Substacks Speerspitzen

Eine Auswahl der Publikationen auf Substack, die sich Arroganz erlauben dürfen. Das Dreiste und Außergewöhnliche auf einer Plattform voller kompromissverseuchter Inhalte und Wattpad-Prosa.

»TEDIOUS GHOSTS OF ›good taste‹ HAUNT OUR CITIES, AND THEY MUST BE IMMEDIATELY AND BOLDLY EXORCIZED«

@neopasseism

Neo-Passéism ist unapologetisch megalomanisch, pöbelt regelmäßig andere Autoren an und ergeht sich bis zur Vulgarität im eigenen LARP – allesamt Exzellenz-Indikatoren. Das durchaus heterogene Autorenkollektiv deklariert das Zeitalter der Neodekadenz für sich, liefert sich in unregelmäßigen Abständen unterhaltsame Schlagabtäusche mit den Neoromantikern, ist erfrischend anti-intellektuell und rechnet mit Batman, Heirat und der New Yorker »Literatur-Szene« ab.


@spiralseas

Was immer für Assoziationen dem werten Leser beim Wort » Buddhismus« in den Kopf springen – sollte es sich bei eben diesen zufälligerweise nicht um japanischen Ultranationalismus, französische Philosophie und spirituelle Psychose handeln, wird er aus dieser Publikation einiges Neues herausziehen können. Lesenswert sind besonders seine Abhandlungen über den Nichiren-Buddhismus, der sowohl Nationalisten als auch Marxisten in den Reihen seiner Anhänger hervorbrachte – im Falle von Girō Senoo bisweilen auch in ein und derselben Person. Der Autor, Mayahana-Buddhist und im weitesten Sinne wohl selbsternannter Teil der »Woke Right«, lässt sich zwischen der Aufarbeitung altindischer Sutren auch gerne mal zu etwas weniger esoterischen Kommentaren über die Moderne und Boomer herab, und neben diversen religiösen Mystikern werden alle paar Artikel auch Figuren wie Nick Land und Curtis Yarvin erwähnt, um auch den chronischen X-User ein paar Körner hinzuwerfen. Reichhaltige und stetig wachsende Textsammlung eines belesenen Mannes, der Brücken von Gilles Deleuze zu Tanaka Chigaku schlägt.


@decadent

Decadent Purity ist ein verbales Ringen mit Fragestellungen aus der christlichen Mystik, das sich nicht davor scheut, auch gnostische und heraklitische Ansätze zu besprechen. Nicht selten werden Philosophen aus dem kontinentalphilosophischen Kanon miteinbezogen, Heilige werden radikal interpretiert: St. Paul als der erste Akzelerationist ausgerufen. Besonders interessant ist neben » Divine Government, Divine Anarchy« sein wohl kontroversester Beitrag »Why Human Sexuality is Evil«, der weiter geht, als es die zeitgenössischen Christen sich trauen, und die Moralität des Geschlechtsverkehrs auch innerhalb der Ehe anzweifelt. Decadent Purity stellt den Leser vor eine tragische Wahl: Totale Abstinenz im Sinne Weiningers oder das Bataillesche Stürzen in inzestuöse Sodomie. Bedeutsamer als die konkreten Argumente und Abwägung ihrer Überzeugungskraft (interessanterweise werden hier Psychoanalyse und »Ockham’s Razor« utilisiert) ist das trauernde Lebensgefühl, das hinter den Texten schweigt. Und wen Hebbels Dramen berühren, der wird auch von dieser leidend stammelnden Argumentation berührt sein und seine Schuld spüren. Hier schreibt jemand, der den Terror der Individuation noch ehrlich spürt.


@aceticromantic

Acetic Romantic ist ein Sonderfall, insofern er nur einen einzigen Artikel veröffentlicht hat: Aphex Twin Review. Vielmehr als eine »Review« im eigentlichen Sinne handelt es sich hier um eine Abrechnung mit der gegenwärtigen Kultur um derartige Musik, die das »gerade so edgy genug, um herauszustechen« belohnt, wo der Transgressionsbegriff zu einer Floskel verkommt. Gräbt man sich durch die Kurzposts dieses empfindsamen jungen Mannes, erkennt man, dass sein ganzes Leben vom Leiden unter einer mit dieser Problematik verwandten Normalisierung – und damit immer auch Entwertung – seiner Identität durchzogen ist. Die Bagatellisierung des Chudseins, wenn man so will. Ich muss den Autor nicht sehen, um zu wissen, dass er hässlich ist. Wer Acetic Romantic liest, liest die oft intelligente, immer vulgäre Verschriftlichung der rohen, hochluziden Wut, die nur ein wahrer Sub3 verspüren kann. Stehen die Sterne richtig, kann der mitteleuropäische Insomniker von ungefähr vier bis sechs Uhr in der Früh einem Blackscreen-Livestream von just diesem Substack-Account beiwohnen, um den zynischen Monologen des Autors mit 5-6 anderen Zuhören zu lauschen. Monologe, die zu entsprechender Uhrzeit fast wie eine heilige Läuterung von der Sterilität der Moderne tönen.


@blümerant

Blümerant wird in „a vaguely hygienic distraction“ als einer der wenigsten Jüngers Nihilismus gerecht. Kein Krieg, kein Rausch: Dem Nichts sehend ins Auge starrend, und nicht zurückweichend. Worte über eine Jugend, die nicht einmal gegen Windmühlen kämpfen durfte. Und doch: Kein Ergehen im eigenen Leid, keine Lamentation der Lage, keine Sehnsucht nach dem Vergangenen. Knappe Beiträge wie kalte Bergluft. Und dazwischen: Verschiedene Übersetzungen europäischer Schriftsteller in das Englische. Besonders hervorzuheben die kommentierte Übersetzung dreier ausgewählter Passagen der »Blätter für die Kunst« von Stefan George.

»The only radical path is to accept our poverty fully, to universalize it as a concrete. The ruin, the fossil, the fragment constitutes the form in which universality exists today, stripping away both nostalgia and novelty. “My God, my God, why have you forsaken me?” Each particular will perish or reinvent itself within poverty, forsaken by the very universal called to embolden it. Just when you think it’s finally over, the twist arrives.«

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