Der Tod Richard Wagners

Der Tod war immer ein zentrales Element seiner Musik. Der Geist Wagners wird immer über Venedig schweben, gerade die melancholischen Seiten seiner Musik passen zu dieser Stadt und vielleicht war dies auch ein Grund dafür, warum er sich zum Schluss in dieser Stadt aufhielt.

Richard Wagner starb am 13. Februar 1883 in Venedig.


Das Jahr 1882 war das letztes volle Lebensjahr Richard Wagners. Am Ende diesen Jahres ging auch für seinen langjährigen Freund Friedrich Nietzsche, dem er zum letzten Mal im Sommer 1876 in Sorrent begegnete, das Leben fast zu Ende. Wagner war dort bei seiner langjährigen Freundin Malwida von Meysenbug zu Gast, die auch die Brieffreundin Nietzsches war. Wagner und Nietzsche unternahmen in Sorrent einen letzten gemeinsamen Spaziergang, wobei es bei einem Gespräch wahrscheinlich um Wagners neueste Oper, den Parsifal, ging. Es muss sich zu einem Streitgespräch entwickelt haben, und es war eigentlich von vornherein für Nietzsche klar, dass ihm diese christlich angehauchte Oper nicht gefiel, wo er doch schon frühzeitig selbst ein Kritiker des Christentums war. Für Nietzsche kroch Wagner zu Kreuze und er war von ihm sehr überrascht. Es war ein anderer Wagner als der Wagner, den er von den vielen gemeinsamen Tagen in Tribschen im Hause Richard Wagners und seiner Frau Cosima, der Tochter von Franz Liszt, kannte.


Nietzsche stand in diesem Winter 1882/1883 in Rapallo kurz vor dem Selbstmord. Er hat sich aber, wie er selbst in seinen Briefen erwähnt, mit „Unmengen von Opium“ am Leben gehalten. Es war der schmerzlichste Winter seines Lebens, er verlor in diesem Jahr einen anderen guten Freund, Paul Ree. Aber er verlor nicht nur ihn, sondern auch Lou Salome, eine emanzipierte junge Frau aus St. Petersburg, die er erst im selben Jahr in Rom auf Vermittlung Rees kennenlernte und in die er sich verliebte. Ihre Freundschaften sind an dieser letztlich unglücklichen Dreiecksbeziehung zerbrochen. Sie schmiedeten gemeinsame Pläne für Studienaufenthalte in Paris oder Wien. Lou verbrachte mit Ree ein paar Wochen auf seinem Landsitz in Stibbe in Westpreußen, anschließend verbrachte sie mit Nietzsche ein paar Wochen in Tautenburg in Thüringen, bevor sie sich dann alle drei gemeinsam in Leipzig trafen, wo sich eine schlechte Stimmungslage ergab und sich das Ende dieser Trias schon andeutete. Ihre Wege trennten sich danach für immer. Auch Ree interessierte sich für Lou.


Wagner hatte immer ein Interesse daran, dass Nietzsche heiraten solle. Vielleicht ahnte er aus der Ferne in Venedig, wie sich Nietzsche in Rapallo zur selben Zeit fühlte. Wagners letzte geschriebene Worte an seinem Schreibtisch im Palazzo Vendramin waren, als man ihn leblos dort sitzend fand: „Gleich wohl geht der Prozeß der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe – Tragik“.


Wenn sich Nietzsche und Lou Salome nähergekommen wären, wäre Nietzsche vermutlich ein braver Ehemann und vielleicht auch Vater geworden, und seine letzten Werke, insbesondere der Zarathustra, würden nicht gar nicht existieren. Und es hätte vielleicht einen realen Sohn gegeben, statt des idealen Sohns Zarathustra. Vielleicht standen Lou und Nietzsche kurz davor, auf dem Monte Sacro, dem Mönchsberg der Franziskaner am Ortasee in Oberitalien in der Nähe des Lago Maggiore, oder in Luzern,gar nicht so weit weg von Tribschen, wo Nietzsche ihr am Löwendenkmal einen Heiratsantrag machte. In Luzern entstand auch in einem Fotoatelier das bekannte Bild, in der Lou eine Peitsche hält und sich zwei Männer, Nietzsche und Ree, vor einen Karren spannte. Dies geschah alles im Jahre 1882. Diese Dreiecksbeziehung zwischen ihm, Ree und Lou ging für Nietzsche unglücklich aus, er sah sie beide nicht wieder.


Im Februar 1883 starb dann Richard Wagner in Venedig im Palazzo Vendramin. Eine Beerdigung in Venedig statt in Bayreuth hätte besser zu Wagner gepasst, nach einer Gondelfahrt vom Palazzo Vendramin zur Toteninsel San Michele. Aber es passt zu seinem Leben, er blieb alles in allem ein Deutscher, auch wenn seine Musik in die weite Welt ausstrahlte. Es war als ob seine Musik nach seinem Tod in alle Meere fuhr. Der Tod war immer ein zentrales Element seiner Musik. Der Geist Wagners wird immer über Venedig schweben, gerade die melancholischen Seiten seiner Musik passen zu dieser Stadt und vielleicht war dies auch ein Grund dafür, warum er sich zum Schluss in dieser Stadt aufhielt.

Und vielleicht ahnte er dort seinen eigenen Tod.

Weitere Beiträge

Ein Vorwort zu den Partituren Hermann Nitschs.
Die Richtlinien unserer Innenpolitik sind: Wechselschwingungen, Arcanum, Sturm gegen Gott, Marsch auf Rom mit narkotischen Substanzen, Bewegtheit des Tieres, Gesundbeterei, Sportpalast, schöne Freizeitbeschäftigung, Schlagwort-Montage der Gegenrenaissance.
If a hydroelectric dam is put on the river, it is still the same river, yes? No. The river has been turned into a cog in a mechanized economy.
Die Nacht gebärt allerhand Schatten.
Irgendwo ist man auch als Analytiker auch Mensch und selbst Betroffener, auch vom Tod als existenziellem Ereignis, dem existenziellen Ereignis schlechthin, das immer näher rückt.
Wer vom Reiche nicht sprechen will, der hat von der Menschenwürde zu schweigen.
Nicht das Gedächtnis hält die Toten fest, sondern die Praktiken der Lebenden – und wo diese Praktiken enden, beginnt die eigentliche Auflösung der Person in der Masse.
Das Opfer unter der »Gottersetzung« scheint nicht um eine Farce herumzukommen – wohl: Das Opfer unter Gott kam dies auch nie.

Beiträge anderer Kategorien

Ein Überblick über die Symbole, denen sich die Künstler bei Darstellungen der Reinkarnation bedienen.
Ein verlassenes Haus ist nicht weniger ergreifend als ein verlassener Mensch. Ich kenne das Foto seit dreißig Jahren, seit es mit Richards Nachlass zu mir kam. „Der Ort Arleux liegt in der Picardie“, sagte mir der Berater beim ADAC. Er zeigte mir die Gegend auf dem Bildschirm und druckte mir
Das Drachengame als Gesamtkunstwerk.
The voting is closed! @realDonaldTrump 9:12 AM 11/5/20
Vorstellung vierer der prägendsten Köpfe des russischen Futurismus und ihrer Methoden.
Seibt schrieb keine Goethe-Biographie, wohl aber lernt man Goethe in diesem Buch kennen, vermutlich in einer Breite, wie es kein anderes Buch in diesem Umfang schafft.
COSTAE SPURIAE
Warum Kunstakademien nicht existieren.