Don Juan in der Unterwelt

Der Verführer, der im Leben nur Augenblicke kannte, wird unten zum Bild trostloser Ewigkeiten. In Baudelaires Hades ist Don Juan nicht mehr der Spieler, sondern die Münze, die nicht mehr wechselt.

Die Unterwelt, die Baudelaire zeichnet, ist kein bloßes Jenseits; sie ist eine optische Umkehrung, in der das, was im Leben als Option erscheint, als Schicksal zurückkehrt. Don Juan taucht darin nicht auf als Meister der Libertinage, als den ihn eine oberflächliche Aufklärung begreift, noch auch als schelmischer Satanas, wie er im ursprünglich-christlichen Kontext gezeichnet wird. Der Schlüssel liegt in den Ursprüngen des Stoffes selbst und wurde durch die vielen Bearbeitungen, insbesondere durch das von Kierkegaard großgemachte Dilemma von ethischer Konstituierung und ästhetischer Selbstbehauptung, verstärkt. 

I. Das Unbehagen der Geschlechter

Die frühesten Fassungen – von der spanischen Tradition ausgehend, in der das Sakrileg und die göttliche Vergeltung wie eine dramaturgische Eisenbahnschiene angelegt sind – bilden den Dreh- und Angelpunkt. Der Verführer ist da nicht bloß Liebhaber, sondern schlechterdings ein Täter und Gottesfrevler, weil er den Treueschwur inflationiert. Das Versprechen, im religiösen Sinn als Brücke zwischen Endlichkeit und Ewigkeit verstanden, einmal missbraucht, zumal vor dem Allerheiligsten, kappt jedes sakramentale Band. 

Molière macht aus dieser religiösen Achse eine soziale. Darin ist Don Juan nicht bloß lüstern, sondern ein Rationalist der Ausschweifung, ein rhetorischer Virtuose, der die moralischen Begriffe seiner Umgebung wie Münzen über die Hand laufen lässt. Das Komische ist hier nicht Entlastung, sondern entlarvt die Gesellschaft als Bühne, auf der die Tugend selbst zur Protagonistin wird. 

Byron wiederum kehrt die Perspektive um: Sein Don Juan ist weniger der diabolische Akteur als der magnetische Körper, an dem die Gesellschaft ihre eigenen Begierden ausprobiert. Die Verführung wird, dem Jahrhundert gemäß, zum Symptom einer Welt, die ihre Triebe in Konventionen verpackt und die perpetuierte Konvention für Moral hält. Sein Spott ist nicht gegen den Verführer gerichtet; er ist gegen die gesamte moralische Ökonomie gewendet, die Schuld verteilt, um Begehren administrieren zu können.

Und dann Mozart. In Don Giovanni wird der Stoff universalisiert. Nicht als Illustration einer Handlung, sondern als Ontologie des Begehrens. Don Giovanni ist nicht die eine Figur, gespannt zwischen Tugend und Laster, er ist die Energie, die zwischen den Figuren selbst zirkuliert. Die Verführung ist hier kein psychologisches Phantasma, sie ist eine Form: Rhythmus, Tempo, Wiederkehr, plötzliche Modulation. 

II. Genealogie der Verführung

Kierkegaard überträgt diesen musikalischen Akt in das Geistige. Johannes verführt nicht primär den Körper, sondern die Selbstbeschreibung. Mehr als das Weib, will er die Veränderung ihres Blicks auf sich selbst. Er ist ein Künstler des Übergangs, ein Regisseur der Schwelle: Er bringt Cordelia dazu, sich als die zu erleben, die verführt werden kann, die zur Stimme kommt, die beginnt zu sprechen, wahrzunehmen, zu schreiben. 

Die Ethik beginnt dort, wo der Mensch die Zeit nicht mehr als Bühne begreift. Deshalb ist die Ehe für Kierkegaard nicht bloß Institution, sondern Symbol. Sie steht für die Entscheidung, die das Leben bindet, statt es zu zerstreuen. Das ist im eigentlichen Sinn ein doppelter Boden, zur Aufrechterhaltung des religiösen Paradigmas des Stoffes ex negativo.

Johannes ist nämlich nicht einfach “gegen” die Ehe. Er ist gegen jede Bindung, die nicht ästhetisch kontrollierbar bleibt, er wird zum Hamlet des Liebesaktes. Er verführt so, dass der Abbruch selbst zum Höhepunkt wird. Er beendet, um zu triumphieren. Johannes ist die reflektierte Version dieser Flucht. Und wenn man noch einen Schritt weitergeht, erkennt man die eigentliche Unterwelt. In dieser sind Beziehungen immer materialisiert, aus Stoff und Zahl. Der Mensch ist dort Kurator seiner Erfahrungen. Das ist die Hölle der Moderne: nicht Schmerz, sondern Austauschbarkeit.

III. Chronik der Gefühle

Baudelaire fasst all das in die Dichte eines einzigen Bildes. Nicht die Strafe ist das Entscheidende, sondern die Offenbarung dessen, was der Verführer im Diesseits immer schon war: Geordnete Bewegung – von dieser Welt. 

Sein eigentlicher Skandal ist nicht Sexualität, sondern Funktion: Er entwertet das Wort, indem er es als Werkzeug der unmittelbaren Wirkung benutzt. In diesem System von Erwartbarkeiten, schafft Don Juan die epistemologische Konstante: Erwartung lesen! Erwartung instrumentalisieren! Er ist als Intelligenzform des Begehrens, ein Stil männlicher Selbstbehauptung, d.i. die letzte Ausflucht.

Don Juan wird zur Emanation einer negativen Theologie von Männlichkeit. In der Unterwelt Baudelaires ließen sich so viele Dinge finden, die nicht Gott sind, dass man am End getrost sagen könnte: Darin ist Gott weniger als nichts! Gott ist unbedeutend! Don Juans negative Theologie wiederum zeigt, was Liebe nicht ist. Gerade weil er die Idee der Liebe von ihrem metaphysischen Wolkenkuckucksheim löst, sie mithin im freien Fall zeigt – ohne Sinn, ohne Form, ohne Körper – von dieser Welt. Sie kehrt auf diese Weise zu den Ursprüngen zurück. Die Behaglichkeit der Geschlechter liegt nicht in der Rückkehr zu irgendeinem imaginierten Naturzustand der Unschuld. Sie ist, wie in diesem Gang durch die Jahrhunderte offenbar wird: Befreiung! Vom metaphysischen Eifer zunächst, von Gott und Frömmelei, von bürgerlicher Konditionierung sodann, und am Ende, vom Leib selbst. So zu Tode befreit, auf was hat man die Sache dann noch gestellt?

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