von Literatur oder Kunst überhaupt, gar keine Arbeit. Wenn unsere Vorfahren „arbeiten gegangen“ sind, sich ein Haus gebaut oder ein Feld bestellt haben, dann deshalb, weil sie nicht anders konnten als an die Wirklichkeit zu denken. Völlig einleuchtend und jedem verständlich. Keine Zeit, um Auerochsen an Felswände zu malen. Arbeit = Erhaltung des Lebens = Planung der Zeit.

Dementsprechend lautet eines der ersten Dogmen, der einfachsten Gesetze: Wer sein Leben nicht erhalten will, der wirft es weg. Und weiter: Wer sein Leben wegwirft, wem der Tod also gleichgültig ist, der verleugnet, der lügt über die Wirklichkeit. Als Platon, von dem man sagt, er sei der Größte unter den Philosophen, über den Staat, über seine ideale Vorstellung von Gesellschaft oder Zivilisation oder wovon auch immer geschrieben hat, wollte er die Dichter aus diesem Staat verbannen. Nicht ohne Grund. Dichter = Verfluchter, Barbar, schmutziger Nomade, ewiger Obdachloser, Ahasver, dreckiger Penner, scheiß Junkie – ein Überbleibsel, der Rest einer Rechnung, die nicht aufgeht.

Man darf es sich nicht zu einfach machen. Wenn man 3 Liter Wein in sich hineinkippt oder 1 Gram Koks durch die Nase zieht, wird man dadurch kein Dichter und versteht allein deshalb noch nichts von Kunst und Literatur. Sonst wären alle Bauern und Lagerarbeiter, jeder Geschäftsmann und Politiker so groß wie Goethe oder wen man sich sonst aussuchen will. Es ist mit Sicherheit auch nicht so als würde (oder müsste) jeder Schriftsteller etwas davon verstehen, sich zu berauschen. Es gibt mittelmäßige Schriftsteller, die große Säufer waren, wie Bukowski. Es gibt sicher große Schriftsteller, die keinen Tropfen Alkohol angerührt haben, aber mir fällt keiner ein. Aber es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass die Schnapsflasche und die Schreibmaschine, der Stift und die Nadel immer Geschwister gewesen sind.

Wenn wir die Seite einmal zu oft umblättern oder tief genug ins Glas geschaut haben, wird vielleicht irgendwann doch noch etwas an die Oberfläche treiben. Die Nadel zersticht die Haut und den Schleier. Die Fiktion ist das Gegenteil der Wirklichkeit und hat doch mit ihren Mitteln gearbeitet. Die Fiktion ist die Erweiterung der Wirklichkeit, indem sie über die Wirklichkeit gelogen hat. Warum? Oder hat die Wirklichkeit selbst gelogen und ist selbst Lüge? Existiert sie an der Wahrheit vorbei? Wer sein Leben wegwirft, der wird’s finden. Er muss nur aufhören zu denken, in der sogenannten „Wirklichkeit“ gäbe es irgendetwas außer Stillstand, Apathie, Seelenlosigkeit und Verknöcherung. Vielleicht stimmt es: Literatur zu Wirklichkeit = Pornographie zu Akt. Aber dann muss auch stimmen: Wirklichkeit zu Wahrheit = Vergewaltigung zu Akt.

Wer sich an der Wirklichkeit vollfrisst, wird satt. Nur dass der Hunger wiederkommen wird. Mit dem Durst ist es aber anders. Es gibt kein Wort für den Zustand, in dem der Durst gestillt wäre. Der Durst hört nicht auf. Our only response was to keep on going and ‚fuck everything‘.

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