Der Weg zur Kunst
Der typische Weg zur Kunst verläuft ungefähr so: Man begegnet Kunst und kann sie nicht einordnen; man begegnet Kunstexperten, lernt von ihnen und die Kunst wird zunehmend verständlich. Dieser Zyklus kann sich unter Umständen so lange wiederholen, bis man selbst zum Kunstexperten wird. Ein Kunstexperte ist jemand mit Fachwissen über Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Wer Wissen über Kunst besitzt, ist nur der Künstler und auch das Wort Wissen ist in diesem Kontext zweifelhaft, wie sich zeigen wird.
Hier beginnen die grundlegenden Missverständnisse der Kunstwelt.
Der Kunstexperte
Kunstexperten lesen und theoretisieren die Positionen der Vergangenheit und Gegenwart. Aus dieser Tätigkeit entsteht eine Intuition, die sie Blick nennen. Dieser Blick ist ein Gespür für bereits existierende Positionen. Was ihnen entgeht, sind die Positionen der Zukunft. Deshalb wird der Künstler vom Kunstexperten zunächst immer verkannt. Ein Künstler besitzt keine Position der Vergangenheit oder Gegenwart, sondern eine eigene Position, die also notwendigerweise eine Position der Zukunft ist. Erst wenn diese Position in die Gegenwart und schließlich in die Vergangenheit übergeht, kann sie von Kunstexperten gelesen und theoretisiert werden.
Der Künstler
Der Künstler ist jemand, der Kunst macht. Er verfügt über eine Position, von der aus er seine Vision entfaltet, und über eine Stimme, mit der er sie artikuliert. Er lässt sich oft an der Kürze seiner experimentellen Phase erkennen. Er sucht nach keiner Stimme, weil er eine hat. Ebenso besitzt er in der Regel keine Bildung im kunsthistorischen Sinne, denn man kann sich (noch) nicht über die Zukunft bilden, in der er operiert. Die Position des Künstlers wirkt für ihn wie ein System, das ihn einschließt. Ein System kann nur bestehen, wenn es sich von anderen Systemen abgrenzt. Der Künstler kann daher keine fremden Positionen in die eigene integrieren. Er versteht andere Künstler nur dann, wenn sich ihre Systeme ausreichend überschneiden (Bukowski hasste alle, außer vielleicht Céline und Schopenhauer). Der Künstler ist das Ventil, durch das Gott sich ausdrückt und Gott ist das Fundament aller Prinzipien der Wirklichkeit.
Der Pseudokünstler
Der Pseudokünstler ist jemand, der Künstler sein möchte, ohne Vision oder Stimme zu haben.
Er imitiert andere Künstler, um – wie er sagt – seine eigene Stimme zu finden. Damit steht
er im direkten Gegensatz zum Künstler. Der Pseudokünstler besitzt kein eigenes System. Er ist offen und aufnahmefähig. Er absorbiert alles: Stile, Methoden und Theorien. Diese Offenheit führt zu immer größerer Bildung, die ihn schließlich zum Kunstexperten macht, aber niemals zum Künstler. Der Pseudokünstler missbraucht Kunst als Ventil, um sich selbst auszudrücken (ich selbst bin übrigens ein Pseudokünstler).
Die Pseudokunstakademie
Kunstakademien stehen vor einem unlösbaren Problem: Wen sollen sie als Lehrkörper einstellen und wie sollen sie Studenten auswählen?
Kunstexperten können Künstler nicht erkennen, weil sie nur Positionen der Vergangenheit und Gegenwart verstehen. Sie nehmen Studenten auf, die Positionen der Vergangenheit und Gegenwart imitieren, selbst aber keine Position (der Zukunft) haben. Künstler können Künstler ebenfalls kaum erkennen, da ihre Systeme nur selten ausreichend überlappen. Sie nehmen Studenten auf, die die Positionen des Künstlers selbst imitieren, ohne dabei eine eigene Position (der Zukunft) zu haben – Nitsch achtete bei der Auswahl seiner Studenten darauf, ob sie das Innere des Körpers zeichneten. Deshalb existieren faktisch nur Pseudokunstakademien, die zwei Dinge zu lehren wissen: Kunstexperten zu werden und immer raffiniertere Pseudokunst zu fabrizieren. Streng genommen waren Kunstakademien nie Akademien der Kunst, sondern des Handwerks. Sie lehrten Maltechnik und Materialbeherrschung und bildeten Künstler zu Handwerkern aus. Sobald also das Handwerk in der Kunst an Bedeutung verliert, verlieren klassische Kunstakademien selbst ihren Sinn.
Die Pseudokunst
Pseudokunst ist das Machwerk des Pseudokünstlers. Sie entsteht durch das Kopieren von Positionen der Vergangenheit und Gegenwart. An der Pseudokunstakademie wird gelehrt, diese Kopien immer raffinierter zu machen: Formen werden kombiniert, Materialien verschmolzen, Methoden vermischt und Theorien integriert bis schließlich ein Artist Statement formuliert werden kann.
Die synthetische Pseudoposition des Pseudokünstlers ist ein Gedankengerüst, das immer höher gebaut wird, um das Niveau der Kunst zu erreichen und die Besten dieser Türme stehen tatsächlich ganz gut da. Sie wirken originell, weil sie unzählige Positionen kopieren und tiefgründig, weil sie hoch sind. Sie bleiben aber Bottom-up Strukturen und erreichen niemals das Plateau der Kunst.
Die Kunst
Ein Kunstwerk ist eine künstlich geschaffene Entität, deren Hauptzweck darin besteht, ein möglichst weites und tiefes Feld möglicher Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zu eröffnen. Ein gutes Kunstwerk ist Kunst. Ein Kunstwerk erreicht ein Plateau der Kunst, auf dem seine Wiese nahezu unendlich weit und tief wird. Literatur, die Kunst ist, kann ein Leben lang gelesen werden, weil sie unerschöpflich weit und tief ist. Kunst ist Top-down (auf einer Hausparty erblickte El-Tetawy eine Frau, die eine Banane aß und Unicorn House schoss ihm binnen eins einzigen Moments in den Kopf, samt aller Einstellungen, Schnitte, Figuren, Dialoge und Handlungsstränge).
Meine Angst und Trauer
Wenn ich heute Galerien oder Akademien besuche, sehe ich diese fragilen kleinen Türme und ich sehe diese Pseudokünstler, diese Kunstfanboys, die nie einem Genie auch nur begegnet sind. Und Kunstexperten sagen ihnen, sie hätten Talent, was bedeutet, dass sie die Positionen der Vergangenheit und Gegenwart überzeugend kopieren. Und über ihnen schweben diese Meisterwerke der Vergangenheit, die sie verzweifelt mit ihren Türmen zu erreichen versuchen, während die Experten ihnen zurufen: Du bist fast da.
Und dann treffe ich die Erzieherin Elena Fekonja, die eine neue Linie gefunden hat. Diese Linie übersetzt Farbe in Breite und Breite in Farbe und erweitert dabei intuitiv sämtliche Theorien von Goethe bis Deleuze. Als ich einem Kunstexperten ihre Zeichnungen zeigte, meinte der nur, Art Brut sei ein kapitalistischer Trick (ich habe dann sofort eine Zeichnung gekauft).
